Filme machen ist Teamarbeit. Das galt in diesem Jahr nicht nur für die Schauspieler, die wir im Wettbewerb von Cannes sehen konnten, sondern auch für die dritte Ehrenpalme, die am letzten Abend des Festivals vergeben wurde. Schauspielerin Barbra Streisand konnte nicht anreisen wegen Knieproblemen, ihre französische Kollegin Isabelle Huppert nahm die Auszeichnung für sie entgegen.
Im Wettbewerb kamen die stärksten Auftritte Paartänzen gleich, bei denen die Partner sich auf die Sicherheit des Gegenübers verlassen konnten und sich gegenseitig in ihren Leistungen bestärkten. Dieser Beobachtung zollt auch die Entscheidung der Jury Tribut: in beiden Schauspielkategorien zeichnete sie jeweils beide Hauptdarsteller aus. So erhielten die Belgierin Virginie Efira und die Japanerin Tao Okamato für ihre Darstellung in Hamaguchi Ryusukes „All of a Sudden“ den Preis für die beste Schauspielerin.
In dem lose vom Briefwechsel zwischen einer Philosophin und einer Anthropologin inspirierten Film, spielten die beiden zwei Frauen, die sich unverhofft treffen und sofort in einen tiefen intellektuellen Austausch treten über den Zustand der Welt, den Niedergang des Kapitalismus und was sich daraus fürs eigene Handeln ableiten lässt. Als beste männliche Darsteller zeichnete die Jury den Belgier Emmanuel Macchia und den Franzosen Valentin Campagne aus, die im Kriegsfilm „Coward“ von Lukas Dhont ein Liebespaar in den Gräben des Ersten Weltkriegs spielen.

Krieg war ein bestimmendes Thema in vielen Wettbewerbsfilmen. Wer sich auf historisches Terrain wagte, tat das, um Bezüge zur Gegenwart aufzuwerfen. Wie etwa der Franzose Emmanuel Marre, der aus dem Briefwechsel seiner Großeltern in seinem Film „Notre Salut“ das Porträt eines Opportunisten im Vichy-Regime erarbeitete, der mit den Nazis kollaboriert und – ganz im Sinne Hannah Arendts – keine Verantwortung für seine Taten bei der Verfolgung seiner Mitbürger übernehmen will. Die Jury zeichnete Marres Arbeit mit dem Preis für das beste Drehbuch aus. Marre sagte in seiner Dankesrede: „Wir haben versucht zu verstehen, wie Gewalt – das Bedürfnis zu dominieren, das Bedürfnis, sich durch den Ausschluss des Anderen zu vergewissern –, wie diese Art von kleingeistigen Führern, die nicht zu lieben wissen, die nicht zu teilen wissen, die nicht wissen, wie man einen anderen Menschen als menschliches Wesen betrachtet, ausschließen, bombardieren und Völkermord begehen, wenn sie an der Spitze eines Staates stehen.“
Auch der Preis für die beste Regie ging an gleich zwei Filme (ex-æquo), die sich mit Krieg und seinen Folgen auseinandersetzten: der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski erhielt den Preis für „Vaterland“ (in dem Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland zurückkehren) und das spanische Regieduo Javier Calvo und Javier Ambrossi wurde für „La Bola Negra“ (ein Drama über den Geliebten des Dichters Federico Garcia Lorca im spanischen Bürgerkrieg) ausgezeichnet. Den Grand Prix erhielt der in Russland geborene und mittlerweile in Frankreich lebende Regisseur Andrei Swjaginzew für sein Drama „Minotaur“ (das den Zerfall einer Familie vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine erzählt).
Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach erhielt den Preis der Jury für „Das geträumte Abenteuer“, einem mit bulgarischen Laiendarstellern realisierten Film über die Menschen in der Grenzregion zwischen Bulgarien und der Türkei. In ruhigen Bildern folgte Grisebach ihren Protagonisten, dreht dabei in einer sich immer weiter zuspitzenden Kriminalhandlung die Rollenerwartungen um und präsentiert mit ihrer selbstbewussten Archäologin Veska die wohl ungewöhnlichste Frauenfigur des Wettbewerbs.
Mit dem Hauptpreis zeichnete die Jury unter Vorsitz des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook das norwegisch-rumänische Drama „Fjord“ von Cristian Mungiu aus, in dem Renate Reinsve und Sebastian Stan als Mitglieder einer strengen christlichen Sekte in eine abgelegene norwegische Gemeinde ziehen und mit ihren Methoden der Kindererziehung ins Visier der Behörden geraten.
Mungiu lässt lange offen, wessen Aussage man trauen kann, zeichnet jede Partei in diesem Konflikt mit helleren und dunkleren Seiten und wirft so Fragen nach den Grenzen von Religionsfreiheit und rechtsstaatlichen Grundsätzen auf. Wo hört Toleranz auf? Wo fängt Erziehung an? Und wer ist für das körperliche Wohl von Kindern verantwortlich? Ein kontroverser Film, den man bis zum letzten Bild sehen muss, um zu wissen, wessen Seite die Sympathien des Filmemachers gelten.
