Lars Reger hält auf der großen Berliner Bühne einen kleinen Chip in die Höhe. Der könne zehn Jahre am Stück auf einer einfachen Knopfzellbatterie laufen und Daten bis zu 50 Kilometer weit senden. „Hightech made in Europe“, sagt der Technikchef des niederländischen Chipherstellers NXP auf dem sogenannten E-Summit des Elektroverbandes ZVEI. Es sei ein wichtiger Baustein für die Industrie der Zukunft. „Wir brauchen mehr davon, viel mehr.“
Denn schon in wenigen Jahren werden mehr als 50 Milliarden Geräte im Internet miteinander verbunden sein – und ein Gutteil davon in Europa. Denn die hiesige Industrie steckt in einem riesigen Umbauprogramm: Automatisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz. „Mikroelektronik ist einer der wichtigsten Innovationstreiber. Und dem muss Europa endlich Rechnung tragen“, sagt Reger.
Deutschlands Schlüsselrolle
Daher müsse die EU beim Ausbau ihrer Kapazitäten zur Fertigung der winzigen elektronischen Halbleiterbausteine in den kommenden Jahren deutlich zulegen, sagt Tanjeff Schadt vom Beratungshaus PwC. Andernfalls werde sie ihr hochgestecktes Ziel nicht erreichen. Der alte Kontinent will sich von den derzeit großen Abhängigkeiten von Anbietern aus Übersee frei machen. Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Das Land in der Mitte Europas ist mit seinem Chipcluster rund um Dresden sowie Hunderten über die ganze Republik verteilten Zulieferern der größte und wichtigste Hersteller von Chips auf dem alten Kontinent. Darüber hinaus sind Deutschlands Industrien, vom Auto- bis zum Maschinenbau, von Chemie bis Pharma, auch der größte europäische Einkäufer von Chips – und das werde bis auf Weiteres so bleiben.
Denn der Halbleiterbedarf allein des produzierenden Gewerbes wird sich in den kommenden anderthalb Jahrzehnten mehr als verdoppeln. Schon heute aber könne die hiesige Chip-Nachfrage nur zur Hälfte aus eigener Kraft und den eigenen Fabriken abgedeckt werden. Europa fehlt mehr als ein Dutzend moderne Chipfabriken. Das geht aus der aktuellen Studie „Europe’s Semiconductor Business Case“ des Elektro- und Digitalverbandes ZVEI hervor, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.
Am Tag zuvor hatte die Bundesregierung hinter verschlossenen Türen über die nächsten Meilensteine beim Ausbau der hiesigen Mikroelektronik diskutiert. In den Tagen danach wird Brüssel an den letzten Feinheiten der zweiten Auflage des EU-Chips-Act feilen. Anfang Juni soll er vorgestellt werden. Europa muss sich sputen. Erlebt die Branche doch aufgrund des Ausbaus der milliardenteuren Infrastruktur an Rechenzentren eine riesige Nachfrage nach Chips.
Hiesige Halbleiterhersteller wie Infineon und NXP partizipieren zwar kräftig, gemessen an den Erlösen der Konkurrenz in Übersee sind ihre Umsätze aber eher klein. „Was uns in Europa bislang fehlt, ist ein Zielbild“, sagt Andreas Urschitz, Vorstand der Münchner Infineon Technologies. „Wir müssen wissen, wohin wir wollen und wie wir dorthin kommen. Wir müssen unsere Stärken stärken.“ Europa sei stark bei Leistungshalbleitern, Microcontrollern und Sensoren. Bei Prozessoren, Grafik- und Speicherchips habe es derzeit faktisch nichts zu bieten. Hier bedarf es rasch strategischer Entscheidungen.
Europa aber ist bislang zu langsam und zu teuer. Strompreise und Arbeitskosten sind hoch, bürokratische Hürden gewaltig, Förder- und Genehmigungsverfahren umständlich. Kein Wunder, dass von den mehr als tausend aktiven Chipfabriken in der Welt nur etwa 60 in Europa stehen. Ein Viertel davon gilt als hochmodern. Zu wenig, wie Schadt von PwC sagt. Der aktuelle Bedarf sei mindestens doppelt so hoch. In anderthalb Jahrzehnten könnte er gar bei 65 neuen modernen Großfabriken liegen.
Der Chips Act 1.0
Wenn Europa von digitaler Souveränität rede, müsse es genau das vor Augen haben und diese Lücke schließen, sagt Infineon-Vorstand Urschitz. Nach den Lieferkettenkrisen während der Corona-Pandemie hatte Brüssel 2023 den Chips Act 1.0 verabschiedet. Das Ziel: Die Abhängigkeiten vor allem von Asien zu minimieren, den Anteil Europas an der Welt-Chip-Produktion bis 2030 von zehn auf 20 Prozent zu erhöhen und den Einstieg in die Herstellung von Spitzenchips zu schaffen.
Dafür lockerte die EU ihre strikten Beihilferichtlinien. Sie wollte nationalstaatliche Subventionen in Höhe von insgesamt 43 Milliarden Euro möglich machen, private Geldgeber anlocken und zahlreiche Chipwerke hochziehen lassen. Hiesige Unternehmen investierten; Chiphersteller wie Intel und Wolfspeed aus Amerika enttäuschten. Sie machten erst große Versprechen, ließen dann lang auf sich warten und sagten schließlich ab.

Der Aufbau europäischer Kompetenzen im Bereich von KI-Spitzenchips sei zwar teuer und anspruchsvoll, aber zur Stärkung der technologischen Souveränität Europas geboten, sagt Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. Dafür aber brauche es langjährige, nachhaltige und belastbare industriepolitische Strategien. Die Asiaten könnten Vorbild sein, sagt Infineon-Vorstand Urschitz. Amerika ziehe hier bereits nach, erklärt Reger von NXP. Brüssel steht unter Druck, sagen beide.
Europa aber wird nach Ansicht des Europäischen Rechnungshofes seine hochgesteckten Pläne aus dem drei Jahre alten Chips Act 1.0 kaum halten können. Der Grund: Die hiesigen Produktionskapazitäten seien zu klein, viele Investoren halten sich nach wie vor zurück, die Fertigung auf dem Kontinent ist bis zu 30 Prozent teurer als in Asien. „Diese Lücke muss Europa schließen. Und so, wie es derzeit aussieht, kann es das nur durch staatliche Beihilfen machen“, meint Urschitz.
Auf den Baustellen des Dresdner Chipclusters drehen sich derzeit Dutzende Kräne. Der Standort boomt. Zwei neue Werke nehmen in den kommenden Monaten die Arbeit auf. Doch der Boom in Asien und Amerika ist um einiges größer. Zum Vergleich: Der Branchenprimus TSMC baut für 150 Milliarden Dollar einen riesigen Chipfabrikcluster in Arizona und im Rahmen des taiwanisch-europäischen Industriekonsortiums ESMC eine zehn Milliarden Euro teure Fabrik in Dresden.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Dresdner Werk der Taiwaner wird der deutsche Chiphersteller Infineon im Juni ein neues Werk für sogenannte Leistungshalbleiter eröffnen. Eine riesige staubfreie Halle, in der Chips hergestellt werden, die in asiatischen Elektroautos wie auch in US-Rechenzentren arbeiten. Europa möge keine modernen KI-Chips herstellen, sagt Infineon-Vorstand Urschitz. Doch ohne Infineons Leistungshalbleiter ständen ganze Industrien faktisch still.
