Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost, besagt eine alte Bauernregel. Da die Eisheiligen hinter uns liegen, landen Anorak und Schal im Schrank. Mit Wanderschuhen an den Füßen startet die Pfingstreise in die Alpen. Die Schweizer, Österreicher und Bayern öffnen ihre Tore und die Bergbahnen zu den Alpengipfeln. Der Alltagsstress ist in den langsam fahrenden Bahnen sofort dahin. Der Blick ist in die Natur gerichtet, der Blutdruck reduziert. Einige Bahnen haben eine lange Historie, versprechen Nostalgiereisen oder atemraubende Ausblicke für schwindelfreie Mitfahrer. Ein paar Anregungen für Spontanbucher und Wanderer, die öfter mal genießen und sich zurücklehnen wollen.
Zunächst eine kleine Begriffskunde, um beim Studieren der Touristeninformationen nicht durcheinander zu kommen. Zu den Seilbahnen zählen alle, die mit Drahtseilen bewegt werden. Standseilbahnen bewegen sich am Boden, zumeist auf Schienen. Luftseilbahnen schweben hoch über der Erde. Sie sind unterteilt in mehrere Systeme. Im Pendelbetrieb fahren oft eine oder zwei Kabinen aneinander vorbei, die einen den Berg herunter, die anderen hoch. An der Endstation stoppen sie. Umlauf- oder auch Gondelbahnen befördern durchgängig mehrere und etwas kleinere Kabinen. Zahnradbahnen gehören nicht zu den Seilbahnen. Es kommen Zahnräder zum Einsatz, deren gezackte Enden in die Zacken der Zahnstange am Boden greifen.
Lok Nummer 7 steht wie eine Eins
Am malerischen Vierwaldstättersee in der Schweiz etwa kann der Naturfreund den Ausflug mit dem Dampfschiff beginnen. Von Luzern aus tuckert er gemächlich nach Vitznau und steigt dort um. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit der Vitznau-Rigi-Bahn auf den Hauptgipfel des Bergmassivs, Rigi Kulm genannt. Das historische Vorbild feiert in diesem Jahr seinen 155. Geburtstag. Als erste Bergbahn Europas wurde sie am 21. Mai 1871 in Betrieb genommen, führte damals aber „nur“ auf die etwas tiefere Rigi Staffelhöhe.

Der Zahnradantrieb geleitet auch zwei Jahre später nach einer Verlängerung auf die Rigi Kulm. Legendär sind bis heute die Lokomotiven Nummer 7 und 16. Beide stammen aus den Fabriken der Schweizer Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. Die Lok Nummer 7 ist die älteste betriebsfähige Zahnradlokomotive der Welt mit stehendem Kessel. Die auffällige Konstruktion sorgt dafür, dass die vom Feuer berührten Heizrohre auch bei großen Steigungen von bis zu 250 Prozent unter Wasser bleiben. So verringert sich die Gefahr einer Kesselexplosion. Nach Umbauten und der Elektrifizierung der Strecke 1937 wurde die Nummer 7 äußerlich wieder in ihren Ursprungszustand zurückversetzt.
Zum Jubiläumsjahr 2021 schaffte es eine Crowdfunding-Kampagne, die Instandstellung zu finanzieren. Heute verlässt die Lok Nummer 7 die Dauerausstellung Rigi Kulm nur noch für Sonderfahrten. In diesem Jahr wird sie vom 29. Juli bis zum 9. August von Goldau aus auf das Bergmassiv starten. Wer es nicht abwarten kann mit der Zeitreise in die Vergangenheit, kommt Pfingsten auf seine Kosten: Die Dampflok Nummer 16 aus dem Jahr 1923 fährt ab dem 24. Mai wieder Sonderfahrten. An diesem Tag bestreitet die Rigi-Bahn auch die anderen Strecken des Netzes mit historischen Fahrzeugen.
Mit der Bergbahn auf Safari
Bergbahnen zeigen während der Fahrt und auf dem Gipfel den Ausblick auf die Landschaft. Manchmal gehören sie aktiv zum Wandererlebnis. Die „Buiräbähnli“ im Engelbergertal dienen den Bergbauern als Transportseilbahn. Die privaten Fahrzeuge transportieren vom Vieh bis zum Baumaterial alles, was auf dem Berg gebraucht wird. Wanderer dürfen sie gegen einen kleinen Obolus mitbenutzen. Die Rundwanderung Buiräbähnli-Safari um den Engelberg erstreckt sich über 46 Kilometer und mehr als 3700 Höhenmeter, acht „Bauernbahnen“ gehören dazu. Achtung: Sie fahren nach Bedarf. Entweder meldet man sich per Telefon an, oder es ist Selbstbedienung angesagt.
Auf der deutschen Seite der Alpen darf die Zugspitze nicht fehlen. Der höchste Berg des Landes ist zugleich der meistbesuchte, daher sollte der Gletscherfreund den Wecker früh stellen. Die Seilbahn Zugspitze gilt als Weltrekordbahn, sie hält unter anderem den Rekord für den in aller Welt größten Gesamthöhenunterschied von 1945 Meter zwischen Talstation und Gipfel. Die technischen Daten beeindrucken: der Bau der 2017 eröffneten Bergstation auf 3000 Meter Höhe, die Konstruktion inklusive des Weltrekords der weltweit höchsten Stahlbaustütze mit 127 Meter und dem längsten freien Spannfeld mit 3213 Meter von der Stütze zur Gipfelstation.

In der Sommersaison können Technikinteressierte täglich zwei Führungen zu den Seilbahnen besuchen. Den Rekord für die günstigste Bergbahn bricht dieses Exemplar leider nicht: Ab dem 23. Mai gilt der Sommertarif. Dann kostet das Zugspitze-Ticket, welches eine Berg- und Talfahrt beinhaltet, 78 Euro.
Die riesige Bergwelt
Wer nach dem Bayernbesuch Lust auf Erholung und deftige Küche bekommt, plant einen Abstecher zum österreichischen Nachbarn ein. Eine Adresse, die sich Liebhaber nicht entgehen lassen sollten, ist die Schafbergbahn im Salzkammergut. Gelegen am Wolfgangsee, verbindet die steilste Zahnradbahn des Landes St. Wolfgang mit dem Gipfel des namensgebenden Bergs. Das historische Vorbild ist mit der Inbetriebnahme im Jahr 1893 nur unwesentlich jünger als die Rigi-Bahn in der Schweiz. Die erste Lok gelangte mit einer Schlittenfahrt von Ischl nach St. Wolfgang, wo sie zusammengebaut wurde und im Juli 1893 die erste Fahrt zum Gipfel absolvierte.
Dort liegt das Hotel Schafbergspitze, das 1862 eröffnet wurde. Es ist nach eigenen Angaben Österreichs ältestes Berghotel und bietet einen Blick auf elf verschiedene Seen und das Bergpanorama. Ab dem 27. Juni veranstaltet die Schafbergbahn wieder Sonderfahrten, wenn das Wetter stimmt. Im Abendlicht und als Nostalgieabenteuer in Dampfzügen, gezogen von mehr als 130 Jahre alten Zahnrad-Dampfloks.

Anzumerken bleibt, dass diese Auswahl nur einen kleinen Ausschnitt der riesigen Berg(bahn)welt darstellt. Schwindelfreie Wanderer sollten sich in allen drei Ländern Korblifte nicht entgehen lassen. Das Gefühl, so nah und doch so fern über die Bäume hinweg zu fliegen, ist einzigartig. Ebenso die Gelmerbahn in der Schweiz, die steilste Standseilbahn des Kontinents, ein Schrägaufzug, der gänzlich auf Kabinendächer verzichtet. Oder die Nordkettenbahn nahe Innsbruck oder die Feldbergbahn im Schwarzwald. Die Begeisterung infiziert den Wanderer überall mit der ersten Fahrt. Berg heil und gutes Gelingen!
