Welche Bücher soll ein Mann lesen? Gar keine. So sieht es zumindest Andrew Tate, einer der prägenden Akteure der Manosphere, einer Online-Community, die vor allem ihr Hass gegen Frauen verbindet. Er habe in seinem Leben nur ein Buch gelesen, das war im Gefängnis, das habe ihm nicht gefallen. Um etwas über das Leben zu lernen, solle man lieber in den Boxring steigen.
Dies verschränkt zwei diagnostizierte Krisen der Gegenwart: die der Männlichkeit und die des männlichen Lesens. Manch einer empfindet sein Mann-Sein als so erschüttert, dass er sich dem Stabilitätsversprechen von Tates Männlichkeitsbild zuwendet. Gleichzeitig, so legen es Umfragen unter anderem des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nahe, entsprechen viele Männer der Empfehlung. Sie lesen deutlich weniger als Frauen, Jungs weniger (und schlechter) als Mädchen.
Was ist Männlichkeit?
Doch relativiert nicht die erste Krise die zweite? Wenn, wie Viktoria Morasch in der „Zeit“ schreibt, „die Krise des Mannes auf weiblichen Körpern stattfindet“, ist es dann so wichtig, dass sie auch auf oder eben nicht auf Buchseiten stattfindet? Doch womöglich ist ein Kampf gegen die Lesekrise auch ein Kampf gegen die Männlichkeitskrise. Zumindest ist jede Minute mit der Nase in einem Buch eine, in der man sie nicht in Tates Videos hat.
Dies glauben auch einige Videos auf Tiktok, ausgerechnet jener Social-Media-Plattform, auf der Andrew Tate einst berühmt wurde. Dort wird versucht, Männer zum Lesen zu bringen – und nebenbei darüber nachzudenken, was Männlichkeit ist und sein könnte. Auf Booktok, der bibliophilen Abteilung des Portals, existiert ein Panorama an Videos, die unter Hashtags wie #booksforboys, #booksformen oder #menreadbookstoo Männern Bücher empfehlen.
Booktok wird von Frauen dominiert
Die Videos antworten auf Erklärungsversuche für den Gender-Lese-Gap. Lesen sei weiblich codiert – so eine verbreitete These auch in der Wissenschaft. Dies verstärke sich in gegenwärtigen Lesephänomenen: Beliebt sind Buchclubs von Reese Witherspoon, Kaia Gerber und Dua Lipa (die ihre Bücher paritätisch auswählt), Booktok wird von Frauen dominiert, Autorinnen prägen den boomenden Booktok-Büchermarkt, weibliche Hauptfiguren, wohin man blättert, Pastellfarben, wohin man blickt. Für Jungs und Männer, so konnte man zuletzt häufig lesen, gebe es zu wenige literarische Angebote, zu wenige Identifikationsfiguren, zu selten würden männliche Themen verhandelt. Die Tiktoks versuchen, Lesen auf Booktok auch männlich zu besetzen und auf das vermeintliche Fehlen von Männerliteratur zu antworten. Verhandelt wird dabei die Frage, was denn „Bücher für Männer“ sind – und was „Männer“.
Die Videos geben unterschiedliche Antworten. Unterscheiden lässt sich erstens nach Videos, welche die Rückkehr zu einer traditionellen Männlichkeit predigen, in der Wissenschaft spricht man von hegemonialer Männlichkeit, und solchen, die alternative Entwürfe von Männlichkeiten darstellen. Differenzieren lässt sich zweitens danach, ob Lesen als zweckhaft angesehen wird oder es um Lesefreude geht. Kombiniert ergeben beide Fragen vier Tendenzen, mit denen sich Ordnung in die Vielfalt der Videos bringen lässt.

Die ersten Videos zielen auf maskuline Selbstoptimierung. Männer wenden sich darin an all jene, die „echte Männer“ werden möchten. Zur Schau gestellte Muskeln und teure Uhren dienen als Erfolgsbeweis der empfohlenen Bücher, zumeist nennen sie Ratgeberliteratur. Es geht um Morgenroutine, Macht, Geld und dessen Psychologie, den Weg zum Navy Seal, Jordan Belfort, darum, eine bessere Beziehung zu führen, emotionale Intelligenz aufzubauen und endlich kein netter Kerl mehr zu sein. Nicht all diese Bücher sind problematisch. Das meistgenannte jedoch durchaus: David Deidas pseudospirituelles Mannifest „The Way of the Superior Man“. Kurzfassung: Männer sind überlegen. Als Mann könne man es zwar genießen, zu Hause zu sein und mit den Kindern zu spielen, doch tief im Innern sei man getrieben von einer Mission – für Frauen gilt Umgekehrtes. Ein Video, in dem ein Influencer namens „Bulldog Mindset“ das Buch empfiehlt, hat fünf Millionen Views. User kommentieren, das Buch habe sie zu Alphas gemacht, viele hinterlassen ein Gorilla-Emoji.
Entgegengesetzt zu diesen Videos finden sich Booktoks mit der eindeutigen didaktischen Absicht, Männer zu erziehen. Interessant ist ein Creator namens „Non-Toxic Masculinity“, er hat noch größere Muskeln als die Männer in der ersten Kategorie. In einem Tiktok empfiehlt er dem amerikanischen Eishockeyteam der Männer feministische Lektüren, nachdem dieses durch einen „Locker Room Talk“ mit Donald Trump aufgefallen war.
Die zarte Flamme männlicher Lesemotivation
Anderen Videos geht es um die Freude am Lesen – mit unterschiedlichem Fokus auf Männlichkeiten. Einige Tiktoks versuchen besonders vorsichtig, die zarte Flamme männlicher Lesemotivation zu entfachen. Ihnen geht es darum, nichtlesende Männer dort zu empfangen, wo sie sind, ihnen keine literarische oder genderpolitische Überforderung zuzumuten. Die offensichtliche Verbindung der Videos ist, dass ausschließlich männliche Autoren genannt werden, auch sind die Hauptfiguren zuallermeist männlich. Oft erfolgen ermutigende Ansprachen wie „Just do it“ oder „It’s fine“. Lesen wird zum ersten vorsichtigen Jogging-Versuch. Viele der empfohlenen Bücher wurden verfilmt, Lieblinge dieser Videos sind Andy Weirs „Project Hail Mary“, Chuck Palahniuks „Fight Club“ und Pierce Browns „Red Rising“-Reihe. Auch renommierte Werke, etwa von Ernest Hemingway, werden genannt. In einem Tiktok wird je nach Lieblings-Videospiel ein Buch empfohlen.
Die Ordnung vervollständigen Videos, die heterogene, meist fiktionale Literatur empfehlen und den Wandel von Männlichkeit reflektieren, ohne eine eindeutige didaktische Absicht zu haben. Besonders erfolgreich ist der britische Creator Lucas Oakeley. Eines seiner Tiktoks wurde über zwei Millionen Mal gesehen. Seine Videos öffnen mit Catchphrases, die gegenwärtige Phänomene auf das Korn nehmen: Du solltest lieber ein Buch lesen, anstatt einen Podcast zu starten, über Bitcoin, dein Fantasy-Football-Team oder Fußballer aus den Neunzigern nachzudenken, einen Mullet wachsen zu lassen oder Looksmaxxing zu betreiben. Daran anschließend sagt er: „These are five books for boys that will make you fall in love with reading.“
Seine Videos weichen ab von Booktok-Konventionen. Oakeley steht in einem unordentlichen Raum, nicht vor einem dekorierten Bücherregal. Die Bücher wirft er neben sich, in einem Video werden sie ihm zugeworfen. Er gehe mit Büchern wie mit Basketbällen um, schreibt er. Er liest Bücher offenbar grob und hält sie so in die Kamera, dass dies zu sehen ist. Das Buch empfängt keine bibliophile Sorgfalt, sondern wird zum Sport- und Arbeitsgerät. Ob absichtlich oder nicht: Hier geht es auch darum, wie Männer lesen. Schön ist die Vorstellung, dass er die Bücher extra für die Videos knickt. Seine Reflexion von Männlichkeit geht nicht mit der Absage an alle Stereotype einher.
Doch aber an manche. Er endet stets mit „Love you, bye“, eine auf Booktok übliche Verabschiedung, die in den zuerst vorgestellten Videos jedoch undenkbar wäre. Er erzählt von seinen Lektüreerfahrungen: Wegen Maggie O’Farrells „Hamnet“ habe er im Bus geweint, Karl Gearys „Juno loves Legs“ breche einem das Herz, Anita Brookners „Strangers“ habe ihn als früher sehr einsamen Mann bewegt.
Oakeley empfiehlt einen bunten Mix an Büchern, sie enthalten unterschiedliche Männerbilder. Norman Mailer und Dashiell Hammett, Science-Fiction-Werke und Sportliteratur. James Baldwins „Giovanni’s Room“, Édouard Louis’ „En finir avec Eddy Bellegueule“ und Tomasz Jedrowskis „Swimming in the Dark“, in denen es um homosexuelle Männer geht. Einige Romane sind mit sozialer Herkunft befasst, etwa Douglas Stuarts „Shuggie Bain“, manche erzählen von schwarzer Männlichkeit, zum Beispiel Colson Whiteheads „The Nickel Boys“ und Caleb Azumah Nelsons „Open Water“. Zahlreiche der Bücher drehen sich um weibliche Figuren, etwa Elena Ferrantes „L’amica geniale“ oder Guadalupe Nettels „Still Born“.
Die Bücher verbindet für ihn, dass sie an einem Gespräch über Männlichkeiten teilhaben. Andrew O’Hagans „Mayflies“ sei ein Porträt männlicher Freundschaft in ihrer Zärtlichkeit und Absurdität, Jessica Sofers „This Is A Love Story“ eine Lektüre für Männer, die es lieben zu lieben, Michael Pedersens „Boy Friends“ ein Buch über die platonische Liebe unter Männern, es sei die Art Buch, die einen veranlasse, in die Whatsapp-Gruppe mit den Jungs zu schreiben, dass man sie liebe. Books for Men? Books form Men!
In den Kommentarspalten erkennt man das Provokationspotential. Oakeley wird „performatives Booktoken“ vorgeworfen, er wolle nur Frauen beeindrucken. Was sei falsch an Joe Rogan, an Andrew Tate, an Jordan Peterson, was bitte richtig an Sally Rooney? Doch es gibt auch viel Zuspruch. Jemand bittet um ein Buch für Männer, die ohne Vater aufwuchsen. Manche fragen Oakeley nach seiner Bartpflege, einer nach Tipps für sein Fantasy-Football-Team. Endlich gebe es Booktok für Männer. Bleibt zu hoffen, dass Andrew Tate nie damit anfängt.
