
Die Versorgungsengpässe mit wichtigen Rohstoffen durch den Irankrieg greifen in Japan immer weiter um sich. Bis hinein in die Gesundheitsversorgung macht sich das Ausbleiben wichtiger Vorprodukte inzwischen bemerkbar. 412 medizinische Einrichtungen hätten sich inzwischen an die Regierung gewandt, weil bei ihnen die medizinischen Kunststoffhandschuhe knapp werden, sagte Ministerpräsidentin Sanae Takaichi nun auf einer Kabinettssitzung in Tokio. Als Notfallmaßnahme werde die Regierung insgesamt 1,6 Millionen solcher OP-Handschuhe aus den staatlichen Beständen freigeben. Schon an diesem Samstag will die Regierung mit dem Versand beginnen. Auch Apotheken klagten über einen Mangel an Kunststoffbehältern.
Neben den ausbleibenden Energielieferungen durch die Blockade in der Straße von Hormus ist Japan vor allem von gestörten Lieferketten von Naphtha betroffen, also Rohbenzin, das als Vorprodukt für viele Kunststoffe benötigt wird. Japan deckt üblicherweise 40 Prozent seines inländischen Naphtha-Bedarfs durch Importe aus dem Nahen Osten. Die Preise für dieses Material sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen, und mehrere japanische Unternehmen haben bereits ihre Produktion umgestellt oder heruntergefahren.
Wenn die Chipstüten Trauer tragen
Ein besonders offensichtliches Beispiel ist der Snackhersteller Calbee, der seine Chips, Nüsschen und Frühstückscerealien in weite Teile der Welt verkauft. Von Ende Mai an wird das Unternehmen 14 seiner beliebtesten Produkte in schwarz-weißen Verpackungen statt der üblicherweise bunt bedruckten Tüten verkaufen. Calbee will damit drohenden Engpässen in der Versorgung mit Tinte vorgreifen, die ebenfalls mit Naphtha hergestellt wird. Da das Unternehmen darauf angewiesen sei, seine Chips unmittelbar während der Kartoffelernte zu verpacken, könne es sich in dieser Zeit keine Engpässe erlauben. Daher habe man sich vorsorglich zu dem Schritt entschieden.
Zuletzt hatte der Konzern nach dem großen Erdbeben von Fukushima im Jahr 2011 zu einer ähnlichen Maßnahme gegriffen. Damals litten weite Teil der japanischen Wirtschaft unter anderem unter Strommangel, weil nach der Atomkatastrophe in Fukushima auch die übrigen Kernkraftwerke des Landes heruntergefahren wurden.
Nachdem Calbee seine Schwarz-weiß-Pläne bekannt gegeben hatte, haben Farbenhersteller wie die Nippon Paint Holding versucht, ihre Kunden zu beruhigen. „Wir können unsere Beschaffungsfähigkeiten über Konzerngesellschaften auf der ganzen Welt nutzen, um etwaige Engpässe abzudecken“, sagte der Co-Präsident Yuichiro Wakatsuki auf einer Pressekonferenz des Unternehmens. Alle Lieferverpflichtungen würden erfüllt. Allerdings hat das Unternehmen schon im März, also kurz nach Beginn des Irankriegs, seine Preise um teilweise 75 Prozent erhöht. Damit habe man einsetzenden Hamsterkäufen entgegenwirken wollen, hieß es.
Toyota warnt vor Milliardeneinbußen
Mit Toyota Motors hat vor zwei Wochen einer der größten Konzerne des Landes vor den Folgen gewarnt, die der Irankrieg durch ausbleibende oder stark verteuerte Rohstoffe auf sein Geschäft haben könnten. Auf bis zu 670 Milliarden Yen (3,6 Milliarden Euro) könnten sich die Belastungen zusammen mit ausbleibenden Verkäufen im Nahen Osten summieren. Noch schlimmer könnte es allerdings werden, wenn durch den Naphtha-Mangel Zulieferer ausfallen würden. „Wir können keine Autos bauen, wenn auch nur ein Teil dafür fehlt“, warnte Finanzvorstand Yoichi Miyazaki.
So ziehen die Knappheiten und höheren Preise immer weitere Kreise in der Wirtschaft des Inselstaats. Auch andere Lebensmittelproduzenten berichten von teils kräftig gestiegenen Einkaufspreisen, zum Beispiel für die Verpackungsmaterialien: „Da Tinte und Kunststofffolie knapp sind, wurden wir um eine Preiserhöhung für Folie von 20 Prozent bis 40 Prozent ab Juni gebeten“, zitierte die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ nun den Vertreter eines Süßwarenherstellers. Andere Unternehmen würden ebenfalls bereits über simplere Verpackungen nachdenken, die weniger Tinte und Kunststoff verbrauchten, gaben aber noch keine konkreten Pläne bekannt.
Schon im April hatte der Hersteller von Badezimmereinrichtungen Toto Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Naphtha zugegeben und vorübergehend die Annahme von Bestellungen für seine vorgefertigten Badezimmereinheiten gestoppt. Solche Nasszellen sind in japanischen Häusern, Wohnungen und Hotels weit verbreitet. Naphtha ist ein entscheidender Bestandteil der Beschichtungen und Folienverklebungen, die zur Herstellung der Einheiten verwendet werden. Erst nachdem sich die Regierung in die Verhandlungen mit den Rohstoffherstellern eingeklinkt hatte, nahm Toto die Neubestellungen wieder auf.
Ministerpräsidentin Takaichi bemüht sich schon seit Beginn des Irankriegs, Sorgen um Versorgungsengpässe zu zerstreuen. Im Rahmen der Kabinettssitzung am Donnerstag betonte sie abermals, dass Japan in der Lage sein sollte, ausreichend Rohöl und aus Naphtha gewonnene Mineralölprodukte bis ins nächste Jahr hinein zu sichern, indem es verstärkt versucht, diese aus alternativen Quellen außerhalb des Nahen Ostens zu beschaffen. Sie gestand aber ein, dass es in Japan zu Engpässen in den Lieferketten von Baumaterialien wie Farben und Dämmstoffen sowie von Schmieröl kommt, die allesamt aus Naphtha hergestellt werden. Takaichi sagte, die Regierung gehe das Problem an. Vor allem um kleinere Betriebe wie Bauunternehmen und Kfz-Werkstätten mache sie sich Sorgen, die möglicherweise keine starke Verhandlungsmacht gegenüber ihren Lieferanten haben.
