„Ihr habt ja nur noch Ukrainer“ ist einer der Sätze, die Philipp Eckelmann zu schaffen machen. Der Vorsitzende des Judo-Clubs Wiesbaden (JCW) sieht sich in jüngster Zeit des Öfteren mit dem Vorwurf konfrontiert, sein Verein sei „nicht mehr deutsch“ genug, die Oberliga-Mannschaft von Ausländern dominiert. Was ihn einigermaßen fassungslos macht – aber nicht sprachlos bleiben lässt.
„Flucht nach vorn“ lautete die Devise, was angesichts der Lebensgeschichte der jungen Ukrainer wie eine verunglückte Metapher klingen mag. Doch der 47 Jahre alte Eckelmann und seine Mitstreiter wollten die Deutungshoheit über die jüngere Vereinsgeschichte behalten. Sie gehen der Kontroverse nicht aus dem Weg. Und sie haben Stadtpolitiker zu einem Oberliga-Kampftag mit dem TSV Nordwest Frankfurt und der TG Schwalbach in der Halle am Zweiten Ring eingeladen, um zu demonstrieren, worum es ihnen geht. Immerhin drei aus dem Sportausschuss, Catharina Koch (SPD), Rebecca Thomas (Grüne) und Janine Vinha (Volt), folgten der Einladung.
„Was kannst du?“ statt „Wo kommst du her?“
„Im Sport zählt nicht: ‚Wo kommst du her?‘“, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) vergangene Woche auf einer Feierstunde im Rathaus, bei der Wiesbadener Sportler aus allen Sparten für ihre Erfolge ausgezeichnet wurden. „Im Sport zählt: ‚Was kannst du?‘“ Mende lobte die integrative Wirkung des autonomen Sports jenseits politischer Bevormundung, den Stellenwert von Teamgeist für den persönlichen Erfolg und des Ehrenamts für die Entwicklung einer Stadtgesellschaft.
„Meine Worte“, dachte und sagte Eckelmann dazu. Doch stimmt es auch? Vor dem Kampftag in Wiesbaden erzählte er bei der Begrüßung Auszüge aus den Lebensgeschichten seiner Kämpfer – die zum Glück nur sportliche Kämpfer sein müssen. Sie haben „sehr unterschiedliche Wege nach Wiesbaden gefunden. Jeder seinen eigenen. Und jeder ist auf seine Art hiergeblieben. Was sie verbindet, ist nicht der Weg hierher. Es ist das, was danach kam.“
„Wir machen das!“ statt „Wir schaffen das!“
Jungs aus Afghanistan, Usbekistan, Kasachstan, Südkorea und Nordamerika stehen für den JCW auf der Matte. Auch Deutsche. Und viele Ukrainer. Aber vor allem sind es Wiesbadener. „Keine Söldner, die nur für einen Kampf eingeflogen werden.“ Dafür ist die Oberliga sportlich – bei allem Ehrgeiz – auch zu wertlos. Es geht um den Spaß am Sport und der Bewegung. Oder sollte es zumindest. Zumal Judo eine Disziplin ist, die etwas auf ihre förmlichen Regeln, Normen, Werte und Etikette hält.

„Wir schaffen das“, haben sie damals nicht gesagt, sondern sich nur gegenseitig versichert: „Wir machen das!“ Der Notruf war im Frühjahr 2022 aus der Ukraine gekommen und lautete: „Habe Schulbus voller Kinder. Brauche Hilfe!“ Philipp Eckelmann, Robertson Linsner und weitere Aktive des JCW setzten sich damals zusammen, fragten sich: „Kriegen wir das hin?“ und entschieden sich, die jungen ukrainischen Judo-Kämpfer aus der zerbombten Stadt Saporischschja aufzunehmen.
Sie öffneten ihre Herzen und ihre Türen, waren sich über die Tragweite der Entscheidung im Klaren: „Wir wussten, wenn wir jetzt ‚Ja‘ sagen, müssen wir die kommenden Jahre dafür geradestehen“, erinnert sich Eckelmann vier Jahre später – und kennt auch den Preis dafür. „Es funktioniert, weil Menschen ihre Zeit, ihre Energie und ihr Herzblut ehrenamtlich geben, ohne dafür eine Rechnung zu stellen.“
Im Frühjahr 2026 bekennt er aber auch, dass die Integration an vielen Stellen „nicht klappt“. Nicht alle seien wirklich angekommen, auch wenn sie noch da seien. Die Sprache als Schlüsselelement zu lernen, falle den Jüngeren leichter, den Älteren schwerer. Andererseits hat der frühere Leistungssportler und Olympiateilnehmer Stanislav Bondarenko, der ebenfalls nach Wiesbaden flüchtete und hier nun als Trainer arbeitet, mit 38 Jahren das beachtliche Sprachniveau B2 erreicht. Es ist eben wie im Sport: Neben Talent entscheidet auch der Wille.
Für ein gutes Dutzend ukrainischer Jugendlicher und Heranwachsender ist das Otto-Schmelzeisen-Dojo, die Heimat des JCW im Herzen der Stadt, zum Treffpunkt und Anker geworden. „Sie sind jeden Tag hier“, sagt Linsner. Oft trainieren sie, manchmal „hängen sie hier ab“. Vereinspräsident Eckelmann bilanziert: „Viele dieser jungen Menschen sind heute fester Teil dieses Vereins. Sie kämpfen, sie übernehmen Verantwortung. Sie gehören dazu.“ Doch der Kampf jenseits des Mattenrands geht weiter – nicht nur auf sportlicher Ebene. „Wir haben gesagt, wir kümmern uns“, betont Eckelmann: „Also kümmern wir uns.“
