Während in sozialen Medien erste Berichte über getötete Studenten und dazu Aufnahmen ihres zerstörten Wohnheimes in Starobilsk zirkulierten, legte sich die ukrainische Armee öffentlich fest: Auf Telegram bekannte sich der Generalstab zu dem Angriff. Er galt nach seiner Darstellung einem Rubikon-Hauptquartier in der Nähe der Stadt im russisch besetzten Gebiet im Osten der Ukraine.
Rubikon ist eine der berüchtigtsten russischen Drohneneinheiten. Täglich werden unter diesem Label zahlreiche Videos von Angriffen auf ukrainische Stellungen und Logistikrouten veröffentlicht. Rubikon-Piloten machen gezielt Jagd auf ukrainische Drohnenteams.
Meldungen über nächtliche Angriffe auf zivile Infrastruktur im besetzten Gebiet wies der Generalstab hingegen als „manipulative Informationen“ zurück. Die ukrainische Armee greife nur Objekte an, die für militärische Zwecke genutzt werden, „unter strikter Einhaltung der Normen des humanitären Völkerrechts“.
Keine Anzeichen für eine Inszenierung
Doch in der Nacht auf den 22. Mai kamen in den Trümmern eines Studentenwohnheims in Starobilsk wohl tatsächlich 21 junge Menschen ums Leben, 65 weitere wurden verletzt. Dies geht aus Listen und Angaben der russischen Besatzungsbehörden hervor. Recherchen der ursprünglich in Luhansk beheimateten ukrainischen Publikation „Realna Gaseta“ zufolge gibt es keine Indizien für eine Inszenierung. Auch nicht dafür, dass es sich bei den Getöteten um etwas anderes als um Zivilisten handeln könnte. 18 der 21 Toten von Starobilsk sind weiblich. Die Namen auf den Listen stimmen nach Recherchen der „Realna Gaseta“ mit Profilen von Studenten in sozialen Medien überein. Unter den neuesten Posts finden sich demnach zahlreiche Trauerbekundungen. Auch laut dem Gründer der aus Russland exilierten Investigativorganisation „Conflict Intelligence Team“ gibt es keine Anzeichen für eine militärische Nutzung des Wohnheims.
Starobilsk liegt im Gebiet Luhansk, das nahezu vollständig von den Russen erobert wurde. Die Stadt selbst fiel schon in den ersten Wochen der Vollinvasion an die Besatzer. Sie liegt heute nicht mehr unmittelbar an der Front, die ersten ukrainischen Stellungen befinden sich rund 65 Kilometer von Starobilsk entfernt.
Die „Realna Gaseta“ berichtet, bei dem nächtlichen Angriff seien mehrere benachbarte Gebäude von Bildungseinrichtungen getroffen worden. Augenzeugen zufolge seien mehrere Drohnen hintereinander eingeschlagen. Das würde gegen einen Zufallstreffer infolge von Störmaßnahmen oder Flugabwehrfeuer sprechen. Wahrscheinlicher erscheint ein Irrtum bei der Zielauswahl.
Moskau spricht von Vergeltungsangriffen

Kombinierte Angriffe erfordern allerdings eine gewisse Vorbereitungszeit, da Flugzeuge verlegt und bewaffnet werden müssen. Massive Raketenangriffe auf ukrainische Städte fernab der Front finden seit vier Jahren regelmäßig statt – völlig unabhängig von zivilen Todesopfern auf russischem oder besetztem Gebiet. Durch solche Schläge kommen wöchentlich Dutzende Zivilisten ums Leben, allein im Mai waren es auf ukrainisch kontrolliertem Territorium nach Angaben des britischen UN-Vertreters schon mehr als 170 Menschen.
UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Angriff auf Starobilsk als völkerrechtswidrig. Doch sonst blieben die internationalen Reaktionen auf den Vorfall zurückhaltend. Die UN-Sonderbeauftragte für Kinder und bewaffnete Konflikte, Vanessa Frazier, äußerte, dass die UN die Berichte über den Angriff mit Besorgnis verfolge. Allerdings habe man keinen Zugang zu dem Gebiet und könne die Einzelheiten des Vorfalls deshalb nicht bestätigen.
Russland will den Vorfall ausschlachten
Russische Vertreter sind sichtlich darum bemüht, den Vorfall im eigenen Sinne auszuschlachten. Moskau nutzt zivile Todesopfer, um einen Opfermythos zu bilden und die eigene Aggression nachträglich zu rechtfertigen. Offizielle und Propagandisten sprechen im Hinblick auf die Toten von Starobilsk stets von „Kindern“, wenngleich alle Getöteten volljährig waren. Die Menschenrechtsbeauftragte Jana Lantratowa hatte anfangs behauptet, das Alter der Getöteten liege zwischen 14 und 18 Jahren.

In sozialen Medien äußerten ukrainische Blogger und westliche Militärfachleute Zweifel an der „offiziellen Version“. Im Netz kursierten Theorien, wonach es sich nicht um ein ziviles, sondern ein militärisches Ziel gehandelt habe. Zur Untermalung dieser These wurden Aufnahmen von wehrtechnischen Übungen oder Soldatenbesuchen in Schulen verbreitet, wie sie in den besetzten Gebieten üblich sind. Mitunter wurde gar die Existenz echter Todesopfer geleugnet und der Angriff als russische Inszenierung abgetan.
