Es ist bislang nur eine kleine exklusive Truppe von etwa zehn Entwicklern, die sich im Frankfurter Opernturm in den Büros von Roland Berger seit März regelmäßig trifft und am Aufbau eines neuen KI-Start-ups arbeitet. Es sollen zwar noch mehr werden, aber für die Entwicklung einer neuen Software brauche man heute nicht mehr so viele Programmierer wie früher: „Vor zehn Jahren hätte man für ein solches Projekt noch die zehnfache Zahl an Leuten gebraucht“, sagt Roland-Berger-Chef Stefan Schaible im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir suchen im Moment noch eine geeignete Bürofläche in Frankfurt“, sagt Schaible. Richtig passend sei der Opernturm dafür nicht, ein Start-up müsse eigentlich „mehr nach Garage aussehen“, in jedem Fall aber solle es ein Frankfurter Start-up sein.
Im Frühjahr hat die Unternehmensberatung zusammen mit dem Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis das Start-up namens CNTR gegründet. Ziel ist es dabei ausdrücklich nicht, ein neues großes Sprachmodell zu bauen, sondern eine „Kollaborative KI“ für den industriellen Einsatz, also eine KI für Unternehmen, die darauf spezialisiert ist, gut mit Menschen im Team zusammenzuarbeiten. Der Name CNTR – Roland-Berger-Chef Stefan Schaible spricht ihn englisch „Centaur“ aus – ist dabei auch eine Anspielung auf „Centaur“ – ein Schachturnier, bei dem nicht ein Mensch gegen einen Computer antritt, sondern ein Mensch im Team gemeinsam mit einem Computer spielt und dabei erfahrungsgemäß besser spielt als ein Mensch oder ein einzelner Computer für sich allein.
Bisher habe die Einführung von KI-Systemen in vielen Unternehmen die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt. „Es gibt eine Phase der Verunsicherung“, sagt Schaible. „Ich bin ein glühender Fan von KI“, sagt der 58 Jahre alte Berater, „aber die KI halluziniert zu viel. Für Unternehmen ist das ein großes Problem.“ Tatsächlich geraten Unternehmen immer wieder negativ in die Schlagzeilen, wenn sie Halluzination aufgesessen sind, die KI also frei erfundene falsche Antworten gibt, die ungeprüft veröffentlicht werden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY musste kürzlich in Kanada eine Studie über Treueprämienprogramme zurückziehen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass darin auf Quellen verwiesen wird, die es gar nicht gibt. Ebenso blamierte sich die amerikanische Großkanzlei Sullivan & Cromwell, weil sie bei einem Gericht in New York einen Schriftsatz einreichte, der auf nicht existierende rechtliche Quellen verwies. Auch in Deutschland ist das mehreren Kanzleien schon passiert.
KI soll nachfragen, wenn sie etwas nicht weiß
„Wir müssen der KI beibringen, dass sie ihre Grenzen kennt und von selbst aktiv nachfragt, wenn sie etwas nicht weiß, um ihre Wissenslücken zu schließen“, sagt Schaible. Mensch und KI müssen künftig besser kooperieren, auf Augenhöhe. „Die KI kann riesige Datenmengen analysieren, aber nur der Mensch hat ein Bauchgefühl und eine Intuition. Wir wollen das kombinieren.“
Seine Pläne für die kollaborative KI hat Schaible im Februar auf dem jährlichen Partnertreffen von Roland Berger in Lissabon erstmals den 350 Partnern vorgestellt. Das Interesse war groß, noch aber gibt es kein Produkt. „Den Jonas Andrulis muss ich im Moment etwas schützen vor lauter Nachfragen aus unseren Teams“, sagt Schaible. Andrulis müsse nun als treibende Kraft erst mal mit seiner Mannschaft die Technologie entwickeln. Schaible und Andrulis kennen sich seit rund zweieinhalb Jahren, damals arbeitete Andrulis noch für Aleph Alpha. „Wir können sehr gut miteinander“, sagt Schaible über sein Verhältnis zu Andrulis. Das von Andrulis mitgegründete Heidelberger KI-Start-up galt vielen zeitweise als große deutsche KI-Hoffnung, es blieb aber hinter den Erwartungen zurück, vor einigen Monaten kehrte Andrulis dem Unternehmen den Rücken.
Im neuen Roland-Berger-Start-up ist der 44 Jahre alte Andrulis Chef und Visionär. Schaible hält ihm den Rücken frei und schlüpft dabei neben seiner Rolle als Chef von Roland Berger noch in die Rolle des „Chief Operating Officer“ von CNTR. Als dritter Vorstand wurde Alejandro Molina verpflichtet, der über Maschinelles Lernen an der TU Darmstadt promoviert hat und später im Silicon Valley für Amazon und Apple an KI gearbeitet hat. Roland Berger sorgt für die Finanzierung und steuert Wissen über die verschiedenen Wirtschaftsbranchen bei.
Erste Umsätze noch in diesem Jahr
Das erste Pilotprojekt bei einem Kunden soll noch im dritten Quartal zum Laufen kommen. Zum Einsatz kommen soll die KI dabei in der Produktentwicklung im Automobilbereich, später aber auch in anderen Bereichen. Schaible hofft, noch in diesem Jahr erste Umsätze zu erzielen. Gedacht ist an eine monatliche oder jährliche Lizenzgebühr für die Software.
Schaible ist grundsätzlich überzeugt: „Die nächste Schlacht bei KI dreht sich um die Industrie- und Unternehmensdaten.“ Die KI-Anbieter seien alle sehr stark an Unternehmensdaten auch als Trainingsmaterial interessiert. Die großen Sprachmodelle hätten auf der Suche nach Trainingsmaterial in den vergangenen Jahren schon das gesamte Internet abgegrast, auch Social-Media-Daten als Trainingsmaterial verwendet und bräuchten nun dringend neues Futter, um sich weiter zu verbessern.

Das Start-up soll Unternehmen auch dabei unterstützen, die eigenen Firmendaten besser zu schützen. „Wir helfen den Unternehmen, festzulegen, welche Daten sie teilen dürfen und welche nicht.“ Jedes Unternehmen müsse wissen, welche firmeneigenen Daten als „heiliger Gral“ vor dem Zugriff anderer absolut geschützt werden müsse. Schaible nennt sie das „Genom“. Dies genau einzugrenzen, sei keine einfache Aufgabe: Der Schatz dürfe dabei auch nicht zu groß sein.
Kreditlinie über 300 Millionen Euro
Das Start-up CNTR soll zu einer eigenständigen Säule von Roland Berger aufgebaut werden, die zwar zu 100 Prozent dem Beratungshaus gehört, aber mit eigenem Personal und eigener Finanzierung ausgestattet wird. Andrulis werde als angestellter Manager erfolgsabhängig bezahlt.
Schaible spricht von einer Investition in das neue Start-up in zweistelliger Millionenhöhe. Roland Berger hat dafür genug Eigenmittel, zudem hat sich die Unternehmensberatung im vergangenen Jahr bei einem Bankenkonsortium eine Kreditlinie über 300 Millionen Euro zur Wachstumsfinanzierung einräumen lassen. Vor zwei Jahren hatte Berger-Chef Schaible seinem Unternehmen überaus ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt. Bis zum Jahr 2028 solle der Umsatz von Roland Berger auf zwei Milliarden Euro im Jahr steigen, sagte er damals. Das wird aber nicht mehr zu schaffen sein.
Im Jahr 2023 hatte Roland Berger erstmals in seiner Firmengeschichte die Marke von einer Milliarde Umsatz knapp übersprungen, konnte das Niveau aber nicht ganz halten und fiel im Jahr danach auf 975 Millionen Euro zurück. „Damals habe ich die unsichere geopolitische Entwicklung nicht voraussehen können. Und auch nicht, wie schnell sich die Wirtschaft durch Künstliche Intelligenz verändern würde – für eine wissensgebundene Branche wie unsere ist das fundamental“, sagt Schaible heute.
Das Beratungshaus verlor auch einige hochrangige Berater. So wechselte der frühere Deutschlandchef und Chefrestrukturierer Sascha Haghani 2024 zur Beteiligungsgesellschaft Hannover Finanz, die KI-Expertin Hasmeet Kaur wechselte im selben Jahr in den Vorstand des Automobilzulieferers Mann+Hummel, und der frühere Chef des Büros in Qatar, Fabian Engels, arbeitet mittlerweile für Alix Partners. Schaible ficht das nicht an: „Wir haben die stabilste Personalsituation der vergangenen zehn Jahre.“
Tatsächlich hat Schaible Roland Berger in ruhigeres Fahrwasser geführt, nachdem es vor mehr als zehn Jahren großen Streit innerhalb der Partnerschaft gegeben hatte, weil ein Teil der Partner damals zweimal versucht hatte, das Beratungshaus an eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu verkaufen, was in letzter Minute verhindert wurde. Über die Jahre stieg danach der Umsatz, machte dann eine kurze Verschnaufpause, im vergangenen Jahr ging es dann wieder um rund vier Prozent bergauf. Tatsächlich war das Jahr 2025 mit 1,013 Milliarden Euro das bislang umsatzstärkste in der Unternehmensgeschichte.
Neue Büros in Houston und Australien
Die ganze Branche aber tut sich nach einem Jahrzehnt starken Wachstums zunehmend schwer. Laut dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) wuchs die Beraterbranche im vergangenen Jahr in Deutschland nur noch minimal um 0,5 Prozent, also deutlich weniger als in den vorangegangenen Erfolgsjahren. Roland Berger schaffte in Deutschland immerhin ein Wachstum von fünf Prozent, in den Vereinigten Staaten elf Prozent und in Asien sogar 19 Prozent. Wachstumstreiber waren neben Projekten zur Integration von KI weiterhin wie in den Vorjahren Digitalisierungsprojekte und die Optimierung von Lieferketten. Das Geschäft mit der Sanierung und Restrukturierung – in dem Roland Berger traditionell stark verankert ist – wuchs laut Schaible im vergangenen Jahr zweistellig, obwohl sich mittlerweile auch darauf spezialisierte Beratungshäuser wie Alix Partners, Alvarez & Marsal und FTI Consulting in diesem Segment tummeln.
In den USA eröffnete Roland Berger mit dem neuen Büro in Houston den mittlerweile fünften US-Standort. Zudem expandierte Roland Berger ins australische Sydney und ist damit jetzt erstmals auf allen Kontinenten vertreten. Bergab ging es dagegen zuletzt im Mittleren Osten. „Ich bin echt stolz, dass wir trotz des schwierigen Marktumfelds ein Rekordjahr hatten“, resümiert Schaible: „Jede Beratung, die im vergangenen Jahr ihren Umsatz halten konnte, hat etwas richtig gemacht.“
Die KI-Revolution sei für Unternehmensberater eine „fundamentale Herausforderung“, sagt Schaible. In der Branche werde zwar nach außen oft so getan, als heizten große KI-Projekte das Beratungsgeschäft immer nur weiter an, die Realität sei aber schwieriger. Er sieht die KI zwar auch als „Riesenchance für die Berater“, aber der Prozess „geht nicht so schnell, wie manchmal getan wird“. Viele Beratungshäuser stünden massiv unter Druck. „Es gibt noch signifikante Überkapazitäten im Markt“, sagt Schaible.
