Rue Feydeau, Hausnummer fünf, zweites Pariser Arrondissement. Die Luft im Besprechungsraum von Chapsvision ist stickig. Gerade fertig mit einem Meeting, springt Geschäftsführer Silvano Sansoni in ein knapp 40-minütiges Gespräch mit der F.A.Z. Über zu wenig Arbeit kann er derzeit nicht klagen, denn das Interesse an Chapsvision ist gewaltig.
Kaum mehr als sechs Jahre am Markt, steht das französische Unternehmen plötzlich im Zentrum der europäischen Souveränitätsbestrebungen. Seine eigenentwickelte Analysesoftware ArgonOS ermöglicht es, mittels Künstlicher Intelligenz (KI) große Datenmengen zu sammeln, aufzubereiten und auszuwerten. Dadurch gilt Chapsvision als „europäisches Palantir“, also als Alternative zu dem Softwarekonzern aus den USA, dessen Mitgründer der umstrittene Unternehmer Peter Thiel ist.

Ob Industriekunden, Sicherheitsbehörden oder Militär: Die Dienste der Franzosen sind gefragt, denn spätestens seit Donald Trumps Wiederwahl steht die Loslösung von US-Technik in Europa hoch im Kurs – auch in Deutschland. Laut einem jüngsten Bericht von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ verwendet das Bundesamt für Verfassungsschutz neuerdings ein Produkt von Chapsvision. Auch die Bundeswehr hat Palantir eine Absage erteilt und prüft das Angebot aus Frankreich sowie der deutschen Start-ups Almato und Orcrist.
„All diese Kunden suchen nach vertrauenswürdigen europäischen Alternativen“, sagt Sansoni. Namen gibt er jedoch nur preis, wenn das Interesse oder der Erwerb wie im Fall der Bundeswehr vom Kunden selbst publik gemacht wurden. Den Medienbericht über den Verfassungsschutz will er nicht kommentieren, aber auch nicht dementieren. Die Behörde selbst bittet gegenüber der F.A.Z. um Verständnis, zu Angelegenheiten, die etwaige konkrete nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung zu nehmen. Nicht zuletzt für die Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr werden große Datenmengen unterschiedlichen Ursprungs aggregiert und analysiert.
Spürbares Interesse
Klar ist: Die Entscheidung des Verfassungsschutzes könnte sich als Türöffner erweisen für eine Reihe weiterer lukrativer Aufträge – und die Abkehr von Palantir beschleunigen. Der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Schätzl, wurde mit den Worten zitiert, diese Entscheidung sei „ein maßgeblicher Schritt hin zu echter europäischer Souveränität und entfaltet zugleich eine große Signalwirkung“. Derzeit ist Palantir in vier Bundesländern im Einsatz. In puncto Leistungsfähigkeit galt die Software der Amerikaner in der Vergangenheit nicht nur als konkurrenz-, sondern praktisch auch als alternativlos.
Dass Chapsvision nun binnen weniger Jahre mit ArgonOS eine veritable Konkurrenzsoftware entwickelt hat, ist bemerkenswert – zumal sie ursprünglich für Privatkunden gedacht war, erzählt Sansoni. Doch schon kurz nach seiner Gründung bekam das junge Unternehmen den Zuschlag des französischen Inlandsgeheimdiensts DGSI, der nach Alternativen zu Palantir suchte. Für Chapsvision war es ein Innovationskatalysator. Die DGSI testete und verbesserte die Software und legitimierte sie so bei anderen staatlichen Stellen und auch in der Privatwirtschaft.
Diese Referenzen helfen, sich nun auch im europäischen Ausland als Alternative zu Palantir zu empfehlen. „Durch die Arbeit mit der DGSI in Frankreich konnten wir etwas sehr Solides aufbauen, das es uns ermöglicht, mit allen Regierungen der Europäischen Union zu diskutieren“, berichtet Geschäftsführer Sansoni. Das Interesse an souveränen europäischen Lösungen, bei denen die Daten zugleich bei europäischen Cloud-Anbietern wie Schwarz Digits oder OVH oder auf eigenen sehr sicheren Servern gespeichert werden können, wachse spürbar. Selbst aus Ländern wie Armenien gebe es Anfragen.
Chapsvision, vom elsässischen Ingenieur und erfolgreichen Techunternehmer Olivier Dellenbach gegründet, ist durch nicht weniger als 29 Übernahmen schnell gewachsen. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen knapp 1100 Mitarbeiter, von denen fast die Hälfte in der Forschung und Entwicklung tätig ist, und stellt kräftig ein. Allein in den vergangenen sechs Monaten seien 200 neue Leute dazugestoßen, sagt Sansoni. Dabei wirtschafte man vom ersten Tag an profitabel, ist ihm wichtig zu betonen.
Mehr als nur ein Papiertiger
Das Unternehmen ist mehrheitlich im Besitz des heute 65 Jahre alten Gründers, der als Verwaltungsratspräsident weiter aktiv ist. Investoren sind fünf französische Gesellschaften, darunter der Vermögensverwalter Tikehau Capital, der Private-Equity-Fonds Jolt Capital und die staatliche französische Förderbank Bpifrance. Etwa 350 Millionen Euro hat Chapsvision bislang eingesammelt. Zur Unternehmensbewertung macht Sansoni keine Angaben.
Als Start-up will der Italofranzose, der seit vergangenem November die Geschäfte führt und fast 19 Jahre lang für den US-Konzern IBM gearbeitet hat, Chapsvision nicht mehr bezeichnen. Dafür sei man inzwischen schon zu groß. Zuletzt betrug der Jahresumsatz rund 200 Millionen Euro, der sich etwa hälftig auf den privaten und den öffentlichen Sektor aufteilt. Und schon im Jahr 2030 wolle man die Milliardenmarke knacken, erklärte Sansoni. Zu etwa 75 Prozent soll das durch Akquisitionen gelingen und zu 25 Prozent durch Umsatzwachstum.
Hauptmarkt ist bislang Frankreich. Chapsvision hat zwar auch Aktivitäten in Nordamerika. Zu 80 Prozent entfällt der Umsatz aber auf Europa, ein bisschen Asien und Naher Osten eingeschlossen – und davon wiederum zu 70 Prozent auf Frankreich. Doch das soll sich nun ändern, betont der Geschäftsführer. So soll zum einen die Präsenz auf dem technologisch so wichtigen nordamerikanischen Markt ausgebaut werden. Die dortigen Innovationen wolle man nach Europa transferieren. Zu diesem Zweck hat Chapsvision unlängst im kanadischen Montreal ein Forschungs- und Entwicklungszentrum eröffnet.
Daneben hat vor allem ein Land in den Worten des Geschäftsführers „oberste Priorität“: Deutschland. Das füge sich in die Strategie, „sehr schnell zu einem Unternehmen mit einer durch und durch europäischen DNA zu werden“. „Unser Ziel ist es, sehr bald Akquisitionen in Deutschland zu tätigen“, sagt Sansoni. Man wolle dort die Forschung und Entwicklung ausbauen, Dienstleistungen entwickeln, die speziell auf den deutschen Markt zugeschnitten sind, und die Partnerschaften mit deutschen Akteuren verstärken; schon heute kooperieren die Franzosen mit der SVA System Vertrieb Alexander GmbH aus Wiesbaden und der rola Security Solutions GmbH aus Oberhausen, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom. Die Expansionsstrategie ist mehr als nur ein Papiertiger aus der Pariser Unternehmenszentrale, mit Melania Domene ist seit vergangenem Jahr eine Deutsche Vertriebs- und Marketingleiterin von Chapsvision.
Es gehe ums große Ganze
Der Fokus auf Deutschland kommt nicht von ungefähr. Zum einen ist es der größte Markt Europas, zum anderen sieht Sansoni in der dortigen Industrie viele potentielle Kunden. Konkret spricht er von „Rheinmetall, Thyssenkrupp oder anderen großen Unternehmen aus dem Bereich der Verteidigung oder nationalen Sicherheit“. Auch die Autohersteller Mercedes, BMW und Volkswagen hat er auf seiner Liste. „Wir glauben wirklich, dass wir im Bereich der KI-Datenverarbeitung eine echte deutsch-französische Achse schaffen können“, betont Sansoni. Man bespreche mit sehr vielen Unternehmen, wie man gemeinsam Allianzen schmieden könne.
Sansoni hat es mit dem Wachstum eilig und schließt auch einen Börsengang zu Beginn des kommenden Jahrzehnts nicht aus. „Es gibt nämlich eine kritische Masse, die erreicht werden muss, um nicht übernommen werden zu können“, sagt er. Es gehe im Wettstreit mit Amerika und China ums große Ganze, nachdem Europa zwar bedeutende industrielle Erfolge, aber auch technologische Misserfolge erlebt habe. Anwendungssoftware sei „die letzte europäische Bastion“. Europäische Souveränität sei essenziell, müsse aber mit technologischer Exzellenz einhergehen.
