
Özgür Özel hat eine neue Protestform gefunden. Er steht jetzt nicht mehr nur auf dem Parteibus und hält Reden. Er marschiert. Am Dienstag lief er mit Anhängern durch Izmir, Hand in Hand mit seiner Frau und seiner Tochter. Die Polizei hatte zuvor den Platz der Republik abgeriegelt, den Platz vor dem lokalen Parteigebäude der größten türkischen Oppositionspartei CHP. Wasserwerfer verhinderten, dass dort eine Kundgebung stattfinden konnte. Özel lief weiter zum nahe gelegenen Gündoğdu-Platz, den der Gouverneur der Provinz für die Kundgebung freigegeben hatte. Dort forderte der 51 Jahre alte Politiker eine Urwahl unter allen zwei Millionen CHP-Mitgliedern. „Wenn jemand anderes als ich die Wahl gewinnt, werde ich seine Hand küssen und ihm mein Leben lang zur Seite stehen.“
Am Sonntag war Özel auch in Ankara marschiert, mehr als sieben Kilometer durch den strömenden Regen zum Parlament. Zuvor hatte die Polizei ihn mit Tränengas aus der Parteizentrale vertrieben. Ihn, den dreifach gewählten Parteivorsitzenden, dessen Wahl ein Gericht für ungültig erklärt hat. Die Räumungsanordnung hatte er vor laufender Kamera zerrissen. Später war er auf einen Wasserwerfer gestiegen und hatte die Faust gereckt.
Noch vor gut einem Jahr hatte kaum jemand dem gelernten Apotheker so viel Durchsetzungskraft zugetraut. Dann, am 19. März 2025, wurde sein Freund und Förderer, der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, verhaftet. Özel stellte sich entschlossen an die Spitze der Proteste. Unermüdlich reiste er durchs Land, hielt zwei Kundgebungen pro Woche. Ein türkischer Journalist sprach da schon von einem „Özgür-Özel-Wunder“.
Özel beruft sich auf die Geschichte der Partei
Bis dahin galt Özel als loyaler Parteigenosse. Als fleißig, zugewandt und volksnah. Aber charismatisch? Eher nicht. Selbst Präsident Erdoğan habe ihn unterschätzt, hieß es. Seit Sonntag hat Özel noch einmal deutlich an Statur gewonnen.
Er spricht jetzt viel über die Anfänge der Republikanischen Volkspartei (CHP). Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk hatte sie noch vor der Republik Türkei aus der Taufe gehoben. In Izmir hatte Atatürk 1922 einen entscheidenden militärischen Sieg im Türkischen Befreiungskrieg gegen die Griechen errungen. Auch deshalb ist Izmir die wichtigste Hochburg der CHP. Auf ihren Kundgebungen gehört das Izmir-Lied über die Befreiung zum musikalischen Standardrepertoire. Es war also kein Zufall, dass Özel aus der Hauptstadt Ankara zuerst nach Izmir reiste. Seine Botschaft: Er, und nicht der per Gerichtsbeschluss eingesetzte Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu, verkörpere die Seele der Partei.
Özel gehört zum sozialdemokratischen, europafreundlichen Flügel der CHP. In Izmir studierte er Pharmazie, später führte er den Apothekerverband. In der Schule hat er ein bisschen Deutsch gelernt. Im vergangenen Jahr sprach er ein paar Sätze als Gast auf dem Bundesparteitag der SPD in Berlin.
In einem Interview mit der F.A.Z. im vergangenen Jahr bezeichnete er Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) als „sehr engen Freund“. Über die verhaltenen Reaktionen in Deutschland und Europa auf die Repression in der Türkei zeigte er sich enttäuscht. Damals sagte er: „Wenn Europa gute Beziehungen zu einem Autokraten pflegt, kann das kurzfristig helfen, aber langfristig könnte es Ihnen schaden.“
