
Nur drei Trainingseinheiten hatte Julian Nagelsmann, um sich einen ersten Eindruck von seinen WM-Auserwählten zu machen. Die knappe Zeit reichte, um eine zentrale Frage in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu beantworten: Wer spielt im defensiven Mittelfeld? Für das erste von zwei Tests an diesem Sonntag in Mainz (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und im ZDF) gegen Finnland hat der Bundestrainer die Antwort am Vortag geliefert: Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović werden starten.
Ob sie auch am 14. Juni zum WM-Start gesetzt sind, muss sich noch weisen; nach dem Stand der Dinge aber scheint das eine gut mögliche Lösung. Vor allem für Nmecha, der im Training in Herzogenaurach, wo die Nationalelf den ersten Vorbereitungsteil am Samstag abschloss, einen starken Eindruck machte, geht es darum, Spielzeit zu erhalten. Erst im Saisonendspurt kehrte der Dortmunder nach Verletzung auf den Platz zurück. „Es geht darum, ihm Rhythmus zu geben“, sagte Nagelsmann. Der fehlt nicht nur Nmecha.
Jamal Musiala spielte letztmals im Italien-Rückspiel
Auch Jamal Musiala soll nach mehr als 14 Monaten ohne Einsatz für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an diesem Sonntag spielen. Als er letztmals für die Nationalmannschaft auflief, war die deutsche Fußballwelt eine andere. Am Abend des 23. März 2025 wähnte sich die deutsche Elf auf dem direkten Weg zurück in die Weltspitze. Im Rückspiel des Nations-League-Halbfinals gegen Italien führten die Deutschen zur Pause nach einer glanzvollen Vorstellung mit 3:0 Toren gegen Italien.
Dazu hatte auch Musiala beigetragen, der hellwach war, als Joshua Kimmich eine Ecke schnell ausführte und die Italiener blamierte. Musiala schob den Ball ins leere Tor. Doch in der zweiten Halbzeit verspielten die Deutschen den schönen Vorsprung; es reichte mit Müh und Not zum 3:3 und zur Qualifikation für das Halbfinale. Retrospektiv war das der Knick in der deutschen Leistungskurve. Beim Final Four folgten Grenzerfahrungen gegen Portugal und Frankreich: Die Weltspitze ist doch weiter entfernt als erhofft.
Bevor sich die Nationalmannschaft im Zickzackkurs durch die Qualifikation zum Turnier in den USA, Kanada und Mexiko spielte, erlebte Musiala einen persönlichen Bruch. Die Diagnose bei der Klub-WM: Bruch des Wadenbeins und schwere Sprunggelenkluxation. Im Januar kehrte er beim FC Bayern zurück, im März fehlte Musiala mit Problemen am Sprunggelenk bei den Länderspielen. Im Klub reichte es nur in einer von 24 Partien zur vollen Spielzeit. Der Weg zurück zur Weltspitze ist auch für Musiala mühsam.
Nun, pünktlich zur WM, soll Musiala ihr wieder nahekommen. Doch der jüngste Eindruck war nicht der beste. In den finalen Wochen der Saison beim FC Bayern verfestigte sich der Eindruck: Der 23 Jahre alte Dribbler ist nicht der Alte. Die sonst so schlangenhaften Bewegungen an den Beinen der Gegner vorbei wirkten schwerfällig, unrund, blockiert. Und der Ball blieb nicht immer an Musialas Zauberfüßen. An Einsatz mangelte es wahrlich nicht. Das war auch im Training der Nationalmannschaft sichtbar.
„Freue mich, morgen auf dem Platz zu sein“
„Ich freue mich richtig, ich war sehr lange nicht dabei“, sagte Musiala am Samstag. „Ich habe richtig Spaß.“ Insbesondere das Zusammenspiel mit Florian Wirtz, das es so lange nicht gab, soll ein deutscher Erfolgsfaktor auf der Weltbühne werden. „Ich habe schon vermisst, mit ihm zu zocken“, sagte Musiala über seinen Partner. Er blickt mit Lust voraus auf die kommenden Wochen mit Wirtz. „Die Tage waren super. Ich freue mich, morgen auf dem Platz zu sein.“
Auch dem Bundestrainer sind Musialas Probleme nicht entgangen. „Es war einfach eine sehr schwere Verletzung, es hat lange gedauert, mit ein paar Problemchen hinterher“, sagte Nagelsmann. Dennoch sieht er bei seiner Nummer zehn „sehr gute Schritte“. Das Wichtigste bei einem Spieler wie Musiala, der „wie ein Straßenkicker spielt und intuitiv viele Dinge macht“, sei, dass er „nicht darüber nachdenkt, dass er eine schwere Verletzung hatte“. Nagelsmann sieht Musiala nun auf „einem sehr guten Weg“.
Der Bundestrainer gibt den geduldigen Prozentrechner. „Wenn er mit 70 Prozent spielt, ist er trotzdem besser als viele andere auf der Welt, weil er ein außergewöhnlich guter Spieler ist.“ Das Ziel sei, beim ersten WM-Spiel bei 100 Prozent zu sein. „Wenn er da vorher bei 98 ist, bin ich auch zufrieden.“ Welche Zahl Musiala derzeit erreicht, wird sich am Sonntag in Mainz und am darauffolgenden Samstag in Chicago bei der Generalprobe im Duell mit Ko-Ausrichter USA zeigen. Danach bleibt eine Woche bis zum WM-Start.
Am Sonntag wird der degradierte Oliver Baumann im Tor stehen. Manuel Neuer absolvierte am Freitag eine Autogramm- und Selfie-Einheit, am Samstag trainierte der Rückkehrer individuell. Nagelsmann sieht bei ihm Fortschritte: „Heute war er schon schneller beim Laufen, er hat keine Probleme. Er liegt voll im Soll.“ Der Bundestrainer verteilte weitere Startelf-Zusagen: Lennart Karl beginnt im rechten Mittelfeld, Deniz Undav ersetzt Kai Havertz, der mit Arsenal im Champions-League-Finale steht, als Spitze.
Der Countdown zur WM tickt. Das merkt Nagelsmann dieser Tage. Nach dem Duell mit Finnland gibt es am Montag eine öffentliche Regenerationseinheit am DFB-Campus in Frankfurt, am Dienstag hebt der Flieger gen Chicago ab. „Wir haben nicht viel Zeit. Die Einheiten sind rar, wir müssen schnell in den Rhythmus kommen“, sagte Nagelsmann, bevor ein Bus den großen DFB-Tross gen Rhein-Main-Gebiet fuhr. Dort soll gegen Finnland etwas „fürs eigene Gefühl“ getan werden. Das wünscht sich nicht nur Nagelsmann.
