Am Ende hat sich der Favorit durchgesetzt. Damit entsprach das Ergebnis den Erwartungen, während der vorherige Spielverlauf diesen beinahe konträr zuwidergelaufen war. Der Titelverteidiger FC Bayern München Basketball gewann zum Auftakt der Halbfinalserie um die deutsche Meisterschaft sein Heimspiel gegen die Telekom Baskets Bonn mit 83:78, nachdem es lange so ausgesehen hatte, als ob den Rheinländern die große Überraschung gelingen könnte.
Die Bonner waren als krasser Außenseiter in diese erste Partie gegangen. Einerseits verfügen die Münchner über den mit Abstand besten Kader der Liga, andererseits gingen die Gäste mit deutlich müderen Beinen an den Start. Während für den Hauptrundenprimus aus der bayrischen Landeshauptstadt das Viertelfinale gegen den Überraschungsaufsteiger Trier nur ein besserer Aufgalopp war, musste sich Bonn gegen Würzburg über fünf Spiele quälen, um die nächste Runde zu erreichen.
Doch dieser Faktor, der eigentlich für die Münchner sprechen sollte, wurde zunächst ad absurdum geführt. Nach nur zwei Tagen Pause seit dem fünften Viertelfinale am Mittwoch präsentierten sich die Bonner im Rhythmus, während der Bayern-Motor nach einer spielfreien Woche nicht anspringen wollte.
Wer einen Favoriten knacken möchte, muss in allererster Linie seine Wurfchancen hochprozentig verwandeln. Genau hier lag in der gesamten Saison das Manko des Außenseiters. Kein Team traf in dieser Spielzeit schlechter von der Dreipunktelinie als die Bonner, die ihre katastrophale Hauptrundenquote in der Würzburg-Serie mit 24 Prozent sogar noch unterboten und in der kompletten ersten Halbzeit der fünften Partie keinen einzigen Treffer von jenseits 6,75 Metern landen konnten.
Doch dies war im ersten Viertel am Samstag in München Vergangenheit. Bonn traf drei von vier Versuchen und präsentierte sich defensiv mit Aggressivität und Genauigkeit. So führten die Gäste nach zehn Minuten mit 21:18 und bauten diesen Vorsprung unter anderem durch zwei weitere Dreier auf 29:18 aus. Danach zogen die Bayern erstmals die Stellschrauben enger und arbeiteten sich heran.
Joel Aminu überragt und verteidigt stark
In dieser Phase verloren die Bonner ihre beiden wichtigsten Spieler. Zunächst knickte mit Michael Kessens der Matchwinner des fünften Spiels gegen Würzburg um, kurz danach auch noch Spielmacher Grayson Murphy, der mit dem Center ein Pick-and-Roll-Duo bildet, das das Kernstück der Offensive darstellt. Während der Amerikaner in der zweiten Halbzeit wieder mitwirken konnte, war für Kapitän Kessens die Partie beendet. Dennoch ging Bonn mit einer knappen 34:30-Führung in die Kabine, weil die Bayern sich zehn Ballverluste geleistet und neun Offensiv-Rebounds zugelassen hatten.
Auch nach der Pause fanden die Bonner besser ins Spiel. Der überragende Joel Aminu, der 23 Punkte markierte und über weite Strecken stark gegen Andreas Obst verteidigte, sorgte fast im Alleingang für die höchste Gästeführung beim 45:32. Danach trat Xavier Rathan-Mayes auf den Plan. Der Kanadier, der im Saisonverlauf nie einen Rhythmus mit den Münchnern gefunden hatte, ersetzte das offensive Teamplay durch Eins-zu-eins-Aktionen. Mit elf Punkten in achteinhalb Minuten sorgte er dafür, dass die Bayern im dritten Viertel den Anschluss nicht komplett verloren.
Die Gäste gingen mit einer 58:50-Führung in den Schlussabschnitt, in dem sich aber dann der Kräfteverschleiß mit jeder Minute stärker bemerkbar machte. Vor allem Aminu, der das dritte Viertel noch mit einem Dreier beendet hatte, wirkte zusehends müder, und Melvin Jostmann, der als Bankspieler das Fehlen Kessens auf einer für ihn ungewohnten Position kompensieren musste, konnte unter den Körben Oscar da Silva nicht ausreichend Paroli bieten. So kamen die Bayern zweieinhalb Minuten vor dem Ende beim 73:71 zu ihrer ersten Führung seit dem ersten Viertel, die sie danach nicht mehr abgaben.
Entscheidender Spieler bei den Münchnern war der schon in der Trier-Serie starke Nenad Dimitrijević. Der Nordmazedonier orchestrierte die Münchner Offensive im letzten Viertel großartig und verbuchte insgesamt 14 Assists, ohne sich einen einzigen Ballverlust zu leisten.
Bonn gelang es nicht, die durch die starke Arbeit beim Offensiv-Rebound generierten 71 Wurfchancen (München hatte 58) in einen Sieg umzumünzen. Damit ließen die Rheinländer die vielleicht beste Gelegenheit aus, dem Favoriten in dieser Serie ein Bein zu stellen. München ist jetzt gewarnt und Kessens auf Bonner Seite ein Fragezeichen. Gegen Trier stellten sich die Bayern von Partie zu Partie besser auf den Stil des Konkurrenten ein und traten im Verlauf der Serie immer dominanter auf. Genau diese Entwicklung ist auch für die weiteren Duelle mit Bonn zu erwarten.
Der Autor ist zweimaliger Trainer des Jahres in Deutschland.
