Mit der für sie richtigen Ernährung beschäftigt sich Lilith Riemenschneider schon seit vielen Jahren. Am Anfang sei es ihr vorwiegend darum gegangen, viel Eiweiß zu essen und die Kalorien im Blick zu behalten, erzählt sie. Als sie aber nach dem Absetzen der Pille starke Hautprobleme und einen unregelmäßigen Zyklus bekam, änderte sich ihr Blick auf das Thema Ernährung. „Da habe ich gemerkt, dass ich einen ganzheitlicheren Ansatz brauche.“ Sie begann, Bücher über Darmgesundheit und Hormone zu lesen, und merkte, wie groß der Einfluss von Ernährung auf Körper und Wohlbefinden sein kann.
Die Vierundzwanzigjährige hat an der Goethe-Universität Wirtschaftswissenschaften studiert. Mit Ernährung hatte ihr Studium herzlich wenig zu tun. Weil sie aber ihr Wissen auf diesem Gebiet vertiefen will, hat sie das Studium inzwischen abgeschlossen und sich für eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin entschieden. Mit ihrem Kanal „Lilithsfooddiary“ möchte sie zeigen, wie einfach ein gesunder Lebensstil in den Alltag integriert werden kann. Sie will auf ihrem Account aber auch einen Raum schaffen, in dem sich Menschen nicht schlecht fühlen, wenn ihre Ernährung nicht perfekt oder ihre Haut nicht makellos ist. „Ich habe selbst immer wieder Probleme mit meiner Haut und möchte zeigen, dass das in Ordnung ist.“
Ein gesunder Lebensstil soll leicht sein
Wegen ihrer Akne suchte Riemenschneider sich vor Jahren schon zusätzlich medizinische Hilfe, unter anderem bei ihrer Frauenärztin, da sie den Verdacht hatte, dass hinter ihren Beschwerden hormonelle Ursachen stecken könnten. Daraufhin stellte sie ihre Ernährung um und arbeitete gezielt an ihrem Umgang mit Stress, lernte den eigenen Körper anders wahrzunehmen und Belastungen frühzeitig zu erkennen. Sie versucht seither, sich im Alltag bewusst Auszeiten zu nehmen. Sonntags legt sie zum Beispiel einen handyfreien Tag ein, an dem sie keine Inhalte produziert und auch nicht durch die Feeds scrollt. Für sie gehört dieser Baustein inzwischen ebenso zu einem gesunden Lebensstil wie die Ernährung.
Als sie vor rund zwei Jahren konsequent entzündungshemmend aß und ihr Stressniveau senkte, spürte sie deutliche Veränderungen. „Ich hatte die beste Haut meines Lebens, mein Zyklus war regelmäßig“, erzählt sie. Sie schlief besser, fühlte sich belastbar und war seltener krank. Als sie später ihr Stressmanagement wieder vernachlässigte, kamen die Beschwerden zurück.

Ihr Wissen zu antientzündlicher und darmfreundlicher Ernährung baut die Vierundzwanzigjährige vor allem auf Fachliteratur und wissenschaftlichen Quellen auf. Sie nutzt Fachbücher, in denen Studien verständlich dargestellt werden, und liest bei Bedarf Originalarbeiten und Fachartikel. Nur Informationen, bei denen sie sich sicher ist, dass sie dem aktuellen Stand entsprechen, möchte sie weitergeben. „Rund um Ernährung gibt es so viel Angstmacherei und Panik auf Social Media, und genau dazu möchte ich keinen Beitrag leisten“, sagt sie.
Ein zentrales Prinzip ihrer Arbeit ist, keine Verbote auszusprechen. Riemenschneider versucht Sätze wie „Du musst“ oder „Jeder sollte“ zu vermeiden. „Ernährung ist extrem individuell, und ich möchte niemandem Angst machen oder ein schlechtes Gewissen einreden.“ Jeder wisse schließlich, dass Süßigkeiten nicht gesund seien. Aber es permanent zu thematisieren und Ausnahmen zu problematisieren, schade vor allem Menschen mit einer Vorgeschichte mit Essstörungen. „Ich kenne selbst Zwangstendenzen beim Thema Essen und weiß, wie anstrengend und belastend das sein kann.“ Social Media sei für viele junge Menschen auch ein Ort, an dem sie sich über Gesundheit informierten. Im besten Fall, so sagt Riemenschneider, mache es Lust und Mut, sich mit der eigenen Ernährung zu beschäftigen. Im schlechtesten Fall erzeugen ihrer Ansicht nach radikale Botschaften und Heilsversprechen Druck und Angst.
Was antientzündliche Ernährung wirklich bedeutet
Auch Ernährungswissenschaftlerin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung rät dazu, Ernährungstipps, geteilt in den sozialen Medien, eher als Anregung zu sehen und nicht als Ersatz für eine medizinische oder ernährungsfachliche Beratung. Der Begriff „Ernährungsinfluencer“ sei nicht geschützt. Jeder könne sich so nennen, unabhängig von Ausbildung oder Qualifikation. Entsprechend wichtig sei es, Inhalte im Netz kritisch zu prüfen und „Vorsicht walten zu lassen“. Das Thema „gesunde Ernährung“ sei zu komplex, um durch allgemeine Ernährungstipps, starke Vereinfachungen oder sogenannte Wundermittel abgedeckt zu werden. „Wissenschaftlich ist die Vorstellung eines Wundermittels nicht haltbar, denn kein einziges Lebensmittel liefert alle notwendigen Nährstoffe“, sagt sie.

Aus Sicht der Ernährungswissenschaftlerin wirkt vieles von dem, was Lilith Riemenschneider beschreibt, an den aktuellen Stand der Forschung angelehnt. Sie erklärt: Eine antientzündliche Ernährung ziele grundsätzlich darauf ab, Lebensmittel, die Entzündungen fördern können, etwa große Mengen Fleisch und Wurst, im Alltag zu reduzieren. Auch der häufige Konsum stark verarbeiteter Produkte, wie Fertiggerichte oder zuckerhaltige Getränke, soll laut diesem Ansatz eingeschränkt werden. Antientzündliche Ernährung folge jedoch „nie einem starren Schema“, sondern müsse immer individuell an Vorerkrankungen und die jeweilige Lebenssituation angepasst werden, sagt Gahl. Gesunde Menschen können ihrer Ansicht nach Rezeptideen aus den sozialen Medien gut als Inspiration nutzen und ausprobieren, was sich für sie in ihrem Alltag umsetzen lässt. Wer aber schon Probleme mit der Darmgesundheit habe, solle immer eine qualifizierte Ernährungsberatung oder ärztliche Begleitung in Anspruch nehmen.
Ein Konzept, das Lilith Riemenschneider oft aufgreift, ist die Empfehlung, rund 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel pro Woche in die Ernährung zu integrieren. Die Zahl wirkt auf den ersten Blick hoch, zeigt sich im Alltag aber oft schon in einfachen Gerichten. Auf ihrem Instagram-Kanal zeigt die Influencerin Beispiele. Auch in einem einfachen Gericht wie Nudeln mit Tomatensoße können sich neben den Tomaten auch Bohnen, Karotten, Zwiebeln, Knoblauch und Kräuter verbergen. So stecken in einem scheinbar schlichten Teller Pasta gleich sechs verschiedene Pflanzenkomponenten.
Aber Riemenschneider warnt auch davor, sich zu sehr an der Zahl „30“ festzubeißen. Entscheidend sei, dass die Ernährung insgesamt vielfältig, ausgewogen, bezahlbar und alltagstauglich bleibe. „Gesunde Ernährung darf Spaß machen“, sagt sie.
