
Steigende Rüstungsinvestitionen haben für die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie zu Rekordumsätzen geführt. Michael Schöllhorn, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), sprach am Mittwoch von einem „außergewöhnlichen Jahr“ 2025, in dem die Erlöse um 19 Prozent auf 62 Milliarden Euro gestiegen seien. Und es sollen wohl weitere außergewöhnliche Jahre folgen – auch wegen staatlicher Aufträge für Rüstungs- und Raumfahrtvorhaben.
Der nächste Umsatzrekord scheint sicher, offen lässt der BDLI in seiner Prognose lediglich, ob 2026 die Wachstumsrate des Vorjahres übertroffen wird. Das 35-Milliarden-Euro-Programm der Bundeswehr für Weltraumsicherheit und den Aufbau eigener militärischer Raumfahrtkapazitäten werde sich „beginnend mit diesem Jahr in den Auftragsbüchern niederschlagen“, sagte Schöllhorn. Aber Auftragseingänge trieben nicht unmittelbar den Umsatz, sodass manches Zusatzgeschäft sich erst in den Folgejahren in den Branchendaten niederschlagen werde.
Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie erlebt gerade eine Akzentverschiebung. Der zivile Flugzeugbau, dessen prominentesten Teil die deutschen Standorte des Airbus-Konzerns und dessen Zulieferer bilden, steht zwar weiterhin für den größten Teil des Branchenumsatzes, dieses Segment steuert mit 45 Milliarden Euro rund 70 Prozent zu den vom BDLI genannten Branchenwerten bei. Die Steigerungsraten sind allerdings in den Bereichen für militärische Luftfahrt und für Raumfahrt größer. „Wir haben über Jahre Wachstum vor allem in der zivilen Luftfahrt erlebt, nun kommt die militärische dazu“, sagte Schöllhorn. Während die Geschäfte für die zivile Luftfahrt um 15 Prozent zulegten, stiegen die Umsätze im Zusammenhang mit militärischen Aufträgen um 35 Prozent auf 13,5 Milliarden Euro.
Ein Militärprojekt hängt fest
Schöllhorn bezeichnete angesichts der Wachstumsraten die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie als „Juwel“, das in der Vergangenheit neben Branchen wie dem Autobau nicht als solches erkannt worden sei. Nun würden neue Stellen geschaffen, schon im vergangenen Jahr sei die Zahl der Beschäftigten um 10.000 auf 130.000 gestiegen, die Wachstumsrate war wiederum im Verteidigungssegment am größten.
Das militärische Geschäft ist allerdings auch hürdenreich, was sich beim deutsch-französischen Luftkampfprojekt FCAS zeigt. FCAS soll hierzulande Eurofighter-Jets und in Frankreich Rafale-Flugzeuge ablösen und ein begleitendes Drohnenprogramm samt Vernetzung der Waffensysteme schaffen. Das Kampfjet-Projekt steckt aber „in Schwierigkeiten wegen großer, nahezu unüberbrückbarer Differenzen“ zwischen den beteiligten Flugzeugbauern Airbus und Dassault, wie der BDLI-Präsident, der zugleich auch Chef der Airbus-Verteidigungssparte ist, es formulierte.
Ein Scheitern des gesamten Vorhabens schloss er aus. Das Drohnenprogramm und die Vernetzung über eine „Combat Cloud“ würden auf jeden Fall kommen, auch für das Kampfflugzeug sei eine Lösung nötig. „Es muss weitergehen“, sagte Schöllhorn. Aktuell suchten die Verteidigungsministerien in Deutschland und Frankreich nach einem FCAS-Ausweg. Eine Lösung zur Berliner Luftfahrtmesse ILA im Juni, zu der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auch eine deutsche Luftfahrtstrategie vorstellen will, wäre „sehr hilfreich“.
BDLI-Hauptgeschäftsführerin Marie-Christine von Hahn hatte sich kürzlich im Gespräch mit der F.A.Z. für eine Zwei-Flugzeuge-Lösung als Ausweg ausgesprochen, bei der Deutschland und Frankreich unter dem FCAS-Dach jeweils unterschiedliche Kampfjets erhalten. Diesen Weg favorisiert auch Schöllhorn. Daneben bestehe aber die Möglichkeit, eine neue europäische Partnerschaft mit deutscher Beteiligung zu schaffen. Eine Anlehnung an das Kampfjetmodell Gripen des schwedischen Herstellers Saab scheidet aus Sicht von Schöllhorn aber aus.
„Der Gripen ist keine Alternative für ein Kampfflugzeug der sechsten Generation“, sagte er. „Wir wollen technologisch einen Schritt nach vorn machen.“ Schöllhorn rechnete das Modell Gripen eher derselben Kampfjetgeneration wie den in Deutschland genutzten Eurofighter zu.
