
Es sei sehr vielversprechend, was am Bertramshof in Frankfurt entstehe, findet Boris Rhein (CDU), und noch dazu eine wichtige Investition für die technologische Souveränität und die Wettbewerbsfähigkeit der Region, Deutschlands und Europas. Am Donnerstag hat der hessische Ministerpräsident das neue Anwendungszentrum für KI und Quantencomputing in Frankfurt eröffnet. Viele Mittelständler nutzten die Möglichkeiten von KI nicht, Ideen von Start-ups kämen kaum in der Industrie an, mahnt der Politiker, und: Viele Ansätze entstünden zwar in Hessen, würden dann aber später woanders angewendet. Das müsse sich ändern, sagt Rhein, und das Anwendungszentrum soll dazu beitragen.
Das Zentrum ist ein Projekt des House of Digital Transformation, einer Innovationsplattform für den digitalen Wandel, die vom Hessischen Digitalministerium, Unternehmenspartnern und Hochschulen getragen wird. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit der Start-up-Factory Futury an einem Ort, an dem unter anderem eine Vielzahl von Start-ups ihren Sitz hat.
Rhein: Deutschland befinde sich in „veritabler Wirtschaftskrise“
Seinen Platz finden soll das Zentrum im sogenannten Herrenhaus am Bertramshof, einer alten Stallung der Familie Rothschild, die für Futury-Chef Charlie Müller dadurch selbst ein Sinnbild für die Transformation wird. Das Gelände, über Jahrzehnte eher ein stiller Ort, hat seit einiger Zeit neues Leben eingehaucht bekommen: Es ist Heimat von Futury und ist zuletzt in nur drei Monaten umgebaut worden – „in time, in budget, in quality“, wie Futury-Chef Charlie Müller betont. Entstanden ist so unter anderem ein neuer KI-Showroom.
Dort präsentieren am Donnerstag mehr als 20 Start-ups, was heute schon möglich ist: Robotik- und Assistenzsysteme, KI-gestützte Entscheidungsunterstützung, Deepfake-Erkennung, LLM-Security, einen Wertstromsimulator für die industrielle Produktion, Anwendungen zum Thema Cybersicherheit bis hin zu ersten Demonstratoren aus dem Quantenbereich für die Industrie.
Ministerpräsident Boris Rhein nutzt seine Rede für eine wirtschaftspolitische Standortbestimmung. Hessen sei „eines der wichtigsten Digital- und Datenkraftwerke Deutschlands“, sagt er. Die Zukunftsmärkte entstünden dort, wo sich Ideen, Kapital und starke Unternehmen verbünden. Genau das solle am Bertramshof gelingen. Rhein spricht von einer „veritablen Wirtschaftskrise“, in der sich Deutschland befinde, von zu wenig Wachstum, was auch gesellschaftliche Folgen habe. Umso wichtiger sei es jetzt, Technologien „nicht nur zu entwickeln, sondern anzuwenden“. Künstliche Intelligenz habe das Leben längst verändert, in der Medizin, in der Industrie, im Alltag. Das Land investiere deshalb gerne zehn Millionen Euro in den Aufbau des Zentrums – mehrere Ministerien seien beteiligt. „Wir bündeln Spitzenforschung mit Anwendung. Das ist am Ende der Schub in die Praxis“, so Rhein.
Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) legt ihren Fokus auf digitale Souveränität und Umsetzungsgeschwindigkeit. Hessen stehe mit Frankfurt als internationalem Drehkreuz wie kaum eine andere Region in Deutschland für globale Vernetzung und wirtschaftliche Stärke. Sinemus spricht von Hessens Potential, „das Silicon Valley Europas“ zu werden, ein Spruch, den sie nicht zum ersten Mal sagt und der nach wie vor für viele arg ambitioniert klingt. Der Showroom solle den Übergang zur industriellen Anwendung von Ideen beschleunigen und Pilotprojekte sichtbar machen. Dabei gehe es auch um die Zusammenarbeit aller Partner im Ökosystem und auch der Start-ups untereinander. Nicht das „aggressivste“, sondern das „kooperativste“ Ökosystem werde sich durchsetzen, sagt Sinemus.
Focused Energy als leuchtendes Vorbild
Auf das, was in Rhein-Main möglich ist, weist der Chef der Start-up-Plattform Futury, Charlie Müller, mit einer aktuellen Erfolgsgeschichte hin: Focused Energy, eine Ausgründung aus der TU Darmstadt auf dem Feld der Laserfusion, hat jüngst 240 Millionen Dollar in einer Series-A-Runde eingeworben – die größte in Europa dieser Art. Ein Futury-Fonds sei daran beteiligt gewesen. Dahin wolle man auch in den Sektoren KI und Quanten kommen, es müsse gelingen, von der Forschung in die Skalierung zu kommen, mit starken Partnern und Pilotkunden.
Im Showroom präsentieren sich einige Start-ups. Rinku Sharma vom Bad Vilbeler Unternehmen Techeroes zeigt zum Beispiel ein KI-Entscheidungssystem, das anhand von Gebäudeplänen, Krankheitsparametern und organisatorischen Maßnahmen simuliert, wie sich Infektionen in Krankenhäusern mit einfachen Mitteln reduzieren lassen, etwa durch veränderte Wegeführung, zusätzliche Hinweisschilder und mobile Raumteiler.
Das Team des Unternehmens Symbiosika arbeitet an einer Software für humanoide Roboter, die alltägliche Aufgaben in Pflegeeinrichtungen und Hotels übernehmen sollen – Handtücher aus der Wäscherei holen, eine Flasche Wasser bringen, den Weg zeigen, einfache Dialoge führen. Die Hardware stammt von Neura Robotics aus Baden-Württemberg, die Software trainiert das System durch Nachahmung und Wiederholung. „Er lernt wie ein Mensch“, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. Dafür müssten Roboter wie Menschen auch üben. Derzeit sammelt das dreiköpfige Gründerteam Trainingsdaten, um die Zuverlässigkeit beim Greifen und Übergeben zu erhöhen – in einer Art Fitnessstudio für Roboter.
