
Für Arbeitnehmer sind lange Wochenenden eine feine Sache – ermöglichen sie doch ein paar Tage Kurzurlaub im Frühsommer, idealerweise bei Sonnenschein. Doch auch an Pfingsten wird das deutsche Stromsystem wieder an seine Grenzen stoßen: Für Samstagmittag wird Strom am Day-Ahead-Markt für minus 35 Euro je Megawattstunde gehandelt. Noch extremer waren die Preise am 1. Mai: Minus 499 Euro je Megawattstunde – weniger geht nicht.
Das Muster ist immer dasselbe: In ganz Deutschland scheint die Sonne, sodass Solarstrom tagsüber das System flutet, auch der Wind weht, während gleichzeitig nur sehr wenig Strom nachgefragt wird („Hellbrise“). Dass es an Christi Himmelfahrt besser aussah, hatte das Stromsystem einzig und allein Tief Doreen mit seinen Wolken zu verdanken.
Nur wenige Möglichkeiten für Netzbetreiber
Die immer öfter auftretenden negativen Preise – in diesem Jahr schon in etwa 200 Stunden, nach 573 Stunden im vergangenen Jahr – sind aus zwei Gründen problematisch. Erstens: Der Staat verbrennt Geld. Denn alle bis Ende Februar vergangenen Jahres installierten Solaranlagen erhalten auch in jenen Stunden die Erneuerbaren-Einspeisevergütung nach dem EEG, in denen ihr Strom dem System überhaupt nichts nützt oder ihm sogar schadet.
Zweitens: Für Netzbetreiber wird es an Tagen wie dem 1. Mai schwer, Einspeisung und Verbrauch im Gleichgewicht zu halten. Zwar werden neue Photovoltaikanlagen seit dem vor gut einem Jahr in Kraft getretenen Solarspitzengesetz bei negativen Strompreisen nicht mehr vergütet. Doch das Problem des überschüssigen Stroms ist damit nicht gelöst. Denn der Großteil der Anlagen hat leider weiterhin keinen Mechanismus, die Einspeisung zu drosseln, läuft bei negativen Strompreisen also einfach durch.
Netzbetreiber können dann versuchen, am Regelenergiemarkt kurzfristig Abnehmer für den überschüssigen Strom zu finden, ob Batterie- und Pumpspeicher, Elektrolyseure, Fabriken oder Rechenzentren. Gelingt ihnen das nicht ausreichend, bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten. Während sie in Dunkelflauten im äußersten Notfall in einzelnen Regionen Lasten gezielt abschalten können („Brownouts“), um den Zusammenbruch des gesamten Systems zu verhindern, können sie Verbraucher bei Stromüberschuss nicht zum Konsum zwingen.
Trotz jahrelanger Debatten nicht flexibel genug
Nun hilft es wenig, Solaranlagen zu verdammen – im Gegenteil. Weil der Wärmepumpenhochlauf endlich Fahrt aufnimmt, Rechenzentren gebaut und früher oder später auch massenhaft Elektroautos mit Strom versorgt werden wollen, wird Deutschland auf Dauer mehr Photovoltaikkapazitäten brauchen, nicht weniger. Tage wie der 1. Mai zeigen, wie stark die erneuerbaren Energien den Strompreis senken können. Und Länder wie Frankreich oder China haben spätestens mit den seit dem Irankrieg stark gestiegenen Öl- und Gaspreisen erkannt, dass es nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes geboten ist, die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu reduzieren.
Doch die immer häufiger auftretenden negativen Preise sind ein deutliches Warnsignal: Das deutsche Stromsystem ist trotz jahrelanger Debatten und trotz des Speicherbooms nicht flexibel genug, überschüssigen Ökostrom sinnvoll aufzunehmen, also zu speichern und den Verbrauch zeitlich zu verschieben. Die erneuerbaren Energien müssen endlich besser ins System eingebunden – und das System viel stärker digitalisiert werden.
In einer Marktwirtschaft sollten sowohl die Preise an der Börse als auch die Netzentgelte echte Knappheit widerspiegeln. Doch in der Energiewirtschaft ist das leider alles andere als selbstverständlich. Das fängt schon mit den technischen Voraussetzungen an: Damit die Signale des Marktes und die Situation im Netz in Echtzeit bei den Verbrauchern ankommen und diese ihr Verhalten anpassen können, sind intelligente Stromzähler nötig.
Doch noch immer haben die Netzbetreiber in Deutschland nur 5,5 Prozent aller Haushalte mit solchen Geräten ausgestattet – ein Umstand, der auch im Rest Europas nur Kopfschütteln auslöst. Weder das von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegte Netzpaket noch ihr Entwurf für das neue EEG – zwei prinzipiell richtige Vorhaben – werden daran etwas ändern.
Fast noch wichtiger als die Pläne der Bundesregierung ist aber, woran die Bundesnetzagentur in Bonn arbeitet: die Neugestaltung der Netzentgelte, also wer wann wie viel Geld für die Nutzung zahlt. Am Ende dieses Prozesses steht hoffentlich ein System, das stärker als bislang die Auslastung des Netzes reflektiert und flexibles, netzdienliches Verhalten belohnt. Damit das Stromsystem künftig auch an schönen langen Wochenenden stabil bleibt.
