Als wir Valparaíso am späten Vormittag erreichen, hängt noch Nebel über der Stadt. Wir halten an der Küstenstraße im Westen, hoch über den Klippen der Bucht. Ein großer Friedhof liegt in unserem Rücken, seine Mauern sind mit Graffiti besprüht, während der Stille Ozean vor uns nur zu erahnen ist. Von der Stadt, ein paar Kilometer entfernt, ist gar nichts zu sehen, auch nichts von ihren exaltierten Farben. Alles bedeckt ein kaltes, waberndes Grau.
Wir fahren auf der Küstenstraße weiter, passieren einen rot-weißen Leuchtturm, die Bebauung wird dichter. Nun sehen wir viktorianische Villen im Dunst auftauchen, mit Giebeln und Erkern, aus Holz gebaut. Manche von ihnen liegen so düster und dramatisch auf einer Anhöhe, als stammten sie aus einem Hitchcock-Film, als ruhte im obersten Stock noch immer die tote Mutter von Norman Bates. Es geht hinauf und hinunter, wieder hinauf und nach einem weit gezogenen Bogen wieder hinunter. Die Hügel Valparaísos heißen Cerro Alegre und Cerro Mariposas, Cerro Cárcel und Cerro Concepción, Cerro Artillería und Cerro Cordillera, eine Ansammlung von Namen, deren Bedeutung von Freude bis Schmetterlinge, von Gefängnis bis Empfängnis, von Artillerie bis Gebirgskette reicht. Niemand weiß genau, wie viele es sind. Vierzig? Zweiundvierzig? Fünfundvierzig? Was ein Hügel ist, ist Definitionssache. Manche behaupten sogar, Valparaíso habe gar keine bestimmte Zahl an Hügeln, sondern nur so viele, wie man gerade sieht. Morgens im Nebel also im Prinzip null.
Einst der wichtigste Hafen des Pazifiks
Wir kommen zum Hafen, sehen schemenhaft die hohen Containerterminals, ein paar Kräne, die sich drehen, Hochhäuser, denen die obersten Etagen fehlen. Aber der Nebel lichtet sich allmählich. Hier und da bricht schon die Sonne durch, und über uns treten dicht besiedelte Steillagen hervor, Konglomerate aus Stein und Beton, die sich an die Hänge krallen, als könnte alles jeden Moment ins Rutschen kommen. Dazu erste Farben: Fassaden in Rot, Blau und Grün, Wände in Gelb, Orange und Silber. Palmen, die mit ihren Wipfeln wie Pinsel aus kleinen Gärten emporragen, und chilenische Araukarien, deren weit auskragende Zweige die Nebelschwaden einzufangen scheinen wie Wolken aus Zuckerwatte auf einem Jahrmarkt.
Fast 900.000 Menschen leben in Valparaíso, der zweitgrößten Stadt Chiles nach der Kapitale Santiago. Im 19. Jahrhundert war sie einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Hafen am ganzen Pazifik. Hier hielten die Schiffe aus Europa zum ersten Mal nach der Umrundung von Kap Hoorn, löschten Fracht, luden nach. Zu vergleichen war Valparaíso damals nur mit Orten wie Shanghai, Hamburg, Liverpool oder New York – Knotenpunkte des Welthandels, an denen sich Routen, Güter, Sprachen und Menschen kreuzten. Der britische Popstar Sting sang einst davon in dem Song „Valparaíso“, eines seiner schönsten und melancholischsten Lieder.

Vor allem zwei Nationen ließen sich mit Händlern und Kaufleuten, Seemännern und Kapitänen hier nieder: Briten und Deutsche. Man erkennt ihre Dominanz noch heute, wenn man nur kurz auf die Stadtkarte blickt. Die beiden großen Alleen, die sich über die Hügel unbestimmter Zahl hinauf und hinunter schlängeln, heißen Avenida Alemania und Avenida Gran Bretaña. Es gibt auch einen Bismarck-Platz, der dem Vernehmen nach wegen seiner Ruhe und Aussicht besonders unter jungen Kiffern beliebt ist. Als Anfang des 20. Jahrhunderts oben im Norden, am Isthmus von Panama, der Kanal eröffnete, war die Hafenherrlichkeit vorbei. Die Schifffahrtsrouten verlagerten sich, Valparaíso blieb nur noch regionale Bedeutung. Heute ist es nicht einmal mehr der wichtigste Hafen Chiles, das ist San Antonio 90 Kilometer weiter südlich.
Wir schlendern vom Hafen in die Innenstadt, über Plätze und durch breite Straßen, vorbei an Banken, Versicherungen, Brunnen und Kirchen, kommen zu einer Kneipe, der Bar Liberty, in der Hunderte von Mützen und Kappen an den Wänden hängen, zurückgelassen von Stammgästen und Besuchern. Wir treffen auf die bronzene Statue von Jorge Farías Villegas, einem kleinen Mann mit großer Brille auf einer Parkbank, der einst von der „Perle des Pazifiks“ sang, er meinte natürlich Valparaíso. An der Plaza Sotomayor sehen wir schließlich hinter einem geöffneten Garagentor einen Feuerwehrwagen – aus Hamburg. Er parkt unter Kronleuchtern, umrahmt von Schwarzweißfotografien, doch der Einsatzwagen selbst ist neu, die Ausziehleiter ordentlich auf dem Dach verstaut, die neonroten Türen auf Deutsch beschriftet. „Stadt Valparaíso“ steht da zu lesen, schlicht, präzise und anrührend, als wäre ein Stück deutsche Verwaltungssprache 10.000 Seemeilen über die Weltmeere gespült worden. Der Wagen gehört der Bomba Germania, der freiwilligen deutschen Feuerwehr, schon 1851 gegründet. Sie hat sich um die Geschichte der Stadt verdient gemacht, denn auf und zwischen den Hügeln von Valparaíso brannte es häufig. Oder die Spanier griffen 1866 an. Oder die Erde bebte, zuletzt mit Stärke 6,9 vor elf Jahren.
Was passiert, wenn das Seil reißt?
Wir nehmen den Aufzug zum Heiligen Geist und fahren hinauf in die Oberstadt. Einst wurden die Hügel von mehr als 30 Standseilbahnen erschlossen. Die Hälfte von ihnen ist erhalten, sieben sind noch in Betrieb, vielleicht auch neun. Warum sollte man die genaue Zahl der funktionierenden Bahnen kennen, wenn man die Summe der Cerros nicht weiß? Ratternd und knarrend schiebt sich unsere gläserne Kabine den Hügel hinauf. Wir starren auf das kleiner werdende Hafenviertel unter uns und überlegen, was wohl passieren würde, wenn das Seil risse. So schräg sind die Schienen in den Hang gelegt, dass man sofort versteht, warum die Einheimischen die Bahnen Aufzüge nennen – „ascensores“.
Oben dann ein Netz aus Straßen, so verwirrend und steil wie in San Francisco. Aus nächster Nähe sind die Farben der Häuser noch viel verwegener als von unten. Wir wundern uns, wo solche Fassadenfarben überhaupt zu bekommen sind. Ein Zinnoberrot, das von innen zu glühen scheint, ein Lila so leuchtend wie in einem Drogentraum, ein Türkis so gleißend, dass die Augen tränen. Zu Hause in Deutschland würden wohl Nachbarn protestieren und mit Gestaltungssatzungen winken. Hier aber scheint jeder Hausbesitzer es so zu machen, wie es ihm oder ihr gerade gefällt, je greller, desto besser.

Als triebe man es damit nicht schon bunt genug, hat sich Valparaíso zu einem Mekka der Streetart entwickelt. Wandmalereien und Graffiti, wohin wir schauen, gemalt, gesprüht und signiert von Künstlern, die in der Stadt wie Helden verehrt werden. Katzen scheinen als Motiv besonders beliebt, aber auch Rehe, Hunde, Tiger, Tropenvögel. Wir sehen einen Saxophonspieler mit Skeletthänden und einen Gitarrenspieler mit schlangenumwickeltem Medusa-Kopf. Ein lächelndes Mädchen mit einer Blume, ein anderes mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Ein Alien trinkt eine Tasse Cappuccino, ein purpurner Phantomas mit Stachelhalsband sieht aus, als sei er unterwegs in den nächsten Hardcore-Club. Dann stoßen wir wieder auf Grüße aus Deutschland: eine Kneipe namens „Hotzenplotz“ und ein Beethoven, der mürrisch von der Wand starrt, daneben eine Treppe, die aussieht wie ein Klavier.
In einer Baulücke blüht ein gemeinschaftlich angelegter Garten. Wohl nur in Valparaíso verblassen Geranien und Begonien im Schatten der knalligen Hauswände. „Wirf keinen Müll in den Garten. Sei ordentlich!“, befiehlt ein selbst gemaltes Schild zwischen den Blumen. Müll scheint in der Tat ein Problem zu sein, in den Straßen stapeln sich Abfallsäcke, Hundekot auf den Kopfsteinpflastern ist keine Seltenheit. Und doch wird auch viel gefegt und aufgeräumt, gesäubert und renoviert. Die Viertel auf den Hügeln leben, das ist klar. Es gibt kleine Märkte, Läden und Cafés. Wir kommen an einer Musikschule vorbei, in deren Hof Sechstklässler lautstark mit Trommeln und Trompeten üben, sicherlich zur Freude der Anwohner. In ehemaligen Werkstätten sind Kunstgalerien eingezogen, in manchen wie dem Kollektiv Taller Perro Sur können sich Besucher auch selbst an Zeichnungen, Lithographien und Stoffmalereien versuchen.
Ein dichtender Genussmensch mit linker Gesinnung
Als wir die ruhigeren Straßen des Cerro Bellavista erreichen, stehen wir bald vor La Sebastiana, dem Haus von Chiles wohl berühmtesten Dichter Pablo Neruda. Schon von der ebenerdigen Terrasse am Eingang öffnet sich ein weiter Blick über den Hafen. Inzwischen ist es längst nach Mittag, und der Nebel hat sich verzogen. Große Tanker und Frachter liegen in der Bucht, ein weißes Kreuzfahrtschiff läuft gerade ein. Der Hafen ist zu weit weg, als dass wir seine Geräusche hören könnten. Auf Nerudas Hügel erklingen nur das Zwitschern der Vögel und die Trompete aus der Schule in der Nachbarschaft.

Neruda, 1904 geboren, diente seinem Land als Diplomat in Argentinien, Spanien, Mexiko und Frankreich. Sein Engagement für die Kommunistische Partei Chiles zwang ihn 1948 unter Präsident Gabriel González Videla vorübergehend ins Exil. 1969 kandidierte er für das Präsidentenamt, zog jedoch zugunsten seines Freundes Salvador Allende zurück. Zwei Jahre später wurde sein lyrisches Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er verstand sich als Mann der Linken und war zugleich ein Genussmensch. Er schätzte chilenische Weine, rauchte Pfeife, gab rauschende Empfänge und suchte die Nähe der Frauen. Ein vielseitiges und widersprüchliches Leben, bisweilen fragwürdig, bisweilen beneidenswert, ein Leben, das es früher häufiger gegeben zu haben scheint und heute seltener geworden ist.
Ende der Fünfzigerjahre hatte Neruda genug von der Hauptstadt Santiago und wandte sich an zwei Freundinnen: „Ich suche ein kleines Haus in Valparaíso, wo ich in Ruhe leben und schreiben kann.“ Es solle nicht zu hoch liegen, aber auch nicht zu niedrig, Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr haben und Nachbarn, die man weder sieht noch hört. „Und es muss auch sehr günstig sein. Glaubt ihr, ich finde so ein Haus in Valparaíso?“ Die Freundinnen schlugen ihm das unvollendete Haus des spanischen Architekten Sebastián Collado in Bellavista vor. Neruda und seine dritte Frau Matilde Urrutia kauften es und nannten es nach Collado „La Sebastiana“. Neruda machte sich daran, das Gebäude zu vollenden, baute es in die Höhe, stapelte Etage auf Etage, fünf insgesamt, mit einem Turm obendrauf, ein Haus so vielseitig und voller Brüche wie sein Leben. Einen Architekturpreis für besonders gelungene Gestaltung sollte es nie erhalten.
Als wir durch die schmalen Gänge und über enge Treppen gehen, fühlen wir uns wie auf einem Schiff, das von einer Flutwelle auf den Hügel geworfen und von einem Kapitän mit Baskenmütze und Pfeife in Besitz genommen wurde – einem Kapitän, der freilich selbst nie zur See fahren wollte. An den Wänden hängen nautische Karten, ein großes Wandmosaik des südamerikanischen Kontinents zieht sich durch das gesamte Treppenhaus. Gedichte statt Segel, Gedanken statt Wellen. Hier war die Kombüse, dort die Mannschaftsbar, und da drüben ein Ausguck mit einem perfekt platzierten Sessel. Neruda nannte ihn seinen „Wolkensessel“, weil man von ihm aus ebendiese betrachten konnte. Jeder sollte, das nehmen wir von der Besichtigung mit, zu Hause einen Wolkensessel haben. Wir jedenfalls würden nach unserer Rückkehr gleich einen ans Fenster rücken.
Oft lassen die aufgegebenen Häuser prominenter Menschen die Besucher etwas ratlos zurück. Wohnt der Hausherr oder die Hausherrin nicht mehr darin, bleibt meist nur eine Ansammlung alter Möbel. In „La Sebastiana“ jedoch ist es anders. Man hat nicht den Eindruck, der Eigentümer könnte jeden Moment wieder durch die Türe treten, aber an fast jeder Stelle, in fast jeder Nische spürt man noch Nerudas Absicht und Lust an diesem Haus. Wir sehen den gedeckten Tisch, an dem er Freunde empfing, all die Theken und die Sitzecken, in denen sie bis zum Morgengrauen tranken und sprachen. Wir sehen die vielen Dinge, die er sammelte, nicht nur Seekarten, sondern auch ein altes Karussellpferd, mexikanische Gläser, vergoldete Barock-Verzierungen für dunkelblaue Wände, Ölbilder britischer Adeliger und chilenischer Generäle, ausgestopfte Vögel, silberne Kerzenständer. Nippes und Tinnef, das ist die Wahrheit von manchem großen Mann.
Wir hätten stundenlang in Nerudas Haus bleiben können, um wie er aus dem Fenster zu sehen und die Stille zu hören, während irgendwo unter uns die bunte Stadt in der Nachmittagssonne leuchtete und pulsierte. In „La Sebastiana“ begriffen wir, was Valparaíso wirklich ausmachte: Ein Blick zwischen Wolken und Meer, dazu ein Wind mit sehr viel Geschichte.
Schließlich sehen wir im obersten Stock das breite Bett mit vier Ananas aus Messing als Pfostenbekrönung. Von ihm aus konnte Neruda durch ein breites Fenster auf Stadt und Hafen schauen. Ein Blick, der noch schöner war als von der Terrasse am Eingang, wie von einem Schiffsausguck, nur mit Bett. Eine weiße gehäkelte Tagesdecke liegt darauf, und wir können uns vorstellen, wie Neruda hier ruhte, müde vom Schreiben, erschöpft von der Politik. Vielleicht lag er allein, vielleicht mit Matilde. Er betrachtete den Sternenhimmel, den Morgennebel, die Schiffe, die Valparaíso erreichten und wieder verließen, das Feuerwerk über dem Hafen zu Silvester. Er sah es zum Jahresende 1972 ein letztes Mal, bevor er am 23. September 1973, nur zwölf Tage nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet, unter ungeklärten Umständen starb.
