
Eine Sache gibt Volker Beck besonders zu denken. Die Männer, die seinen Mord geplant haben sollen, sitzen in Haft. Aber das Regime dahinter regiert weiter. „Iran hat zwei Werkzeuge verloren, aber der Plan, mich zu töten, ist ja damit nicht erledigt“, sagt Beck im Gespräch mit der F.A.Z. Auch derzeit unterliege er darum besonderen Schutzmaßnahmen. Er sei zwar „aktuell ganz cool damit“ – aber auch nur, weil er über die Jahre „ein Meister im Verdrängen“ geworden sei.
Es ist nicht das erste Mal, dass Beck um sein Leben fürchten muss. Der Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft erhielt schon mehrfach Morddrohungen. Vor sechs Jahren etwa stellte der Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann ihm die Todesstrafe in Aussicht. Doch so bedrohlich wie 2025 war die Lage noch nie.
„Kein Müllrausbringen ohne Polizei“
Der Däne S. arbeitete laut der Anklage für den Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarde. Anfang 2025 soll er begonnen haben, Informationen über Beck und Schuster einzuholen. Spätestens im Mai soll er Kontakte zu dem Afghanen geknüpft haben. Der sei bereit gewesen, einem unbekannten Dritten eine Waffe zu verschaffen und ihn zu einem Mordanschlag auf Beck zu veranlassen.
Beck berichtet, er habe im vergangenen Sommer von dem Plan erfahren. Er habe dann für sechs Wochen unter besonders strengem Schutz gestanden. „Kein Müllrausbringen ohne Polizei. Wenn ich mit dem Hund rausging, fuhr ein gepanzerter Wagen mit.“ Sein Leben sei extrem eingeschränkt gewesen, er habe „wie ein Tiger im Käfig“ gelebt. „Man verabredet sich ja auch nicht einfach zum Kaffee, wenn aus Sicherheitsgründen zehn Leute dafür arbeiten müssen.“
Beck glaubt, dass er als Ziel auch deshalb lohnend erschienen sei, weil er schlechter geschützt gewesen sei als Josef Schuster, bei dem an Wohn- und Arbeitsorten schon längerfristig Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden seien. Bei ihm, Beck, sei „noch nicht alles auf Festungsstandard“. Schuster und der Zentralrat der Juden wollen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu dem Thema äußern.
Der Däne S. war im Juni in Dänemark festgenommen worden, der Afghane M. Anfang November. Beide wurden aus Dänemark nach Deutschland gebracht und kamen in Untersuchungshaft. Die Festnahme von S. schlug hohe Wellen, das Auswärtige Amt bestellte damals den iranischen Botschafter ein.
In Berlin wurde der Verdächtige observiert
Hinweise auf den Verdächtigen kamen vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Dieser war durch einen Hinweis des israelischen Geheimdienstes Mossad auf den Mann aufmerksam geworden. Als S. in Berlin war, um Anschlagsziele auszukundschaften – neben Beck und Schuster wurde auch ein Lebensmittelladen, der von Juden besucht wird, als Anschlagsziel identifiziert – wurde er observiert. Dabei erhärtete sich der Verdacht, dass der Verdächtige kein touristisches Programm absolvierte.
Beck kritisiert die Bundesregierung nun dafür, dass sie die Bedrohung nicht ernst genug genommen habe. Dabei bezieht er sich unter anderem auf eine Aussage von Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) aus dem vergangenen Herbst. Im Interview mit der „Bild“-Zeitung sagte Wadephul damals, gefragt danach, ob Deutschland den Mossad brauche, dass er das so nicht sagen würde. Er schätze aber die Zusammenarbeit. Beck wirft Wadephul „Ignoranz“ vor, weil dieser „so tut“, als bräuchte Deutschland die Hilfe des israelischen Geheimdienstes nicht. „Ohne die Erkenntnisse Israels wäre ich seit neun Monaten tot.“
Der Verfassungsschutz warnt schon seit längerer Zeit vor „staatsterroristischen Aktivitäten“ Teherans in Deutschland. Im jüngsten Verfassungsschutzbericht wird ein hohes Gefährdungspotenzial beschrieben. „Es ist davon auszugehen, dass die Nachrichtendienste Interessen der Führung des Landes weiterhin mit allen Mitteln – auch durch Gewalttaten und sogar Tötungen – verfolgen werden.“ Proisraelische und projüdische Ziele blieben im Fokus. Sicherheitskreisen zufolge ist das Risiko für Anschläge noch weiter gestiegen, seit Amerika und Israel im Februar Iran angriffen.
Als Täter kommen auch sogenannte Wegwerfagenten in Frage. Sie sind oft vergleichsweise jung und bereit, für wenig Geld Straftaten zu begehen. Zuletzt mehrten sich die Hinweise auf von Iran gesteuerte Anschläge in Deutschland, aber auch Europa. Hinter dem Sprengstoffanschlag auf ein israelisches Restaurant in München werden iranische Täter vermutet. In Schweden wurde diese Woche ein Jugendlicher wegen eines Mordkomplotts gegen einen iranischen Forscher verurteilt. Der Forscher gilt als Unterstützer des Sohnes des letzten Schahs. Der Jugendliche soll über Messaging-Apps rekrutiert worden sein.
Volker Beck drängt darauf, dass die Bundesregierung den Einfluss Irans hierzulande weiter einschränkt. „Deutschland muss den iranischen Botschafter ausweisen“, fordert er gegenüber der F.A.Z. Wenn das nicht geschehe, müsse das Parlament Druck auf die Regierung ausüben, damit wenigstens die iranische Botschaft verkleinert werde. Auch iranische Finanzstrukturen in Deutschland sollten streng überprüft werden, verlangt er. Die Bundesregierung hatte am Donnerstag ihre „volle Solidarität“ mit Beck und Schuster bekundet. „Wir dulden keinerlei Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland“, hatte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes erklärt.
