Ein Jahr nach der Zerstörung des Schweizer Dorfs Blatten bei einem Bergsturz sind die Wiederaufbauarbeiten in vollem Gange. Die Landwirte aus Blatten im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis konnten ihre Tiere schon wieder auf die Almen und Bergwiesen rund um das verschüttete Dorf bringen.
„Die Rinder und Kühe sind demonstrativ auf die Alpen zurückgekehrt“, sagt Gemeindepräsident Matthias Bellwald – in der Schweiz sagt man „auf die Alp“. „Da wurde allen klar: Es findet statt. Erst die Vierbeiner, dann hoffentlich auch die Zweibeiner.“ Das neue Dorf soll in vier bis fünf Jahren bezugsfertig sein, mit Platz für alle der einst rund 300 Einwohner, die zurückkehren wollen.
Schnelles und entschlossenes Handeln sei entscheidend gewesen: „Wir haben zwei Wochen nach der Katastrophe eine Vision für den Wiederaufbau des Dorfs entwickelt, das hat den Exodus der Bevölkerung von Blatten aus dem Lötschental verhindert“, sagt Bellwald. „75 Prozent der Leute sind geblieben, und sie teilen die Vision: Es gibt eine Zukunft für Blatten.“ Diese Bewohner haben in anderen Gemeinden des Tals eine vorübergehende Bleibe gefunden.
Am 19. Mai 2025 kam der Befehl zur Räumung
Rückblende: Das Kleine Nesthorn oberhalb von Blatten, einst 3342 Meter hoch, war seit Jahren brüchig. Immer wieder stürzten Brocken hinab und landeten auf dem Birchgletscher. Kameras wurden zur Überwachung installiert. Als das Gestein ins Tal zu stürzen und das Dorf Blatten mit seinen Bewohnern auf gut 1500 Metern Höhe zu treffen drohte, kam am 19. Mai 2025 der Befehl zur Räumung.
Was dann am 28. Mai passierte, sprengte aber jede Vorstellung: Um kurz vor 16 Uhr donnerten Millionen Tonnen Fels, Geröll und Eis innerhalb von Sekunden 2600 Meter den Hang hinab. Das Getöse war im ganzen Tal zu hören. Die Massen zermalmten alles, was auf dem Weg lag, zerstörten Blatten großteils und schoben sich am gegenüberliegenden Hang noch hoch.

Wo einst das Dorf war, lag zeitweise ein bis zu 30 Meter hoher Schuttkegel. Die meisten verschonten Häuser am Dorfrand versanken anschließend noch in einem meterhohen See, der sich bildete, weil das Flussbett der Lonza durch die Gesteinsmassen zugeschüttet war.
Viele Dorfbewohner grübelten seitdem über die Zukunft. Wie geht es weiter mit der Dorfgemeinschaft? Halten die Vereine zusammen? Kehren alle zurück? Klar war schnell: Blatten soll neu aufgebaut werden. „Die Befürchtung ist, dass das neue Dorf zwar schön ist, aber sich nicht wie daheim anfühlt“, sagt Bellwald.
Und wie lange wird es dauern mit dem Wiederaufbau? Der Plan sind vier, fünf Jahre. Was aber, wenn die Kinder bis dahin dort heimisch geworden sind, wo sie jetzt wohnen? Was, wenn viele ehemalige Nachbarn doch nicht zurückkehren? „Diese Fragen beschäftigen einen jeden Tag“, sagt Bellwald.
Die Gemeinde hat unter seiner Leitung dafür gesorgt, dass die wenigen intakten Häuser am alten Dorfrand wieder mit Wasser und Strom versorgt sind. Es gibt eine Notstraße und vom Winter an eine provisorische Seilbahn, die den Zugang nach Blatten sichern soll. Eine neue, ganzjährig befahrbare Kantonsstraße ist in Arbeit und soll ebenfalls in drei bis vier Jahren fertig sein.
Um die Arbeiten gezielt voranzutreiben, helfe ihm neben seiner Offiziersausbildung und der Lebenserfahrung vor allem eine Charaktereigenschaft, sagt Bellwald: „Sie sind entweder ein ,Ja, aber‘- oder ein ,Warum nicht?‘-Typ. ,Warum nicht?‘ funktioniert in solchen Situationen vermutlich besser. Wenn man dieses Vorwärtsdenken hat, funktioniert auch etwas.“
