
Auf einem Tisch in Felix Schwenkes Büro steht ein kleines, würfelförmiges Gerät, Kantenlänge so um die 15 Zentimeter – und auf das ist der Offenbacher Oberbürgermeister ziemlich stolz: „Ein Stellungsregler von Samson, der erste, der in Offenbach gebaut worden ist.“ Eigentlich gelten Apparate der Mess- und Regeltechnik nicht als besonders sexy, doch für ihn ist der Umzug des Unternehmens von Frankfurt nach Offenbach ein Symbol für die Trendwende in einer immer noch armen Stadt. Gerade ist sie in einem Ranking zum Aufsteiger des Rhein-Main-Gebiets gekürt worden, und der Offenbacher Oberbürgermeister, seit 2018 im Amt, ist das Gesicht dieses Aufschwungs.
Der Spitzenplatz in einer Bestenliste ist eine feine Sache, aber für Schwenke haben andere Kennzahlen Bedeutung. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Frankfurter Nachbarstadt zum Beispiel, knapp 54.000. Das sind so viele Stellen wie seit mehr als 50 Jahren nicht, als Offenbach in die Mühlen des Strukturwandels geriet und 80 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie verlor. 2024 lag die Stadt mit einem Zuwachs von neun Prozent in dieser Kategorie an der Spitze in Hessen und auf dem vierten Platz in Deutschland. An diesen Daten will sich Schwenke messen lassen: „Die Menschen müssen satt werden, die Stadt muss arbeiten können.“
Die Frankfurter ziehen über den Main
Dass Unternehmen wie Samson, Biospring oder der Snack-Hersteller Lorenz nach Offenbach ziehen, das ist in der Arbeitsplatzstatistik noch gar nicht eingepreist. „Es kommt mehr, als geht“, sagt Schwenke und meint damit den bitteren Verlust von mehr als 600 Stellen durch das kürzlich angekündigte Aus für den Druckmaschinenhersteller Manroland Sheetfed: „Ein Rückschlag für Offenbach und vor allem die Mitarbeiter, aber inzwischen ist die Stadt so aufgestellt, dass wir das verdauen können.“
Offenbach wächst, bald werden 150.000 Menschen dort leben. Die Richtung stimme, sagt Schwenke, aber das Ziel sei noch lange nicht erreicht. Nimmt man das frei verfügbare Einkommen als Maß, dann ist Offenbach die ärmste Stadt Deutschlands. Noch eine Messzahl, die Gewerbesteuer: Mit 133 Millionen Euro ist im vergangenen Jahr ein Rekord erreicht worden – doch bricht man die Einnahmen auf die Zahl der Einwohner herunter, stehen andere Kommunen deutlich besser da.
Liebhaber von Eis und Zahlen
Mit den Offenbacher Zahlen kennt sich Schwenke, der in ein paar Tagen 47 Jahre alt wird, aus. In seiner ersten Amtszeit im hauptamtlichen Magistrat war der SPD-Politiker für zwei Jahre Kämmerer der Stadt, eine Aufgabe, mit der er sich wohlfühlte. Immerhin hatte er als Abiturient, passend zum Leistungskurs, auch über ein Mathematikstudium nachgedacht, „oder ich hätte wie mein Großvater Polizist werden können“, Betriebswirtschaftslehre war eine Option – oder eine Eisdiele. Der Vater dreier Kinder ist ein bekennender Liebhaber der Süßigkeit und hat auch schon einen Führer durch die Offenbacher Eiscafés verfasst.
Geworden ist es ein Lehramtsstudium in Sozialkunde und Französisch, dann eine Promotion in Politikwissenschaften und eine Stelle am örtlichen Rudolf-Koch-Gymnasium, Fächer Französisch, Politik und Wirtschaft. 2012 folgte der Wechsel in den Offenbacher Magistrat. Erst war Schwenke unter anderem hauptamtlich für Soziales und das Ordnungsamt zuständig, von 2016 an dann auch für das Kassen- und Steuerwesen in der Stadt.
Wegen neuer Mehrheiten in der Stadtverordnetenversammlung verlor Schwenke seine Stadtratsstelle und wechselte als Berater zu Ernst and Young, erwarb dort weiteres Rüstzeug: „Die Bedeutung von Prozessen in der Steuerung“, unter anderem diese Erfahrung nahm er aus dem internationalen Unternehmen mit, als er 2017 zum nächsten Oberbürgermeister der Stadt gewählt wurde und Anfang 2018 den Posten antrat. Hatte er 2017 noch eine Stichwahl zu bestreiten, so wurde er 2023 mit mehr als zwei Dritteln der Stimmen in der ersten Runde im Amt bestätigt.
Strategien für den Aufschwung
Für den wirtschaftlichen Umschwung zum Besseren nennt Schwenke zwei maßgebliche Punkte. Nummer eins: eine klare Flächenstrategie. „Wo wollen wir wohnen, wo Gewerbe, und wo wollen wir nichts?“, diese Frage könne eine Kommune beantworten, nicht etwa die nach Energiepreisen oder internationalen Krisen. Die Flächenstrategie hat die Stadtverwaltung in enger Abstimmung mit der Wirtschaft und der Industrie- und Handelskammer ausgearbeitet, keine in dieser Enge selbstverständliche Kooperation. Das Vorgehen fand große Unterstützung in der städtischen Politik, das Wissen um die prekäre Lage der Stadt ebnet in Offenbach Parteigrenzen ein.
Der Masterplan soll nun für 15 Jahre fortgeschrieben werden. Und er muss nach Schwenkes Überzeugung so konsequent eingehalten werden wie bisher: „Keine Ausnahmen“, sagt der Oberbürgermeister, auch wenn ein Grundstücksbesitzer auf eine möglichst lukrative Verwertung hoffe und im Zweifel lieber Wohnungen als Gewerbebetriebe auf seinem Land sehen möchte. Aber Offenbach muss mit seinen Flächen penibel haushalten: Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Stadt mit einer Fläche von nicht einmal 45 Quadratkilometern klein, das nahe Hanau mit 50.000 Einwohnern weniger zum Beispiel besitzt 30 Quadratkilometer mehr: „Wir brauchen also bei der Ansiedlung von Unternehmen viele Treffer und dürfen keine einfachen Fehler machen.“
„Schnell und verlässlich“
Aber Offenbach ist bei der Flächenbevorratung auch ins Risiko gegangen: 2019 hat die Stadt für knapp sieben Millionen Euro das ehemalige Clariant-Gelände gekauft, eine 36 Hektar große Fläche, die jahrelang brach gelegen hatte. Nicht jeder war damals davon überzeugt, dass die Stadt die Vermarktung des Areals besser bewältigen würde als zuvor das Unternehmen, doch das Wagnis hat sich für Offenbach gelohnt. Als Frank Georg Zebner, Professor für Design an der Hochschule für Gestaltung, ihm von Schwierigkeiten Samsons beim Ausbau in Frankfurt erzählte, suchte und fand Schwenke in wenigen Tagen den Kontakt zu dem Unternehmen. Dort war man anfangs durchaus skeptisch, aber Schwenke und sein Team überzeugten es vom Standort Offenbach.
Damit ist Punkt zwei von Schwenkes Ansatz erreicht: die Arbeit der Verwaltung. „Lösungsorientierung über alles“, sagt der Oberbürgermeister, und eine Mannschaft, die eng abgestimmt mitzieht. So treffen sich im Rathaus alle zwei Wochen die maßgeblichen Mitarbeiter, um aktuelle Themen zu besprechen: „Was geht, was geht nicht?“ Aus Schwenkes Sicht schafft auch das eine Kultur und eine Struktur in der Stadtverwaltung, die schnelles Arbeiten möglich machen.
Zugleich sucht Schwenke den Kontakt zu den Unternehmen, es gibt einen Expertenrat mit Managern von Unternehmen wie Condor, Biospring und Hyundai. Ganz generell: Schwenke sucht den Austausch mit den „wesentlichen Steuerzahlern, wesentlichen Arbeitgebern und den wesentlichen Flächenbesitzern“. Diese Nähe sucht Schwenke auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Er wolle nicht nur mit Maklern und Projektentwicklern sprechen: „Ich will direkt an echte Unternehmen.“ Auch das zählt für ihn zur Wirtschaftspolitik, die aus seiner Sicht eben auch Sozialpolitik ist. Die Einschätzung, dass SPD und Wirtschaft nicht zueinanderpassten, wischt der Sozialdemokrat einsilbig vom Tisch: „Dumm.“
