Es war spät in Buenos Aires, aber auf dem X-Account von Javier Milei brannte am Osterwochenende noch Licht. Der Präsident, der sich selbst gern als „Löwe“ inszeniert, feuerte ein digitales Gewitter ab. Vier Tage lang richtete sich seine Wut fast pausenlos gegen die Presse.
86 eigene und mehr als 800 geteilte Posts veröffentlichte Milei. Er beschimpfte darin Journalisten als „dreckigen Abschaum“, als korrupte Schreiberlinge, als Teil einer finsteren Operation. „Wir hassen Journalisten nicht genug“, wiederholte er immer wieder. Ein weiterverbreiteter Post forderte gar, den Journalismus als „terroristische Organisation“ einzustufen.
Mileis Wutausbruch war auf den ersten Blick eine Reaktion auf eine Recherche über mutmaßliche russische Zahlungen an argentinische Journalisten und Influencer, die regierungskritische Inhalte verbreitet haben sollen. Doch gleichzeitig legte der Rundumschlag gegen die argentinischen Medien auch offen, wie blank Mileis Nerven lagen. Denn damals zeichnete sich am Horizont bereits ein Skandal ab, der Mileis Regierung unter Druck setzt und sein Versprechen, die korrupte politische „Kaste“ auszurotten, ernsthaft infrage stellt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Im Zentrum steht Manuel Adorni, Mileis Kabinettschef, früherer Regierungssprecher und einer seiner engsten Vertrauten. Gegen ihn wird wegen des Verdachts auf unrechtmäßige Bereicherung ermittelt. Es geht um Immobilienkäufe, Barzahlungen, teure Reisen, um einen Lebensstil, der sich schwer mit einem offiziellen Gehalt erklären lässt. Besonders verheerend wirkt ein Detail, das wie für die politische Symbolik geschaffen ist.
Adorni ließ sich in seinem Garten einen luxuriösen Pool mit Jacuzzi und Wasserfall bauen. Ein Bauunternehmer sagte, Adorni habe für Arbeiten an seinem Haus 245.000 Dollar in bar bezahlt, ohne Rechnung. Adorni weist die Vorwürfe zurück und spricht von einer politischen Operation. Doch die Bilder sind längst stärker als seine Erklärungen. Nun kam beispielsweise auch ans Tageslicht, dass Adornis Frau im Regierungsflugzeug nach New York reiste, um dort eine Woche zu entspannen.
Milei versprach, die Privilegien der politischen Klasse zu zerstören
Ein Pool mit Wasserfall im Garten eines Ministers und Urlaubsreisen mit dem Regierungsflugzeug passen nicht zu einer Regierung, die das Motto „Es gibt kein Geld“ (No hay plata) zur Staatsräson erhoben hat und das als „Kettensägen-Politik“ verkaufte; die drastische Kürzungen bei den Renten durchsetzt und die von den Argentiniern Leidensbereitschaft erwartet, um aus der Krise zu kommen.
Milei denkt nicht daran, seinen Kabinettschef fallen zu lassen. Als Adorni Ende April vor dem Kongress erscheinen musste, stellte sich der Präsident demonstrativ hinter ihn. „Ich werde niemanden auf dem Altar des Egos von Journalisten hinrichten“, wetterte er. Die Anhörung wurde zu einer aufgeladenen Machtdemonstration zugunsten eines Mannes, der Mileis Antikorruptionsrhetorik beschädigt.
Milei ist nicht als gewöhnlicher Konservativer an die Macht gekommen, sondern als moralische Abrissbirne. Er versprach, die Privilegien der politischen Klasse zu zerstören. Sein Gegner war nicht nur der Peronismus, nicht nur der Staat. Sondern ein ganzes System aus Absprachen, Posten, Subventionen, Freunden und Günstlingen. Nun aber lautet der Vorwurf, ausgerechnet seine eigene Regierung beginne, sich in jenes System einzufügen, das sie angeblich zerschlagen wollte.

Der Fall Adorni ist nicht Mileis einziges Problem. Über ihm hängt seit Monaten auch der Schatten von $LIBRA, jenem Krypto-Projekt, das der Präsident im Februar 2025 über seine Kanäle in den sozialen Medien persönlich angepriesen hatte. Die Währung schoss daraufhin in die Höhe, stürzte kurz darauf aber ebenso schnell wieder ab und hinterließ massive Verluste bei Anlegern.
Juristen, Ermittler und Oppositionspolitiker fragen seither, ob Milei bloß naiv war oder ob sein Umfeld tiefer in das Projekt verwickelt war, als die Regierung zugibt. Ermittler fanden auf dem Telefon eines beteiligten Geschäftsmanns Entwürfe für Zahlungen von bis zu fünf Millionen Dollar an Milei. Die Protokolle zeigen überdies sieben Telefonate zwischen Milei und den Hintermännern der Kryptowährung in genau jener Nacht, in der er für das Projekt in den sozialen Medien geworben hatte. Auch gegen Mileis Schwester und engste Beraterin Karina Milei stehen Korruptionsvorwürfe im Raum.
Die Umfragen sehen ihn auf dem Tiefpunkt seiner Amtszeit
Milei greift die Medien an, deren Verachtung zu einer seiner Obsessionen geworden ist. Und trotzdem ist er in der Defensive, denn er muss erklären, warum seine engsten Leute nicht wie Nutznießer jenes Systems wirken, das er verachtet. In Umfragen schlägt sich das bereits nieder. Mileis Zustimmungswerte sind in den vergangenen Monaten regelrecht abgestürzt und befinden sich auf dem tiefsten Punkt seiner Amtszeit. In einigen Umfragen liegt die Ablehnung deutlich über 60 Prozent.
Besonders schmerzhaft für Milei war eine Untersuchung: Die Bürger wurden gefragt, ob der Anti-Kasten-Pakt gebrochen und die Regierung selbst Teil der Kaste geworden sei. Zwei Drittel der Befragten stimmte zu.
Diese Stimmung lässt sich mit den Korruptionsvorwürfen allein nicht erklären. Sie hat auch eine starke wirtschaftliche Komponente. Mileis politisches Projekt beruhte von Anfang an auf einer Wette. Die Argentinier sollten Schmerzen akzeptieren, weil am Ende Stabilität, Investitionen und Wachstum stehen würden. Viele waren zu dieser Schocktherapie bereit. Tatsächlich schaffte es Milei, die Inflation unter Kontrolle und den Haushalt ins Lot zu bringen. Internationale Investoren applaudierten. Doch innenpolitisch zählt nicht nur die Makroökonomie. Es zählt vor allem, ob den Argentiniern am Monatsende Geld übrig bleibt.
Aufschwung ja, aber ungleich verteilt
Hier wird es komplizierter, als es Fans und Kritiker Mileis gern hätten. Argentinien steht nicht einfach vor einem ökonomischen Kollaps. Es gibt tatsächlich Fortschritte. Die Hyperinflationsangst ist gebannt, das Defizit gedrückt, manche Sektoren holen auf.
Auch die Industrie meldete zuletzt ein Lebenszeichen. Im März stieg die verarbeitende Produktion laut dem Nationalen Statistikinstitut um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Es war der erste Zuwachs nach acht Monaten Rückgang. Das Institut meldete außerdem, dass zehn von sechzehn Industriebranchen im März im Jahresvergleich zulegten. Im ersten Quartal lag die Industrieproduktion jedoch weiterhin unter dem Vorjahresniveau.
Der Aufschwung ist zudem ungleich verteilt. Die argentinische Wirtschaft wird derzeit vom Energiesektor, vom Bergbau und von der Landwirtschaft getragen, die von Mileis Öffnung profitieren. Diese Sektoren stehen jedoch für weniger als 20 Prozent der Arbeitsplätze im Land. In vielen arbeitsintensiven Bereichen der verarbeitenden Industrie bleibt die Lage dagegen angespannt.
Ein anschauliches Beispiel ist die Autoteileindustrie. Die Öffnung des Marktes, der Abbau von Importhürden und ein relativ starker Peso setzen lokale Produzenten unter Druck. Billige Teile aus China drängen in den Markt. Die Produktion von Autoteilen in Argentinien ist allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um 22,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Verschiedene Hersteller mussten ihre Werke im Land schließen und Mitarbeiter entlassen.
Mileis Verteidiger verweisen darauf, dass Argentinien lange von künstlich geschützten, ineffizienten Strukturen gelebt habe. Der Präsident wolle ein Land bauen, das ohne Subventionen, Defizite und inflationäre Geldschöpfung auskommt. Dem haben wenige Ökonomen etwas entgegenzusetzen. Mileis Problem ist die Zeit. Seine Reformen brauchen Geduld, doch Geduld ist in Argentinien eine knappe Ressource. Das gilt noch mehr, wenn der Eindruck entsteht, dass es sich Minister im geheizten Pool gemütlich machen, während andere ihre Jobs verlieren.
Milei kann an die Leidensbereitschaft der Argentinier appellieren, solange er als glaubwürdiger Außenseiter erscheint. Er kann Medien beschimpfen, solange seine Anhänger glauben, dass er gegen ein verfilztes Establishment kämpft. Er kann den Staat zerlegen, solange das Versprechen trägt, dass niemand mehr auf Kosten anderer lebt. Doch wenn sich der Eindruck verfestigt, dass auch sein Umfeld Privilegien genießt, verliert er seine moralische Überlegenheit und damit seine härteste Waffe.
