
Weltweit sind rund 1,2 Milliarden Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen, doppelt so viele wie noch 1990. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Fachjournal „The Lancet“.
Die Wissenschaftler unter anderem des Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle und des australischen Queensland Centre for Mental Health Research haben dazu Daten aus 204 Ländern in 21 Regionen analysiert und zum Teil modelliert. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2023.
„Diese steigenden Trends spiegeln möglicherweise sowohl die anhaltenden Auswirkungen pandemiebedingten Stresses als auch längerfristige, strukturelle Faktoren wie Armut, Unsicherheit, Missbrauch, Gewalt und nachlassende soziale Verbundenheit wider“, sagt der Erstautor Damian Santomauro.
Am häufigsten waren demnach Angststörungen und Depressionen. Die Zahl der Angsterkrankungen sei seit 1990 um 158 Prozent gestiegen. Im Vergleich zu 2019 seien es 2023 und somit kurz nach der Covid-Pandemie rund 47 Prozent mehr gewesen. Bei Depressionen habe es seit 2019 einen Anstieg von 24 Prozent gegeben. Im Vergleich zu 1990 waren somit 131 Prozent mehr Menschen betroffen. Bei rund 236 Millionen Menschen weltweit sei 2023 demnach eine schwere depressive Störung festgestellt worden und bei 470 Millionen eine Angsterkrankung. In den Jahren nach der Pandemie hätten diese Erkrankungen einen „Peak“, schreiben die Forscher. Auch bei Essstörungen wie Anorexia nervosa habe es einen Anstieg von etwa 58 Prozent gegeben. Sie zählen jedoch wie Schizophrenie zu den selteneren Leiden gemäß der Studie.
Frauen sind nach Angaben der Forscher stärker betroffen als Männer. Ausnahmen sind etwa Autismus oder ADHS, die bei Männern häufiger sind. Insgesamt treten psychische Erkrankungen häufiger bei jungen Erwachsenen auf. Wie die Auswertung bestätigt, waren vor allem Menschen unter 40 Jahren betroffen. Besonders häufig wird eine Diagnose bei Teenagern gestellt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Belastung durch psychische Erkrankungen bei Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen ihren Höhepunkt erreicht – eine kritische Entwicklungsphase, die den weiteren Verlauf von Bildung, Erwerbsleben und Beziehungen prägen kann“, sagte Ko-Autorin Alize Ferrari vom Queensland Centre for Mental Health Research.
Besonders in Europa gibt es viele Diagnosen psychischer Erkrankungen
In allen untersuchten Ländern wurden mehr psychische Leiden diagnostiziert. Besonders viele Menschen sind demnach in wohlhabenden Ländern in Europa und Ozeanien betroffen, vor allem in Australien, Portugal und den Niederlanden. Der Anstieg war jedoch am stärksten in Subsahara-Afrika und in Asien. Die wenigsten Fallzahlen gab es demnach Vietnam. Allerdings liegt das nicht daran, dass die Menschen dort gesünder wären. So standen aus ärmeren Regionen weniger Daten zur Verfügung, sodass wohlhabendere Länder mit besserer medizinischer Versorgung überrepräsentiert sind.
Die psychische Gesundheitsversorgung müsste verbessert werden, sagen die Forscher. Deutschland erreicht als eines von wenigen Ländern eine Behandlungsrate von mehr als 30 Prozent. In 90 Ländern würden weniger als fünf Prozent der psychisch Kranken behandelt.
Doch man sollte die Daten mit Vorsicht behandeln, wie der Psychologe und Wissenschaftler Jorge Aguado von der Universität in Barcelona gegenüber dem spanischen Science Media Center rät. „Der beobachtete Anstieg könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, wie beispielsweise demographische Veränderungen, verbesserte Erfassung oder die Auswirkungen von Covid-19, und nicht unbedingt auf einen tatsächlichen Anstieg der Fallzahlen.“ Hinzu kämen erhebliche methodische Einschränkungen, sagt er, wie das Fehlen von Daten in einigen Ländern oder Unterschiede in der Qualität der Quellen.
Die Studie ist Teil des „Global Burden of Disease“-Projekts, dessen Auswertungen regelmäßig im Fachjournal „The Lancet“ erscheinen.
