Der Mann, der die French Open ins Chaos gestürzt hat, spielt weiter, als wäre nichts gewesen. Er gewinnt auch das nächste spektakuläre Fünfsatzmatch. Diesmal wirft er zwar keinen haushohen Favoriten aus dem Turnier wie in der Runde zuvor den Weltranglistenersten Jannik Sinner.
Diesmal schreibt Juan Manuel Cerundolo auf andere Weise Grand-Slam-Geschichte: Er gewinnt das drittlängste Tennisspiel der French Open seit 1996, das längste seit Einführung des Match-Tiebreaks im fünften Satz. „Wahnsinn“, schrieb der Argentinier nach seinem 6:4-, 6:7-, 7:6-, 6:7-, 7:6-Sieg in den sozialen Medien. Der Begriff fasst das ganze Holterdiepolter im Pariser Herrenfeld trefflich zusammen.
5:58 Stunden rackerte der Sinner-Bezwinger mit dem Spanier Martin Landaluce am Samstag vor nicht allzu großem Publikum auf dem recht kleinen Court 7, ehe er mit vorletzter Kraft den Matchball verwandelte. Danach war der Vierundzwanzigjährige noch in der Lage, über seine Erschöpfung Witze zu reißen: „Mal sehen, wie ich mich im Achtelfinale schlage auf einem Bein.“
Ein Knüller folgt dem nächsten
Gut zu wissen für Cerundolo, dass es den anderen kaum besser geht. Mit Ausnahme des Italieners Flavio Cobolli, der bislang durch das Turnier zu schweben scheint, haben die hitzigen Gefechte unter der (inzwischen verschwundenen) Pariser Hitzeglocke auch bei der Konkurrenz Spuren hinterlassen.
Oh, là, là, tout Paris ist ganz aufgeregt, weil es nach dem Ausscheiden von Sinner, dem Besten, und Djokovic, dem Größten, einen erstmaligen Grand-Slam-Champion geben wird. „Ob du durchkommst oder nicht – du bist ein Teil der Geschichte“, sagte Frances Tiafoe zu dem überraschend offenen Feld, das sich ihm und seinen Kollegen nun bietet: „Es ist eine Freude, Teil dessen zu sein.“
Der Amerikaner gehört zur überschaubaren Gruppe der Top-30-Spieler, die noch im Turnier sind. Ihm gelang am Samstag das Kunststück, gegen den Portugiesen Jaime Faria einen 0:2-Satzrückstand in einen Sieg zu verwandeln, während draußen die PSG-Fans ein Feuerwerk veranstalteten. Im Achtelfinale wird Tiafoe auf den Italiener Matteo Arnaldi treffen, der noch eine Stunde länger auf dem Platz stand, ehe er nach 4:58 Stunden den Belgier Raphael Collignon im Match-Tiebreak besiegte. „Es fällt mir gerade schwer, über Tennis zu reden“, sagte Arnaldi eine Weile später. Ihm fehlten die Worte vor Glück.

Fünf Herrenmatches gingen am Samstag über fünf Sätze; neun waren es insgesamt in den 16 Drittrundenspielen – so viel wie nie, seit der Tenniszirkus 1968 professionell wurde. Madison Keys sähe es lieber, wenn solche Tennisschlachten schleunigst verschwänden. Die Geduld der Australian-Open-Siegerin von 2025 und ihrer kanadischen Gegnerin Victoria Mboko wurde am Samstag arg strapaziert. Sie durften erst auf den Platz, nachdem der Italiener Matteo Berrettini den Argentinier Francisco Comesana nach 5:13 Stunden Spielzeit niedergerungen hatte. „Ich bin weiter dafür, fünf Sätze zu untersagen. Ich will nie wieder auf ein Herrenspiel warten müssen“, sagte Keys danach.
Faszination und Verwunderung
Doch schafft es auch die Amerikanerin nicht, sich den kraft- und nervenzehrenden Duellen in Paris zu entziehen. Wie die anderen Tennisdamen verfolgt sie das Treiben der Männer teils fasziniert, teils verwundert. „Ich habe das Gefühl, bei allen breitet sich allmählich Angst aus“, sagte Madison Keys über die Männer, die stark blieben oder schwach wurden. Bei den Tennisdamen ist man es ja seit Serena Williams’ Abschied gewohnt, dass vermeintliche Favoriten straucheln und die eine oder andere Kollegin ein großes Turnier gewinnen kann – wie Keys vor 16 Monaten in Melbourne. Nun wünscht die Einunddreißigjährige ihren lieben Kollegen, dass sie den Pariser Chaoswettbewerb einigermaßen überstehen. „Sie sollten aufhören, sich um den Finalsonntag zu sorgen, sondern sich stattdessen um heute und morgen kümmern.“
Leichter gesagt als getan. Die Tennisherren bemühen sich sichtlich, nicht allzu sehr ins Träumen zu geraten. Sondern, wie sie so schön floskelhaft sagen, sich aufs nächste Match zu konzentrieren. „Es ist nicht leicht, weil du natürlich das Tableau siehst“, sagte Cobolli. Alex de Minaur ist an der ungewohnten Situation gescheitert. Nach seinem Drittrundenaus am Freitag gab der Australier zu, dass ihn das Sinner-Aus umgehauen habe. Er stelle sich stets darauf ein, gegen Ende eines Turniers gegen die Spitzenspieler anzutreten; dass sie plötzlich fehlten, habe ihn irritiert: „Ich empfinde es als vergebene Gelegenheit. Solche Gelegenheiten habe ich in meiner Karriere nicht viele.“
Bohrt man bei den Verbliebenen nach, dann wird schnell klar, dass alle nur über das eine tuscheln. Wer wird’s, wenn nicht mehr Sinner? „Darüber reden wir alle in der Umkleide“, gab der Amerikaner Zachary Svajda zu, der aus Südkalifornien kommt und überraschend im Pariser Achtelfinale auftaucht: „Als ich wusste, dass das Feld offen ist, habe ich einfach versucht, bei meinen Routinen zu bleiben und abzuwarten, was passiert.“ Dass er sich als 85. der Weltrangliste zutraut, „jeden schlagen zu können“, spricht für die verbreitete Einstellung im Rest des Feldes.
In der Pariser Luft wittern viele eine Chance. Außenseiter wie Svajda, Sandplatzkönner wie Cobolli, Routiniers wie Tiafoe und Felix Auger-Aliassime. Frauen wie Madison Keys, obwohl selbst noch im Turnier, werfen mehr als ein Auge auf die Männer. „Es ist immer aufregend, wenn verrückte Dinge passieren“, sagte die Amerikanerin. „Als Tennisfan ist es ein Vergnügen, dabei zuzuschauen.“
