
Dem Vorstandsvorsitzenden Michael Sen wäre es lieber gewesen, nur über die Erfolge des Gesundheitsunternehmens und Klinikbetreibers Fresenius zu sprechen: Über einen Umsatzanstieg von sieben Prozent im zurückliegenden Jahr, eine sinkende Verschuldung, die neue Partnerschaft mit SAP im Klinikgeschäft und die prall gefüllte Pipeline in der Sparte Biosimilars, die bis zum Jahr 2030 ihren Umsatz verdoppeln soll.
Auf der Hauptversammlung am Freitag beschäftigten die Aktionäre aber durchaus kritische Themen. Vor allem sorgte eine intern abgeschlossene Untersuchung zur früheren Dienstleistungstochtergesellschaft Vamed für Nachfragen, an der Fresenius einst die Mehrheit gehalten und die dem Konzern hohe Verluste eingebracht hatte. Zuvor hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Kirsch dargelegt, dass die Ermittlungen unter der Leitung dreier Wirtschaftsprüfungskanzleien ergeben hätten, dass ehemalige Mitglieder des Vamed-Vorstands ihre Pflichten verletzt hätten – Details dazu lieferte er zunächst nicht.
Dennoch wolle das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt keine Schadenersatzforderungen geltend machen, aber in eine langwierige gerichtliche Auseinandersetzung gehen. Außerdem soll ein noch ausstehender variabler Vergütungsbestandteil an zwei ehemalige Manager, darunter der ehemalige Vamed-Chef Stephan Sturm, in Höhe eines einstelligen Millionenbetrages nicht ausgezahlt werden.
Aktionäre fordern mehr Details zu Vamed-Bericht
Die defizitäre Sparte wurde vor zwei Jahren in mehreren Schritten verkauft. Zunächst gingen die zugehörigen Rehakliniken im Herbst 2024 an den französischen Finanzinvestor PAI. Das Projektgeschäft im österreichischen Markt übernahm wenig später ein Konsortium aus den Bauunternehmen Porr und Strabag. Im Februar 2025 kaufte die Worldwide Hospitals Group (WWH) das internationale Projektgeschäft auf.
Einzig den Bereich High-End-Services, also Krankenhausdienstleistungen, übernahm Fresenius direkt in den eigenen Konzern. Der Ausstieg kostete das Bad Homburger Unternehmen viele Millionen und war Teil des von Fresenius-Chef Sen angestoßenen Konzernumbaus, der die Medikamentensparte Kabi und die Krankenhauskette Helios in den Fokus rückte.
Bei den Anteilseignern sorgte Kirschs Bericht für Unverständnis. Sie verlangten, zu erfahren, warum Fresenius nicht gleich auf Schadensersatzansprüche klagen wolle. „Daraus würde man schließen, dass kein bezifferbarer Schaden entstanden sei“, folgerte etwa ein Vertreter des Vermögensverwalters DWS. Dies treffe nicht zu. Der Aufsichtsratschef hatte zuvor selbst vorgetragen, dass durch Vamed in den Geschäftsjahren 2024 und 2025 negative Sondereinflüsse in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro zu Buche geschlagen hätten. Kirsch erklärte, die Klage vertagen zu wollen, weil hohe Anwaltskosten und negative Auswirkungen auf den Ruf des Unternehmens zu befürchten seien.
Auch die Pflichtverstöße seitens der Vamed-Vorstandsmitglieder konkretisierte er nach den Nachfragen. So seien Restrukturierungsmaßnahmen trotz früher Kenntnis erst verspätet eingeleitet worden. Auch habe es Mängel im Berichtswesen gegeben. Dass amtierende Fresenius-Vorstandsmitglieder, die zuvor auch im Aufsichtsrat von Vamed saßen, zum Beispiel Finanz-Chefin Sara Hennicken, ihre Pflichten vernachlässigt hätten, verneinte Kirsch entschieden.
Sen zu GKV-Reform: „Wir sehen uns gut aufgestellt“
Von der Diskussion um Vamed abgesehen, zeigten sich die Aktionäre aber überwiegend zufrieden mit der Entwicklung von Fresenius. Nachdem im Jahr 2024 keine Dividende ausgezahlt wurde, dürfen sie sich nun über eine Ausschüttung von 1,05 Euro je Anteilsschein freuen. Dass das Jahresergebnis zweistellig gewachsen ist, werteten sie zudem als Beleg dafür, dass Sens Unternehmensstrategie aufgeht. So hatte das Jahr 2025 unter dem Motto „Rejuvenate“ (auf Deutsch: regenerieren beziehungsweise verjüngen) gestanden und den Fokus auf profitables Wachstum gelegt.
Zu Beginn der Veranstaltung hob der Fresenius-Chef Sen hervor, das Unternehmen trotz Zollkonflikts und globaler Unsicherheit gut aufgestellt zu haben. „2025 war Fresenius bei den Gesundheits-Titeln vorn, mit einem Plus von fast 50 Prozent“, sagte Sen mit Blick auf den Aktienkurs. Das nahmen einige Aktionäre allerdings zum Anlass, um auf den seit Mitte Februar „gebeutelten Aktienkurs“ hinzudeuten. Eine Vertreterin der Deka Investment folgerte mit Blick auf die Vorgänge im Iran: „Fresenius ist von der jüngsten Krise scheinbar überdurchschnittlich betroffen.“ Sie lobte zugleich, dass das Unternehmen Vorkehrungen getroffen und darüber transparent informiert habe. Sie nahm damit Bezug auf Sens Erklärung, durch lokale Produktion in Europa, den USA und China sowie diversifizierte Lieferketten und den Ausbau von Produktionskapazitäten weniger anfällig für geopolitische Krisen zu sein. Trotzdem fragte sie nach den Ursachen für die Kursturbulenzen.
Sen hatte schon in seiner Eingangsrede darauf hingewiesen, dass neben dem Irankrieg auch die Debatte um die Gesundheits- und Klinikreform der Bundesregierung für Unsicherheit an den Märkten gesorgt hätte, wodurch ein genereller Druck auf die Kurse von Gesundheitstiteln bestehe. Er bekräftigte, dass sich im Zuge der Reform vor allem kleine Kliniken sorgten, die für sich allein wirtschaften müssten. „Wir hingegen sehen uns durch unsere Größe und Netzwerkstrategie gut aufgestellt.“ So organisiere Fresenius seine 80 Kliniken und 200 ambulanten Zentren gebündelt in regionalen Netzwerken.
Was macht SAP mit Patientendaten?
Während sich in den vergangenen Wochen viele Pharmaunternehmen lauthals über die geplanten Änderungen, mitunter höhere Herstellerabschläge, beschwert hatten, hielt sich Sen bewusst zurück: „Ich möchte mich nicht einreihen in den Chor der Wehklage“, sagte er auf der Hauptversammlung. Dennoch nannte er die GKV-Reform „eine verpasste Chance“, man habe fast nur auf Kostensenkungen gesetzt. Noch sei es nicht zu spät, das zu ändern. „Hier müsste das Ziel lauten: Wir setzen unser Gesundheitssystem neu auf. Digital. Mit KI-Anwendungen. Ohne künstliche Grenze zwischen ambulant und stationär“, so der Fresenius-Chef.
Zu der Anfang des Jahres eingegangenen Partnerschaft mit dem Technologiekonzern SAP stellten die Aktionäre auch kritische Nachfragen. Mit SAP will Fresenius eine skalierbare Gesundheitsplattform für den Krankenhausbetrieb aufbauen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass sich beide Unternehmen an dem Münchener Start-up Avelios Medical beteiligt haben, das eine Krankenhaussoftware baut. Anteilseigner äußerten die Sorge, bei wem die Datenhoheit liege. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger fragte etwa, welcher Vorteil, wenn nicht die Nutzung von Patientendaten, für SAP herausspringen würde. „Müssten sie die Daten nicht an Wettbewerber verkaufen?“
Unternehmenschef Sen verneinte das entschieden. „Fresenius behält zu jeder Zeit die volle Kontrolle über Patientendaten.“ Diese würden nicht zu kommerziellen Zwecken weitergegeben, zudem erhalte SAP keinen Zugang auf personenbezogene Daten.
Vor den Aktionären kündigte Sen an, dass Fresenius für die Zukunft bereit sei – und für die nächste Phase seines Konzernumbaus unter dem Motto „Reimagine“ (auf Deutsch in etwa: neu ausdenken). Nun gehe es darum, zu gestalten. Zur Strategie gehöre, in der Kliniksparte den Einsatz Künstlicher Intelligenz weiter auszubauen und Zukäufe, wo sie sinnvoll erscheinen, zu tätigen. In der Medikamenten- und Medizintechniksparte Kabi will Fresenius neue Produkte und Verfahren entwickeln. Im Bereich der Nachahmerpräparate, der Biosimilars, befänden sich insgesamt elf Moleküle in der Entwicklung, fünf davon in einer späten Phase. Bis zum Jahr 2030 wolle das Unternehmen eine Summe von über 300 Millionen Euro investieren.
Außerdem plant Fresenius noch in diesem Jahr, neue Produkte im Bereich der klinischen Ernährung einzuführen. Ein Beispiel ist ein Nahrungsergänzungsmittel, das Nebenwirkungen der Abnehmspritze verringern soll. In zehn Tagen wird das Unternehmen in Bad Homburg ein neues Innovationszentrum eröffnen, das sich auf medizinische Ernährung fokussiert.
