Gibt es demokratische Bauwerke und Räume? Was könnte das heißen? Vielleicht müssen wir uns gar nicht um die Stabilität demokratischer Ordnungen weltweit sorgen, weil sie bereits in Stein gemeißelt sind? Nicht nur Architekten sprechen gerne in einer Weise über Gebäude oder Plätze, als ob sie von sich aus bereits bestimmte demokratische Werte wie Diversität und Egalität verkörperten. Auch umgekehrt werden der Demokratie häufig Eigenschaften aus der Erfahrung mit der gebauten Umwelt zugeschrieben – Zugänglichkeit und Transparenz zum Beispiel.
Der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller fragt, was es mit dieser geläufigen Verbindung von Demokratie und Architektur auf sich hat. Was daran ist bloße Metapher, was tatsächlich für das Funktionieren von Demokratien unerlässlich? Antworten sucht er auf einer rasanten Reise durch Zeit und Raum.
Von der Agora über das Forum zum Tahrir-Platz
Es beginnt zunächst beschaulich im antiken Griechenland. Wir wandern von der recht informellen, multifunktionalen, klassischen Agora, einem Ort in Müllers Worten, an dem „Menschen aller Art sich drängten und davon ausgingen, dass sie einander als mehr oder weniger Gleiche in die Augen blicken konnten“, auf den Hügel der pnyx, wo sich die mit der Gesetzgebung betraute Bürgerversammlung im Halbkreis traf, sodass man sich gegenseitig und zugleich den Redner sehen konnte. „Wenn das Ergebnis einer Versammlung ungewiss ist, wird der Gesichtsausdruck anderer Mitglieder besonders wichtig“, denn die Sitzplatzwahl – es gab noch keine Fraktionen – war frei.

Von dort geht es weiter nach Rom, wo wir mit Müller auf dem Forum mit den nun nach Rang und Stand geordneten Bürgern stehen. Ihre Volksversammlung, das comitium, hatte eher die Funktion einer Meinungsumfrage, während die Senatoren in der curia Entscheidungen trafen, die anschließend öffentlich präsentiert wurden. Der Antike verdankt die Demokratie also die Muster für ihre zwei Hauptorte: Platz und Parlament. Vom achtzehnten Jahrhundert an kommen die Straßen in den großen Städten hinzu.
Zunächst geht es daher auf die Plätze, insbesondere jene, die seit 2010 Schauplatz von Massendemonstrationen geworden sind wie der Tahrir-Platz in Kairo oder der Zuccotti Park in New York. Der Ton wechselt vom Baedeker zum Vademecum für Staatsbürger. Kein Onlineraum kann, so schreibt Müller, die Wirkung einer großen Zahl von Menschen an einem Ort ersetzen, die Einsatzbereitschaft und Gleichgesinntheit demonstrieren. Was dort jedoch manifestiert wird, hängt entscheidend von der Beschaffenheit des Ortes ab. Plätze erlauben Camps, die als Laboratorien für neue Gesellschaftsentwürfe dienen. Statt für oder gegen etwas zu demonstrieren, wird hier etwas präfiguriert. Notwendig dafür sind Zugänglichkeit, eine gewisse Größe und keine spezifische Zweckbestimmung wie in einem Einkaufszentrum, Flughafen oder auf einem Paradeplatz.
Das Volk kann nicht vollständig repräsentiert werden
Eine gewisse Nähe zum Sitz der Macht ist gleichwohl unentbehrlich. Auch sollte der Ort nicht übermäßig symbolisch besetzt und ausgestaltet sein, um kreativen Selbstausdruck zu ermöglichen. Das Kapitel endet mit einem Lob von Versammlungen auf dem Platz: Eine „freie Gesellschaft, in der Menschen einander als Gleiche begegnen, muss Konflikte hervorbringen, und der öffentliche Raum ist nicht zuletzt deshalb bedeutsam, weil Menschen sich dort“, im Unterschied zum Internet, „wechselseitig sehen können“. Als informelle Orte der Demokratie stellen Versammlungen ein notwendiges Korrektiv für die bindenden Entscheidungen der politisch legitimierten Beschlussfassungsorgane dar.

Doch wie muss der Sitz dieser formal legitimierten Mächte aussehen, um als demokratisch zu gelten? Zur Natur der Demokratie gehört, dass ihre Regierungen immer nur vorläufig und niemals auf Dauer gestellt sind. Wer oder was kann sie also repräsentieren? „Weder ein Parlament noch im öffentlichen Raum versammelte Bürger repräsentieren das Volk jemals vollständig und restlos“. Müller konsultiert nicht nur Zeitzeugen, Politiker, Architekten und Wissenschaftler, sondern auch Wärter und Taxifahrer von Dhaka bis Edinburgh, die er auf seiner globalen Besichtigungstour von Parlamentsgebäuden getroffen hat.
Zahlreiche Monumentalbauten und Glaskästen werden betrachtet und demokratietheoretisch analysiert, und doch steht der Autor am Ende mit leeren Händen da: „Es gibt offenbar keinen spezifisch demokratischen Stil und schon gar kein spezifisch demokratisches Baumaterial, und auch eine spezielle demokratische Ikonographie scheint nicht zu existieren.“ Insbesondere Transparenz wird als pseudodemokratisch entlarvt, ebenso Zugänglichkeitsgesten wie Kuppeln und Straßen im Haus, die rein symbolisch bleiben.
Über einen Umweg, die Untersuchung populistischer Strategien, gelangt Müller dann aber doch zu einigen Axiomen, die für ihn am gelungensten in Louis Kahns Parlamentsgebäude in Dhaka zum Ausdruck kommen. Paläste der Legislative müssen zuallererst funktionieren, zugleich jedoch Würde besitzen, ohne erdrückend monumental zu wirken. Der Eindruck der Unfertigkeit kann dabei hilfreich sein, wie auch ein Angebot an vielfältigen Räumen, „die eine Reihe demokratischer Praktiken ermöglichen“, inklusive informeller Versammlungs- und Rückzugsorte für Parlamentarier. Ein verwechselbares Bürogebäude wie der Sitz der Europäischen Kommission in Brüssel jedenfalls kann diese Kriterien nur schlecht erfüllen.
Ein Plädoyer für die Anonymität der Straße
Die Ausrichtung und Anordnung der Bestuhlung im Parlament sind Ausdruck von unterschiedlichen Traditionen, aber für Müller nicht entscheidend, solange die gegenseitige Sichtbarkeit auf Augenhöhe gewährleistet ist. Letztlich kann Architektur ohnehin nur eine demokratische Orientierung geben. Eine politische Ordnung hervorbringen, gar konservieren kann sie nicht, wie die zahlreichen autoritären Übernahmen von Parlamenten im Laufe des letzten Jahrhunderts zeigen, einschließlich Kahns Gebäude in Dhaka.
Zuletzt folgt ein Plädoyer für die Anonymität der Straße, denn Transparenz ist bei näherem Hinsehen nur dort eine Tugend der Demokratie, wo es um die formale Kontrolle der Regierenden geht. Straßen sind in Müllers Typologie (im Unterschied zum Platz mit seiner Offenheit für die ungesteuerte Präfiguration) Orte der Petition und der Barrikade, das heißt von Formen des gezielten Protests und Widerstands, der durch das Mitlaufen in der Menge in Gang kommt. Nichtidentifizierbarkeit ist aber allenthalben durch flächendeckend angebrachte Überwachungskameras bedroht. Nicht nur daran sieht man, wie stark auch in Demokratien mittlerweile die Versammlungsfreiheit gefährdet ist. Es ist dieser Befund, der dem Essay seine Dringlichkeit gibt und die „sieben Bausteine zur Reflexion über Architektur und Demokratie“ am Ende des Buches motiviert.
Man mag sich über manches Urteil wundern. Kann man zum Beispiel wirklich grundsätzlich „Wir sind das Volk“-Rufen auf einem Platz in „einer halbwegs funktionierenden Demokratie“ jegliche demokratische Bedeutung absprechen? Und wenn es stimmt, dass NS-Architektur (nicht das Regime) überwältigt und durch Gleichförmigkeit Individualität zunichtemacht, müssten dann nicht dringend das Bundesministerium der Finanzen in Berlin und das Sozialgericht in Kassel umziehen? Man mag sich am Ende auch fragen, ob der Aufwand das doch recht allgemeine Fazit – die „gebaute Umwelt beschränkt und eröffnet zugleich Möglichkeiten“ – rechtfertigt. Doch derlei Bedenken verkennten die Leistung des Buches, das anregende demokratietheoretische Gedankenspiele mit einem großen Reichtum an empirischen Beobachtungen verbindet. Die Lektüre ermöglicht dadurch selbst eine Erfahrung, die für Müller zum Kern der Demokratie gehört: ein auf systematische Weise erneutes Nachdenken.
Jan-Werner Müller: „Straße, Platz, Palast“. Zur Architektur demokratischer Räume. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 267 S., Abb., br., 24,– €.
