
Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts geschieht, und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren. Den Spruch, der oft fälschlich Lenin zugesprochen wird, hat neulich auch Singapurs Verteidigungsminister zitiert, bei einem Treffen, das der Vorbereitung des Shangri-La-Dialogs diente, der Sicherheitskonferenz, die der Stadtstaat gerade ausrichtet. Minister Chan Chun Sing hatte damit eine Beschreibung für die Umwälzungen der Gegenwart gefunden, die Asien wie kaum eine andere Region der Welt treffen.
Mit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten beschleunigt sich die Abfolge einschneidender Ereignisse, die mit der Coronapandemie begann, spätestens mit den Kriegen in der Ukraine und in Gaza. Trump überzog die Welt mit seinen Zollforderungen, ließ den venezolanischen Präsidenten entführen und bombardierte Iran. Die alte Ordnung sei vorbei, es gelte „das Recht des Stärkeren“, hatte Singapurs Minister treffend bemerkt.
Die Schwachen müssen sich selbst stärken
Da Singapurs Führungskräfte Pragmatiker sind, gab der Verteidigungsminister auch Handlungsempfehlungen: Investitionen in militärische Fähigkeiten, Kooperation kleinerer und mittlerer Mächte zum Erhalt der globalen Ordnung und die Schaffung neuer gemeinsamer Regeln etwa auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Kurz: Die Schwachen müssen sich selbst stärken. Und sie müssen gemeinsam dem Recht des Stärkeren „die Stärke des Rechts“ entgegenstellen.
Dies sind Grundsätze, denen Singapur selbst beispielhaft folgt. Die Regierung hat über Jahrzehnte kontinuierlich in die eigene Rüstung investiert; was dem reichen Stadtstaat natürlich einfacher fällt als ärmeren Ländern wie den Philippinen und Osttimor. Ebenso rigoros steht Singapur für das internationale Recht ein. Die Führung verurteilte den Einmarsch Russlands in der Ukraine deutlich und erklärte nach der amerikanischen Intervention in Venezuela, dass es völkerrechtswidrige militärische Eingriffe in innere Angelegenheiten strikt ablehne.
Singapur wandte sich ebenso gegen Irans Versuche, für Schiffspassagen durch die Straße von Hormus Geld zu erpressen. Der Außenminister begründete das mit dem Seevölkerrecht, aber auch damit, dass direkt vor den Küsten des Stadtstaats ebenfalls eine Meerenge verläuft, die für den Welthandel und den Handelsstandort Singapur von höchster Bedeutung ist. Mit seinem halb ernsten Vorschlag, eine Maut für die Straße von Malakka zu erwägen, biss ein indonesischer Minister deshalb zumindest in Singapur auf Granit.
Die Lage in der Straße von Hormus erklärte Singapurs Außenminister zu einem „Probelauf“ für einen möglichen Militärkonflikt zwischen den USA und China. Die Sorge teilt Singapur mit anderen südostasiatischen Ländern, die am Shangri-La-Dialog teilnehmen. Die größte Herausforderung liegt für diese Länder nicht im Nachbarstreit, sondern im epochalen Umbruch durch Chinas Aufstieg. Sie müssen ein Gleichgewicht zwischen der ehemaligen globalen Führungsmacht und dem zukünftigen Regionalhegemon finden.
