Für den Kanzler verdunkelt es sich weiter. Der Koalitionspartner SPD verweigert sich nicht nur seinen Reformideen, sondern bezeichnet nun schon kleine Veränderungen als menschenverachtend, die Schwesterpartei CSU setzt unbeirrt ihre Interessen durch, während in den Reihen der CDU die Unruhe wächst. Friedrich Merz’ Beliebtheit sinkt, auch im Volk; die Union nähert sich in Umfragen der 20-Prozent-Marke.
Und über alledem schwebt der Schatten, der den Bundeskanzler seit Anbeginn verfolgt und der ihn nun einzuholen droht: Angela Merkel. Plötzlich ist seine (Vor-)Vorgängerin im Amt wieder eine gefeierte Person, oder wie es der ARD-Journalist Markus Preiß bei seiner Begrüßung der Kanzlerin außer Dienst zusammenfasste: „Sie ist wieder da!“
Merkel reist nicht nur als Buchautorin durchs Land, allein im Juni liest sie in Halle, Freiburg, Neuss und Oldenburg, sie lässt sich von Podcastern in München einladen, besucht Konferenzen wie die Berliner Republica, setzt sich in Fernsehstudios, besucht Redaktionsstuben und Hintergrundkreise oder lässt sich, wie am vergangenen Dienstag, in Straßburg den ersten Europäischen Verdienstorden umhängen.
Nicht Auseinandersetzung, sondern Hagiografie
Vor den meisten Mikrofonen äußert sie sich zurückhaltend, ganz in der noblen Haltung, zu tagespolitischen Fragen schweigen zu wollen. „Ich beantworte das mal lieber grundsätzlich“, sagt sie gerne, um dann im Grundsätzlichen zu verdeutlichen, was sie richtig gemacht hat und was ihrem Nachfolger fehlt. Ein Schlüsselbegriff dabei: „Fingerspitzengefühl“.
Stets wählt sie den Auftritt im geschützten Raum, also den Dialog mit Gesprächspartnern, die ihr den gebührenden Respekt entgegenbringen und für geneigte Auditorien bürgen. Merkel will – ein nachvollziehbarer Wunsch – ihr historisches Erbe definieren und mitgestalten, was aus ihrer Sicht Streitgespräche mit Kritikern auszuschließen scheint. Ihr Ziel ist nicht die Auseinandersetzung, sondern die Hagiographie.
Entsprechend selten wird sie mit unangenehmen Fragen konfrontiert. Kaum einer ihrer Gesprächspartner will wissen, worüber außerhalb der Merkel-Welt so mancher rätselt: Warum sie den Atomausstieg beschleunigte, den Klimaschutz über die ökonomische Selbstbehauptung stellte und die irreguläre Migration verteidigte, warum sie die Wehrpflicht aussetzen ließ und die Infrastruktur vernachlässigte, warum sie das gesellschaftspolitische Liberalisieren wichtiger fand, als die Republik auf die schon damals erkennbaren strategischen und geoökonomischen Herausforderungen vorzubereiten.
Allein zu ihrer „sehr vorsichtigen“ Russlandpolitik (Preiß) muss sie zuweilen Stellung beziehen, weil das – nicht von ihr allein betriebene – Appeasement inzwischen auch unter Merkel-Anhängern mit Argwohn betrachtet wird.

Den Vorwurf lässt Merkel an sich abperlen, um ihn umzudrehen und gegen den Kanzler zu wenden. Zwar befürwortet sie die seit ihrer Amtszeit ausgebaute Verteidigungsfähigkeit, aber dafür vermisst sie die Gesprächsfähigkeit, die sie in ihrer Amtszeit noch aufbrachte. „Europas diplomatisches Potential“ – also vor allem das deutsche – würde „nicht ausreichend eingesetzt“, bedauerte sie am Dienstag auf der Republica-Konferenz. Dann erinnerte sie daran, dass sie stets persönlich mit Putin verhandelt habe.
Dass jetzt über einen Sondergesandten für Russland nachgedacht werde, also einen Unterhändler oder eine Unterhändlerin ohne die Autorität eines Regierungsamtes, erscheint ihr absurd. „Da wäre ich nicht drauf gekommen. Das muss man selber in die Hand nehmen.“ Warum, soll man sich fragen, tut Merz das nicht?
Vorsichtiger als früher äußert sie sich zu den Gründen des Angriffskriegs. Im Oktober hatte sie noch (in einem ungarischen Onlinemedium) beklagt, dass die baltischen Staaten und Polen in den Monaten vor dem Überfall ihren Plan vereitelt hätten, ein europäisches Format für Verhandlungen mit Putin zu etablieren. Merkel sagte: „Auf jeden Fall ist es nicht zustande gekommen, und ja, dann bin ich aus dem Amt geschieden, und dann hat die Aggression Putins begonnen.“
Das erinnerte von Ferne an Donald Trump, der gerne behauptet, dass sich Russland während seiner ersten Amtszeit keinen Krieg getraut hätte, und so seinen Vorgänger und Nachfolger herabsetzte: Obama, in dessen Ära die Krim annektiert wurde, und Biden, in dessen Zeit der Überfall auf die Ukraine fiel.
Als schwache Figur lässt Merkel den Bundeskanzler auch durchs Bild laufen, wenn sie über den Rechtsnationalismus in Deutschland doziert. Nicht wenige sind überzeugt, dass die Altkanzlerin mit ihrer vermeintlich alternativlosen Politik die Gründung und den Aufstieg der Alternative für Deutschland begünstigt hat, aber statt nachdenkliche Worte in eigener Sache zu formulieren, berät sie lieber die Politiker, die sich nun hilflos mit ihrem Erbe herumschlagen.
Man dürfe sich „nicht immer indirekt definieren“ über die AfD, sagte sie, sondern müsse mehr Eigenständigkeit entgegenhalten: „Was ist eigentlich unser Plan für dieses Land? Was können wir den Menschen anbieten?“ Merz wird sich auch über diese Empfehlung gefreut haben.
Trockenwarmer Stoizismus
Dabei sind es gar nicht so sehr die einzelnen Spitzen, die den Kanzler bedrängen; sie fallen eher auf Merkel zurück. Es ist der Ton, ja das Lebensgefühl, das sich einstellt, wenn man die Altkanzlerin reden hört. Plötzlich lässt er sich wieder erleben, der trockenwarme Stoizismus, den gar nicht wenige im Land und auch in der Union vermissen.
Zwar glaubt auch Merkel, die Deutschen müssten „schneller und besser werden“, aber als Sanierungsfall mag sie das Land nun wirklich nicht porträtieren; sie warnt vielmehr vor einem „Abgesang“. Mit Merkel ist die politische Unerschütterlichkeit zurück, und auch wenn diese im Jahr 2026 nur auf selektiver Wahrnehmung der Realität beruhen kann, wirkt sie unvermindert wohltuend. War das Leben nicht angenehmer, als man sich noch von Merkel sedieren ließ?

Ihr vermeintlicher Pragmatismus verdeckt einen zersetzenden Kern. Dieses Nun-malt-mal-nicht-so-schwarz, ihre unaufgeregte Überzeugung, dass das Land mit etwas Kompromissbereitschaft und Vernunft doch immer weit genug gekommen sei, lähmt die Bereitschaft, die der Kanzler – wenn auch zunehmend kraftlos – von den Koalitionspartnern und den Bürgern einfordert: Opfer zu bringen, Mut zu zeigen, einen Aufbruch zu wagen. Ist das wirklich alles nötig? So schlecht kann es doch um das Land nicht stehen, wenn der Frau, die für zentrale Versäumnisse der vergangenen zwanzig Jahre verantwortlich sein soll, allseits die Herzen zufliegen.
Merkel punktet nicht nur mit ihrer unalarmistischen Art, sondern mit einer verführerisch schlichten Darstellung der Zustände. Die tieferen Ursachen der deutschen, ja westlichen Systemkrise – die „Verrechtlichung“ des Politischen (Philip Manow) oder die „Repräsentationslücke“ in der selbst erklärten politischen Mitte (Julia Klöckner) – tauchen in ihren Ansprachen nicht auf.
Auch Merkel erkennt den „Druck auf die Demokratie“, aber als sie nach der Ordensverleihung darüber sprach, reduzierte sie ihn auf „die sogenannten sozialen Medien, in denen plötzlich Fakten nicht mehr Fakten sind, Wahrheit Lüge genannt werden kann und Lüge Wahrheit“. Mit dem Einsatz für mehr „Regulierung“, also für weniger Redefreiheit, sieht sie nicht nur die Demokratie auf einem weiter guten Weg, sondern auch die EU.
Mahnung zum klimapolitischen „Durchhalten“
Nicht im Ansatz stellt Merkel die Prioritäten ihrer Amtszeit infrage. In Straßburg erklärte sie den Klimaschutz sogar zum eigentlichen Ziel wirtschaftlicher Prosperität. Während Merz und seine CDU-Wirtschaftsministerin versuchen, die Energiewende angesichts der Belastungen für Unternehmen und Verbraucher behutsam zurückzudrehen, warnt Merkel vor näher rückenden Kipppunkten und mahnt zum „Durchhalten“ der in ihrer Regierungszeit beschlossenen Maßnahmen.
Für Differenzierung ist kein Raum. Dass das internationale Forschungsprogramm WCRP, das Klimamodelle für die Vereinten Nationen entwickelt, unlängst sein Extremklimaszenario RCP8.5 zurückgezogen hat, ist Merkel keiner Erwähnung wert. Fakten sind attraktiver, wenn sie die eigene Position untermauern.
Ein bisschen wurde Merkel für die Union, was Saskia Esken für die SPD ist. Beide Frauen verkörpern vergleichsweise unbeschwerte Zeiten und die Mahnung, dass man nur zu alten Vorstellungen und Verfahrensweisen zurückkehren müsse, um wieder Wahlerfolge einzuheimsen und Volkspartei zu sein.
Es ist vermutlich kein Zufall, dass gerade jetzt Stimmen aus der Union laut werden, die Merkels Skepsis gegenüber substanziellen Kursverschiebungen flankieren und die (einst) von Merz geforderte Umkehr für unnötig, wenn nicht gefährlich erklären. „Es war ein Fehler, als CDU-Vorsitzender alles anders machen zu wollen“, sagte Volker Bouffier in der vergangenen Woche. Dass Merz Erwartungen aufbaute und von einem Herbst der Reformen sprach, findet der frühere Ministerpräsident Hessens und Merkel-Loyalist sogar „fahrlässig“. Man lernt: Den Merkelismus regt nicht auf, dass Ambitionen unerfüllt bleiben, es regt ihn auf, wenn sie entwickelt werden.
Merkel hatte immer ein Gespür für Stimmungsänderungen. Sie wird erkannt haben, dass ihren rebellischen Parteifreunden, die den alten „Mitte“-Konsens aufbrechen wollten, die Luft ausgeht. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann spricht schon länger nicht mehr von einer wirtschaftsradikalen „CDU pur“, Unionsfraktionschef Jens Spahn hält sich aus Karrieregründen bedeckt, und Friedrich Merz senkt die Erwartungen an einen spürbaren Wandel von Tag zu Tag. Keine fünf Jahre nach Merkels Abschied aus der Politik kehrt die Genügsamkeit als Versuchung zurück.
