Geld verschicken per Internet. Sportliche Elektroautos bauen. Solarpanels für Privathäuser liefern. Einen Tunnel unter der Stadt bauen gegen den Stau. (Vielleicht sorgt jemand dafür, dass man durch solche Tunnel mit Schallgeschwindigkeit fahren kann.) Ein soziales Netzwerk kaufen. Die Welt mit Internet aus dem Weltall versorgen. Und natürlich: als erstes privates Unternehmen Weltraumraketen in die Umlaufbahn bringen. Im Durchschnitt alle drei Jahre macht sich Elon Musk an eine neue Unternehmung. Und da sind seine Schnapsideen noch gar nicht mitgerechnet, zum Beispiel ein zwischenzeitlicher Verkauf von Flammenwerfern und sein Versuch, die Staatsverwaltung der USA kleinzuhacken.
Jetzt mündet all das in einem Börsengang. Am 12. Juni will Musk neue Aktien an die Börse bringen, und zwar von SpaceX, dem Unternehmen, in dem er seine aktuellen Interessen bündelt: Da sind Weltraumraketen, die dem Unternehmen seinen Raumfahrt-Namen geben. Da ist aber auch das satellitenbetriebene Internet und die Sparte für Künstliche Intelligenz, die Musk noch rechtzeitig vor dem Börsengang in SpaceX integriert hat. Und das soziale Netzwerk X, einst Twitter. Rund 1,75 Billionen Dollar könnte das Unternehmen wert sein, es wäre der größte Börsengang aller Zeiten. Gut möglich, dass der Börsengang Musk zum Billionär macht.
„Das Leben multiplanetar machen“
276 Seiten lang ist der vorläufige Börsenprospekt, den SpaceX vergangene Woche veröffentlicht hat. Und wie es sich für Musk gehört, enthält der Prospekt Sätze, die für solche Dokumente mehr als ungewöhnlich sind. Das Unternehmen sieht es als seine Mission an. Technologien zu entwickeln, „die das Leben multiplanetar machen“ und die helfen, „das wahre Wesen des Universums zu verstehen“. Das Unternehmen stellt seinem Anführer einen Sonderbonus in Form von einer Milliarde SpaceX-Aktien in Aussicht für den Fall, dass es gelingt, mindestens eine Million Menschen dauerhaft auf dem Mars anzusiedeln.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Raumfahrtgeschäft des Unternehmens, also der Transport von Nutzlasten ins All, schreibt Verluste – und ist zudem stark abhängig von der bislang wichtigsten SpaceX-Sparte Starlink, die Musks Raketen nutzt, um ihre Satelliten in den Weltraum zu bringen, und die wiederum von den Raketen der Raumfahrtingenieure abhängt. Die gigantische neue Rakete „Starship“, die SpaceX mit hohem Aufwand entwickelt, hat weiter mit technischen Problemen zu kämpfen. Am Freitag verlief ein Test weitgehend erfolgreich.
SpaceX als großes KI-Projekt
In Summe geht aus dem Prospekt allerdings sehr klar hervor, dass Musk SpaceX den Anlegern erst mal weniger als Raumfahrtunternehmen, sondern vor allem als KI-Champion schmackhaft machen will. Zwei Zahlen machen das deutlich: SpaceX beziffert seinen „insgesamt adressierbaren Gesamtmarkt“ mit astronomisch hohen 28,5 Billionen Dollar. Dies sei der größte in der Geschichte der Menschheit. 26,5 Billionen Dollar, also mehr als 90 Prozent davon, sollen auf Geschäfte rund um die Künstliche Intelligenz entfallen. Den Markt für die Satelliten-Internetsparte Starlink, mit der SpaceX heute sein Geld verdient, wird dagegen mit lediglich rund zwei Billionen Dollar beziffert.
Und was genau meint SpaceX mit KI-Geschäften, auf die mehr als 90 Prozent des zukünftigen Marktpotentials entfallen sollen? Der mit Abstand größte Teil davon entfällt nicht auf den spektakulären Plan, Weltraum-Rechenzentren zu betreiben. 22,7 Billionen des 26,5 Billionen Dollar schweren KI-Gesamtmarkts, den SpaceX nennt, zählen zu einem Geschäftsbereich, den das Unternehmen als „Unternehmensanwendungen“ bezeichnet – also KI-gestützte Software für Firmen, ein im Kontext von Musks wilden Weltraum-Erzählungen eher profanes Geschäft. Was damit genau gemeint ist, bleibt allerdings unklar. Genannt wird im Börsenprospekt ein KI-Agent namens „Macrohead“. Diesen entwickle SpaceX gemeinsam mit dem Autobauer Tesla, der ebenfalls zu Musks Firmenimperium zählt.
Wie zentral die KI für das Versprechen von SpaceX an die Anleger ist, zeigt auch der Blick auf die Investitionen, die das Unternehmen im Prospekt ebenfalls erstmals beziffert: Von den Gesamtinvestitionen von 20,7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr entfielen 12,7 Milliarden Dollar auf die KI. Noch höher war der Anteil im ersten Quartal 2026.
Ist SpaceX in der KI noch vorne dabei?
Zugleich ist der KI-Bereich aber auch der mit Abstand größte Verlustbringer von SpaceX. Dabei gehört diese Sparte erst seit drei Monaten dazu. Im Februar hat Elon Musk das Raumfahrtunternehmen mit seinem KI-Unternehmen XAI fusioniert, zu dem auch das Soziale Netzwerk X gehört. Mit der Veröffentlichung der Zahlen ist nun klar, was viele schon vermuteten: Die KI-Sparte macht hohe Verluste. Ohne sie wäre SpaceX profitabel, doch mit Künstlicher Intelligenz hat das Unternehmen im ersten Quartal fast zweieinhalb Milliarden operativen Verlust eingefahren.
Dabei ist die Frage offen, ob SpaceX im KI-Wettrennen überhaupt noch in der ersten Liga mitspielt. Früher, in der schnelllebigen KI-Welt war das noch vor einigen Monaten, schnitten Musks Modelle mit dem Namen Grok in unabhängigen Tests oft mindestens so gut ab wie die Konkurrenz von Open AI (ChatGPT) und Anthropic (Claude).
Doch während für die meisten anderen großen KI-Unternehmen die knappe Rechenkapazität das Haupthindernis darstellt, hat SpaceX gerade ein ganzes Rechenzentrum an Anthropic vermietet, statt es selbst zu nutzen. Ein Zeichen dafür, das das Unternehmen dringend neue Einnahmequellen braucht, die Modellentwicklung nicht mehr so wichtig nimmt oder sogar beides. Und wenn Musk den Billionen-Markt für das Geschäft mit Unternehmen erobern will, muss er sich vor Augen führen: Bisher spielt Grok in diesem Geschäft kaum eine Rolle, hier dominieren Anthropic und Open AI. Wo die KI derzeit die größten Produktivitätssprünge ermöglicht, im Programmieren von Software, läuft Musks Chatbot der Konkurrenz hinterher. Auch der Staat ignoriert die KI von SpaceX weitgehend. Laut einem Reuters-Bericht verwendeten amerikanische Bundesbehörden 2025 nur in drei von mehr als 400 KI-Anwendungsfällen die Software von SpaceX.
Rechenzentren im Weltall
Doch Musk wäre nicht Musk, wenn er nur an die KI für Unternehmen dächte. So wie bei SpaceX der Starlink-Internetzugang und die Raketen zusammenhängen, so hat Musk auch die Fusion der KI-Sparte so erklärt, dass nur Rechenzentren im Orbit, betrieben mit Solarzellen, den enormen Energiehunger der Künstlichen Intelligenz stillen könnten. Solche Solarzellen im Weltall könnten fünfmal so viel Energie produzieren wie vergleichbare Zellen auf der Erde, argumentiert SpaceX nun auch in seinem Prospekt.
Doch bis dahin haben Ingenieure noch einige Fragen zu klären. Nicht zuletzt müssten die Kosten, um Masse in den Orbit zu befördern, weiter fallen – und darüber entscheidet wiederum der Erfolg der Starship-Raketen. 100 Gigawatt Energieinfrastruktur pro Jahr will SpaceX ins All befördern, so viel wie hundert Atomkraftwerke auf der Erde produzieren, mit Tausenden Raketenstarts. Millionen Tonnen Gewicht müssen dafür in den Orbit gelangen.
Das eigentliche Training der KI-Modelle scheint in Musks Prioritäten in den Hintergrund zu rücken. Im Prospekt wird die Infrastruktur an erster Stelle genannt, vor den Grok-Modellen. „Wir glauben, dass die zentralen Einschränkungen für das kontinuierliche Wachstum von KI physikalisch sind“, schreibt SpaceX dort, und nennt: Chip-Produktion, Rechenzentren und Energieerzeugung. „Die Zukunft der KI wird von der Kontrolle über die physische Wertschöpfungskette bestimmt.“
Musk kann man nicht rauswerfen
So tickt Musk. Ob KI-Geschäft, Weltraum-Rechenzentren oder neue Raketen – die Geschäftschancen werden im Börsenprospekt kühn, aber auch ziemlich vage ausgemalt. Etwas anderes dagegen ist glasklar: Falls Musk seine großen Versprechungen nicht einlöst, werden ihn die SpaceX-Aktionäre nur schwer rausschmeißen können. Weil es zwei Klassen von Aktien gibt, wird Musk auch nach dem Börsengang die Stimmrechtsmehrheit kontrollieren. Musk gehören derzeit 94 Prozent der sogenannten B-Aktien von SpaceX, die jeweils mit einem zehnfachen Stimmrecht ausgestattet sind. Der Gründer hat damit 85 Prozent aller Stimmen – und wird laut Prospekt auch nach dem Börsengang die Kontrolle behalten, sofern er seine Aktien nicht verkauft.
Nun ist Space X nicht das einzige von Musk groß gemachten Unternehmen, das an der Börse gehandelt wird. Fans von Elon Musk halten schon eine Weile Tesla-Aktien, auch der Bezahldienst Paypal ging an die Börse, wenn auch lange nach dem Abschied von Musk. Noch nie allerdings gab es eine Aktie, mit der Anleger so konsequent in Elon Musks Unternehmertum investieren sollten – im Guten wie im Schlechten.
Welche Ideen Musk als Nächstes hat, das weiß niemand vorher, sicherlich nicht mal er selbst. Möglich, dass er sie in SpaceX einbringt. Sicher ist das allerdings nicht. Und dass er sich immer an alle Börsenregeln hält, ist auch nicht garantiert. Mehrfach hatte er in den vergangenen Jahren Ärger mit der Börsenaufsicht SEC wegen der Aktie von Tesla, weil er leere Versprechungen gemacht, Informationen auf den falschen Kanälen verbreitet oder öffentlich Unsinn über seinen Aktienbesitz erzählt hat. Dem Aktienkurs hat es nicht geschadet, der ist seither um ein Mehrfaches gestiegen. Schwierig wurde es mit der Tesla-Aktie erst dann, als Musk andere Interessen entwickelte und sich nicht mehr so leidenschaftlich um das Unternehmen kümmerte.
Wer also auch immer jetzt sein Geld Elon Musk anvertrauen will, kann sicher sein: Es wird ein wilder Ritt.
