
Noch zwei Wochen bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Zeit für eine grundsätzliche Frage: Was ist Prämisse für ein Land, das WM-Gastgeber sein möchte? Nun, bislang hatte man annehmen dürfen, dass ein Gastgeber teilnehmende Mannschaften Gastrecht gewährt, sie mithin zu Gast haben möchte. Die Vereinigten Staaten unter ihrem Präsidenten Donald Trump beweisen nun: Nicht nötig.
Am Montag hat die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum öffentlich gemacht, dass die iranische Nationalmannschaft (und der sie begleitende Tross, was durchaus relevant ist) in Tijuana auf der mexikanischen Seite der Grenze zu Kalifornien unterkommen werde: „Die Vereinigten Staaten wollen nicht, dass das iranische Team über Nacht bleibt“, sagte Sheinbaum, „aber sie spielen dort dreimal. Also haben sie uns gefragt, ob sie in Mexiko übernachten können. Und wir haben gesagt: Ja, kein Problem.“
Die WM setzt neue Maßstäbe – das ist kein Kompliment
Noch zwei Wochen bis zum ersten WM-Spiel, aber schon jetzt steht fest, dass dieses Turnier neue Maßstäbe setzt. Nein, das ist kein Kompliment. Da ist der Krieg, den Trump, der Träger des Friedenspreises des Internationalen Fußballverbands FIFA, gegen die Islamische Republik Iran führen lässt.
Ein WM-Gastgeber, der ein paar Monate vor Anpfiff versehentlich Grundschülerinnen in einem Teilnehmerland ins Jenseits bombt und bis jetzt mit einer Seeblockade belegt? Gab es noch nicht. Einen Gastgeber, der sodann diesem Teilnehmerland die Gastfreundschaft verwehrt, auch nicht.
Nun gibt es gute Gründe, zum Beispiel Mehdi Tadsch, den Präsidenten des Fußballverbands der Islamischen Republik, nicht ins Land lassen zu wollen. Kanada hat das jüngst getan, Tadsch durfte nicht zum FIFA-Kongress in Vancouver reisen. Er ist Teil der Machtelite der Islamischen Republik, und die Machtelite ist die Revolutionsgarde. Sie lassen seit Jahrzehnten leiden und sterben in Iran.
Die FIFA hätte der Revolutionsgarde den Fußball längst entreißen müssen. Ja, das ist schwer. Vielleicht unmöglich. Aber die FIFA-Statuten verlangen es: Nationale Verbände sind „unabhängig und vermeiden jede Form politischer Einflussnahme“, Artikel 15c. Der Welt liegt kein Beleg dafür vor, dass die FIFA es je versucht hat im Fall des Verbands der Islamischen Republik. Im Gegenteil, man rühmt sich stets guter Beziehungen.
So ist der Umzug „south of the border“ ein Deal. Gesichtswahrend? Vielleicht. Aber sicher verlogen. Trump kann Härte gegenüber der Revolutionsgarde simulieren, im WM-Kontext gelingt das besser als im von ihm begonnen und desaströsen Krieg. Spiegelbildlich gilt das für die Islamische Republik, deren Repräsentanten in den United States of America keine Visa bekommen, aber jene der Estados Unidos Mexicanos gerne nehmen. Sollen doch die Spieler in L.A. und Seattle kicken, soll die oppositionelle Diaspora die Henker in Teheran verfluchen: Señor Tadsch bleibt am Pool in Tijuana.
Und Gianni Infantino, der Mann, der mehr als jeder andere für dieses ganz neue Maßstäbe setzende Turnier getan hat, in dem er schon während Trumps erster Amtszeit dessen Nähe suchte, darf weiter behaupten, der Fußball vereine die Welt. Das Gegenteil ist der Fall. Verlierer sind jene, die in die iranische Nationalmannschaft (und nicht den Verband) die Hoffnung auf ein anderes, ein freies, ein besseres Iran projizieren, so naiv das ist. Es dürfte die Mehrheit der Iraner sein. Sie schauen nun wie der Rest der Welt einer Scharade des politischen Kalküls zu. Die besonders bittere Pointe daran: Kaum etwas gilt so vielen von ihnen mehr als ihre Gastfreundschaft.
