
Es ist kaum zu glauben, aber vor Kurzem schien die FDP noch eine goldene Zukunft zu haben. 2021 erhielt sie bei der Bundestagswahl 11,5 Prozent der Stimmen und wurde Teil der Ampelkoalition. Gepunktet hatte sie vor allem bei jüngeren Menschen: 23 Prozent der Erstwähler und 21 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben den Liberalen ihre Stimme. Neben den Grünen, die auf ähnliche Werte kamen, war die FDP plötzlich die Partei der Jugend.
Fünf Jahre später sind nicht nur die älteren Wähler abgewandert, auch der enorme Anteil bei den Jüngeren hat sich weitgehend aufgelöst. Laut der im März veröffentlichten Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ präferieren nur fünf Prozent der 14- bis 29-Jährigen die FDP. An diesem Wochenende tritt Wolfgang Kubicki als einziger Kandidat für den Posten des Parteivorsitzenden an, ein Mann von 74 Jahren. War es das jetzt mit der FDP und den jungen Menschen?
In der Partei genießt Kubicki insgesamt großen Rückhalt. Beim Nachwuchs stößt er jedoch eher auf Skepsis. 60 Prozent der Jungen Liberalen hätten sich Henning Höne an der FDP-Spitze gewünscht, schätzt Finn Flebbe, der Chef des Jugendverbandes. Höne hatte seine Kandidatur überraschend zurückgezogen. „Die Julis sind massiv enttäuscht von Henning Höne“, sagt Flebbe der F.A.Z. Die FDP „hätte es gebraucht“, den Wettbewerb der Kandidaten aufrechtzuerhalten.
Mit Kubicki in die „pöbelnde Mitte“?
Jungliberale, die Kubicki offen kritisieren, stören sich weniger an seinem Alter als an seinem Auftreten. Einige fürchten, Kubicki könnte die FDP zu einer Protestpartei machen. „Wenn wir populistisch auf alles draufhauen, was uns vor die Füße fällt, wird es eng“, sagt der bayerische Juli-Vorsitzende Lukas Bohn der F.A.Z. In Anspielung an die „radikale Mitte“, die der bisherige Parteichef Christian Dürr ausgerufen hatte, fügt Bohn hinzu: „Ich hoffe, dass wir unter Wolfgang Kubicki nicht zur pöbelnden Mitte werden.“
Der niedersächsische Juli-Vorsitzende Joris Stietenroth berichtet von einer „ziemlich großen Verunsicherung“ an der Basis. „Viele haben die Sorge, dass die FDP sich zu 100 Prozent in eine Kubicki-FDP verwandelt.“ Er meint damit eine Partei, die vor allem dadurch auffällt, andere hart zu kritisieren, aber weniger, indem sie eigene Lösungsvorschläge unterbreitet.
Dass Kubickis Kritiker bei den Julis einen höheren Anteil haben als im Rest der Partei, erklärt Stietenroth mit der politischen Sozialisation der Jungen. „Ich bin 2018 eingetreten“, sagt er. „Das war keine Protestpartei. Themen wie Klimaschutz, Einwanderung, Weltoffenheit, Digitalisierung und Bildung waren genauso eng mit der FDP verknüpft wie etwa Wirtschaftspolitik.“ Hinzu kommt bei einigen der Eindruck, Kubicki habe bisher kaum Kontakt zum Parteinachwuchs gesucht. Dem Juli-Bundeskongress vor drei Wochen blieb er trotz Einladung zu einer Podiumsveranstaltung fern. Aus Termingründen, wie es hieß.
Der designierte Parteichef hat im Jugendverband aber auch entschiedene Unterstützer. Moritz Wimmer ist Juli-Vorsitzender in Berlin, einem der Bundesländer, in denen dieses Jahr noch Wahlen anstehen. „Eine Partei in der Lage, in der die FDP jetzt ist, braucht Aufmerksamkeit“, sagt Wimmer. Genau dafür könne Kubicki sorgen. „Bei den Julis wird er kontroverser wahrgenommen als in der Partei. Gerade von der FDP-Basis bekommt er riesigen Zuspruch.“ Wimmer hält Kubicki für „enorm authentisch“, er äußere seine Meinungen „sehr pointiert und klar“, was in der Krise der FDP eine Stärke sei.
Das von Kubicki ausgegebene Ziel, in Umfragen über fünf Prozent zu kommen, könnte die Partei auch mit der ohnehin größeren Gruppe der älteren Wähler erreichen. Das Potential der FDP bei jungen Menschen bleibe aber groß, sagt die Jugendforscherin Nina Kolleck von der Universität Potsdam. Kolleck ist Mitautorin der Trendstudie „Jugend in Deutschland“, deren Daten über die Jahre auch den Absturz der FDP nachzeichnen.
Bei der Bundestagswahl 2021, sagt Kolleck gegenüber der F.A.Z., hätten Jüngere die FDP als Zukunftspartei wahrgenommen – mit Themen wie Digitalisierung oder Unternehmertum. Während der Ampelkoalition sei sie in den Augen vieler zur Blockadepartei geworden und habe ihre Glaubwürdigkeit verloren. Außerdem blicke die Jugend heute anders auf die Welt als noch vor ein paar Jahren. „Junge Menschen haben oft das Gefühl, die Last von Schulden, Krisen und Kriegen tragen zu müssen“, sagt Kolleck. Daraus entstünden ein „stärkeres Sicherheitsbedürfnis und eine Sehnsucht nach einer großen Zukunftserzählung“.
Wirtschaftlicher Aufstieg und Eigenverantwortung seien der Jugend weiterhin wichtig. „Die jungen Menschen sind entgegen dem Klischee nicht faul, sie wollen arbeiten und sich einbringen.“ Gleichzeitig stünden Themen wie bezahlbares Wohnen und eine generationengerechte Rente stärker im Vordergrund. Um junge Wähler zurückzugewinnen, müsse die FDP deshalb „nicht nur auf Freiheit, sondern auch auf Sicherheit setzen“. Zudem brauche die Partei einen „starken Politiker, der eine Vision verbreitet, von der sich junge Menschen angesprochen fühlen“. Kubicki trete in Talkshows auf und gebe sich dort „nicht jugendnah“. In der Generation, die sich vor allem auf Tiktok informiert, sei er bisher unbekannt, sagt Kolleck.
Für die Julis ist klar, dass sie die Neuaufstellung kritisch begleiten werden. Gleichzeitig stellt sich ihr Bundesvorsitzender Finn Flebbe hinter Kubicki. „Ich werde ihn wählen und werbe dafür, dass andere es auch tun. Wenn wir auf Einigkeit pochen, müssen wir Wolfgang auch einen Vertrauensvorschuss geben“, sagt Flebbe und fügt hinzu: „Das ist ein großer Vertrauensvorschuss. Dem muss er gerecht werden.“
