Dass Stephen Colbert in seiner finalen Show ein Blatt vor den Mund nehmen würde, war nicht zu erwarten. Und so bekam sein Arbeitgeber CBS, der unter neuer Führung durch die Trump-Kumpels Larry und David Ellison Colberts Show ganz offenbar einstellte, um Donald Trump zu gefallen, noch mal richtig Fett weg. Als Colbert zum Auftakt über mehrere „sauteure“ Klagen gegen die illegale Nutzung des berühmten Musikstücks „Linus und Lucy“ aus den „Peanuts“ berichtete, begann seine Band, ebendieses Stück zu spielen. „Oh nein“, sagte Colbert mit gespieltem Entsetzen, „ich hoffe, das kostet CBS kein Geld.“
Die CBS-Mutter Paramount war im vergangenen Sommer im Rahmen eines Deals im Mafiastil in die Hände der Ellisons gewechselt, nachdem CBS Trumps Forderung nachgegeben hatte, ihm 16 Millionen Dollar für ein angeblich manipuliertes Interview mit seiner Wahlgegnerin Kamala Harris zu zahlen. Colbert hatte dies in seiner Sendung als „krasse Bestechung“ bezeichnet; wenige Tage später kündigte CBS die Einstellung seiner Show an, angeblich aus „finanziellen Erwägungen“. Dabei war die „Late Show“, die Colbert 2015 von dem legendären David Letterman übernommen hatte, mit rund 2,4 Millionen Zuschauern die quotenstärkste unter den Late-Night-Shows im US-Fernsehen (Jimmy Kimmels Show bei ABC rangiert mit rund 1,8 Millionen auf Rang zwei).
Colbert, 62, war in South Carolina als jüngster Sohn eines Immunologen und einer Mutter aufgewachsen, die elf Kinder großzog. Sein Elternhaus war geprägt von Katholizismus und intellektuellen Auseinandersetzungen, auch über die Kirche. Als er zehn Jahre alt war, starben sein Vater und zwei seiner Brüder bei einem Flugzeugabsturz. Colbert studierte Philosophie und Schauspielerei, machte erste berufliche Schritte beim Improvisationstheater und schlug ein unbezahltes Praktikum bei David Lettermans „Late Show“, die er dereinst übernehmen sollte, aus, um beim berühmten Chicagoer Comedytrupp Second City unter Steve Carell zu lernen. 1997 fing er bei der „Daily Show“ an, die Jon Stewart 1999 übernahm und zu einem Tempel der Politsatire machte. 2005 machte sich Colbert mit dem „Colbert Report“ selbständig – eine geniale Show, die die konservative Rechthaberei und Patriotenposen von Fox-News-Leuten wie Bill O’Reilly und Sean Hannity hochnahm.

In der „Late Show“ mag er nicht zu ähnlicher Form gefunden haben, aber seine Kommentierung der US-Politik ist unerreicht, und in den vergangenen Wochen erwiesen ihm zahlreiche prominente Gäste ihre Reverenz. Bruce Springsteen sagte vor wenigen Tagen bei Colbert: „Du bist der erste Typ in Amerika, der seine Show verloren hat, weil wir einen Präsidenten haben, der keine Witze aushalten kann.“ David Letterman, der auch zu Colberts letzten Gästen zählte, hatte gesagt: „Ihr könnt einem Mann seine Show nehmen, aber nicht seine Stimme.“ Die Solidaritätsbekundungen waren zahlreich: Steven Spielberg, David Byrne, Barack Obama, Robert De Niro und Tom Hanks nahmen auf Colberts Sofa Platz. Seine Konkurrenten Kimmel und Jimmy Fallon blieben zum Colbert-Finale ihren eigenen Bühnen fern.
Eine Promi-Parade bis zum Schluss
Auch in der letzten Show am Donnerstagabend gab es eine Promi-Parade, inszeniert um die Frage, wer wohl Colberts allerletzter Gast sein würde. „Der Papst, den ich definitiv gebucht hatte, hat abgesagt“, witzelte Colbert, bevor schließlich Paul McCartney die Bühne betrat. In seinem Auftaktmonolog hatte Colbert von seiner Ehrfurcht vor dem traditionsreichen Ed Sullivan Theater gesprochen, in dem seine Show aufgezeichnet wird und in dem einst die Beatles 1964 ihren ersten Auftritt in den USA absolvierten. Paul McCartney war es denn auch, der am Ende das Licht ausknipste.
Bis dahin war es indes eine lange Strecke. Weil er der Kontroverse nicht seine letzte Sendung opfern wollte, sagte Colbert, habe er sich eine ganz normale Show vorgenommen. Die plätscherte indes mit mäßigen Witzen und einem schleppenden Gespräch mit McCartney dahin – bis doch noch durchschimmerte, was Colbert über die vergangenen elf Jahre so relevant gemacht hat: Hinter der Bühne tat sich ein „Riss im Raum-Zeit-Kontinuum“ auf, wie der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson erklärte, verursacht durch „den Verstoß unvereinbarer Realitäten gegen physikalische Gesetze, etwa, wenn eine Show die Nummer eins in der Late Night ist und außerdem eingestellt wird“. Colberts ehemaliger Chef Jon Stewart erschien und setzte einen Hieb gegen die neue CBS-Chefin Bari Weiss und ihr Ziel „ausgewogenerer“ Information. Angeblich auf Weisung von Paramount verlas Stewart ein Statement, demzufolge der Konzern „entschieden daran glaubt, beide Seiten eines schwarzen Lochs zu beleuchten, das alles verschlingt, was wir kennen und lieben, und die Berichterstattung muss auch die positiven Aspekte der unersättlichen Leere beinhalten.“
All dies mündete schließlich in einen emotionalen musikalischen Abschied, in dem Colbert zunächst mit Elvis Costello und seinen ehemaligen und aktuellen Bandleadern Jon Batiste und Louis Cato den Costello-Song „Jump Up“ sang und dann seine gesamte Crew auf der Bühne den Beatles-Hit „Hello, Goodbye“ schmettern ließ – bevor McCartney den Schalter umlegte und die Lichter im Ed Sullivan Theater erloschen.
Colbert, ein Tolkien-Fan, wird als Nächstes an einem weiteren „Lord of the Rings“-Film mitschreiben. Und bei CBS setzt nun Byron Allen mit „Comics Unleashed“ Zeichen für das, was kommt: Allen „least“ seine Show für CBS bloß und trägt die Produktionskosten selbst, im Gegenzug für Werbeeinnahmen. Und er hat sich verpflichtet, keinerlei politische oder sonstwie krasse Witze, sondern eine „familienfreundliche“ Show zu machen.
