
Die Gesellschaft und die Wissenschaft, die die Gesellschaft erforscht, haben etwas gemeinsam: Sie produzieren Narrative darüber, was in der Gesellschaft vor sich geht. Im besten Fall stimmen diese Erzählungen überein. Aber wenn nicht, dann ist es die Aufgabe der Gesellschaftsforschung, die falschen zu korrigieren. Sehr umstritten sind etwa die Überzeugungen über die soziale Mobilität in der deutschen Gesellschaft, insbesondere jene der vertikalen Mobilität. Also die Einkommensunterschiede, die sozialen Klassenlagen und die Chancen, in unserer Gesellschaft auf- oder abzusteigen. Die vertikale Mobilität wird üblicherweise als Stadt-Land-Gegensatz dargestellt und mit der Erzählung unterlegt, es zöge die Deutschen im Unterschied zu früher zurück aufs Land, weil sich immer weniger das Leben in den Metropolen leisten können. Außerdem würden die Städte immer unsicherer, der Verkehr verstopfe die Arbeitswege, und der Klimawandel mache den Sommer in der Stadt unerträglich. Aber stimmt diese Erzählung von der Stadtflucht wirklich?
Nein. Oder zumindest nur teilweise. Eine neue Studie des „Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung“ (BBSR) stellt jetzt fest: Es gibt keine „neue Landlust“, die ländlichen Räume gewönnen nicht grundsätzlich an Attraktivität. Das überrascht zunächst einmal. Die Analyse der Wanderungsstatistiken zeige zwar, so das BBSR, dass die deutschen Großstädte über viele Jahre höhere Wanderungssalden aufwiesen als ländliche Regionen. Die Binnenwanderungssalden dieser Regionen hätten sich allerdings seit 2013 zulasten der Großstädte verbessert, dies sei aber kein Beleg für eine neue Landlust. Vielmehr sei es Folge sinkender Fortzüge und veränderter Altersstrukturen. Was heißt das?
Neue Landlust nur ein Teil der Wahrheit
Man könnte sagen, dass das Land nur gewinnt, weil es vorher schon verloren hat. Und zwar solche Bevölkerungsanteile, die überhaupt „wanderungswillig“ sind: junge Menschen während der Ausbildungszeiten oder beim Berufseinstieg. Diese „Ausbildungswanderer“ fehlten inzwischen auf dem Land massiv. Hier sei ein Rückgang der Bevölkerung in der hochmobilen Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen und der 25- bis unter 30-Jährigen zu erkennen. Die Landbevölkerung überaltere also, während die städtische Bevölkerung aufgrund von immer mehr Homeoffice-Arbeitsplätzen ihre Berufe auch außerhalb der Ballungsräume ausüben könne. Insofern sei die vermeintlich „neue Landlust“ nur ein Teil der Wahrheit, da die Wanderungsgewinne kleinerer Städte und Gemeinden in ländlichen Räumen in der Summe zu einem erheblichen Teil auf diese demographischen Effekte und weniger auf eine veränderte Bewertung ländlicher Räume als Wohnstandort zurückzuführen seien.
Außerdem bedeute diese „Umverteilung“ der Bevölkerung innerhalb Deutschlands nicht automatisch einen Bevölkerungsverlust der Großstädte. Diese gewönnen nämlich immer noch durch die Zuwanderung: Seit 2005 seien im Saldo knapp 7,7 Millionen Menschen aus dem Ausland nach Deutschland gekommen. Im Vergleich zum Bevölkerungsbestand seien sie überproportional häufig in Großstädte gezogen.
Das Phänomen der vertikalen Mobilität
Zur Erzählung der Stadtflucht gehört auch, dass man sich ein Leben in den Metropolen wegen der steigenden Wohnkosten nicht mehr leisten könne. Das stimmt zwar, aber auch das Land muss man sich leisten können. Aufs Land zieht, wer kann, in der Stadt bleibt, wer muss. In die ländlichen Regionen zögen vor allem junge Familien mit dem Wunsch nach Wohneigentum und mehr Platz. Das Land lockt mit einer hohen Eigentumsquote, und diese Aussicht ist in Deutschland für Menschen ohne Geldvermögen immer noch der beste Weg zu Wohlstand. Breite Bevölkerungsschichten der Großstädte dagegen verarmen, ein Umzug aufs Land rückt für sie in weite Ferne. Die Arbeitsmärkte für einfache Dienstleistungen konzentrieren sich in den Großstädten, aber nicht auf dem Land. In der Stadt bleiben die Wohlhabenden und die Geringverdiener.
Die zumindest partielle Landflucht aus den Großstädten zeigt sich insofern als ein Phänomen, das sich in der vertikalen Mobilität widerspiegelt. Räumliche und soziale Mobilität ergänzen sich hier. Die Familien aus den oberen mobilen Mittelschichten nehmen gewissermaßen ihre Einkommensgewinne, die sie ihren akademischen Jobs in den Großstädten verdanken, dank der Digitalisierung mit hinaus ins stadtnahe Umland. Die kulturellen Vorteile der Metropolen lassen sich von der Peripherie aus problemlos gelegentlich konsumieren, während die Kinder in den immer noch viel homogeneren Schulen der ländlichen Gemeinden die nötige Bildung bekommen. Man zieht weg, um unter sich zu bleiben. Statt Landlust also eher Stadtfrust?
Ludger Baba, Benjamin Otto, Katrin Wilbert: Wohn- und Lebenskonzepte in der Peripherie. BBSR-online-Publikation 19/2026
