Was ist eigentlich genau passiert? Das ist eine immer wieder gern gestellte Frage, nicht nur im Film. Zu irgendeinem Ereignis mag es noch so viele Zeugenaussagen und Indizien und Erläuterungen geben – und trotzdem wird oft nicht klar, wer was getan hat, und schon gar nicht, warum.
Jede Stimme vermittelt eine andere Perspektive, jede Perspektive entspringt einer anderen Wahrnehmung, jede Wahrnehmung eröffnet eine andere Wahrheit – als „Rashomon“-Effekt ist das nach Akira Kurosawas Klassiker benannte Phänomen bekannt geworden. Vor Gericht allerdings kann diese Konstellation entscheidend sein. Ein eindringliches Beispiel dafür liefert der französische Kinofilm „Der Goldman-Prozess“ (2023) von Cédric Kahn, den Arte nun ausstrahlt.
Er beruht auf realen Geschehnissen, die aber nicht nachgestellt, sondern bühnenreif erzählt werden. Von den Schauspielerinnen und Schauspielern ist also höchste Intensität gefordert, von den Zuschauern auch. Das Drama passiert hier in den Köpfen der Geschworenen, will heißen, des Publikums. Fast zur Gänze ist der rundum schnörkellose Film in einem Gerichtssaal lokalisiert. Nur vor der Verhandlung fährt die Kamera von Patrick Ghiringhelli über eine Straße ins Büro des Anwalts Kiejman, dem Goldman überraschend das Mandat für seine Verteidigung entzogen hat. Warum?
Der linksradikale Aktivist Goldman vertraut dem leidenschaftlich für ihn kämpfenden Juristen plötzlich nicht mehr, beschimpft ihn als mediengeilen, antisemitischen Bourgeois. Plötzlich entscheidet er sich dann doch für ihn.
Aufrecht bis zum Fanatismus, selbstgerecht bis zur Larmoyanz
Dieser Pierre Goldman, das zeigt der Film mit virtuoser Komplexität, ist eine schwierige, undurchsichtige Persönlichkeit: aufrecht bis zum Fanatismus, selbstgerecht bis zur Larmoyanz. Der Schauspieler Arieh Worthalter setzt ihn permanent unter Strom und gibt ihm unter einem Panzer aus Aggression, Rechthaberei und narzisstischer Kränkung eine gnadenlose Präsenz à la Andreas Baader.
Pierre Goldman ist der 1944 geborene Sohn jüdischer Eltern, die in der Résistance aktiv waren. Er begann ein Studium an der Sorbonne, schloss sich kommunistischen Gruppen an, ging nach Kuba und Venezuela. Einerseits träumt er von der Revolution, andererseits möchte er wohl vor allem ein Held wie sein Vater werden, der sich gegen die Vernichtung der Juden gewehrt hatte. Vor Gericht gesteht Goldman die Raubüberfälle, die er verübt hat, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Nichts aber will er mit den Morden an zwei Apothekerinnen zu tun haben, derer er auch beschuldigt wird.
Im Gefängnis schreibt er seine Autobiographie, sieht sich als Opfer einer rassistischen, antisemitischen Polizei, der er außerdem vorwirft, die Morde bloß schlampig untersucht zu haben. Beim Prozess 1976 wird das überdeutlich: Die gesamte Anklage beruht auf zum Teil widersprüchlichen Zeugenaussagen, die mitunter manipuliert wirken.
Cédric Kahn inszeniert den Ablauf als diskursiv verdichtetes Kammerspiel. Die Binnenspannung seines Films ist hoch, die erzählerische Wucht enorm, das Ensemble großartig. Ob die Psychiaterin, die Goldman begutachtete, oder seine karibische Freundin, ob sein Vater oder der Witwer einer Apothekerin, immer ist die Kamera nahe an den Personen und ihren Gesichtern, als suche sie da die Wahrheit, die sie in den Worten nicht findet.
Zwischendrin rücken die Leute im Saal ins Bild, die für oder gegen den Angeklagten sind und öfter für Tumulte sorgen. In der Atmosphäre nach den Studentenunruhen 1968 wird Goldman zur Symbolfigur für den Widerstand gegen einen als autoritär empfundenen Staat. Das Urteil, das zur in Frankreich bis 1981 geltenden Todesstrafe führen könnte, hängt ausschließlich von den Zeugenaussagen ab, anderes Beweismaterial gibt es nicht. Das ist zu wenig. Goldman wird vom Mordverdacht freigesprochen.
Doch er und seine Anwälte um den fabelhaften Arthur Harari als Kiejman legen zuvor die blinden Flecken einer Gesellschaft frei, die nicht einräumen will, wie häufig ihr Weltverständnis von Ressentiment und Ranküne geprägt ist. Cédric Kahn bereitet dieses Problem so analytisch wie undogmatisch auf und überlässt die Antworten den Zuschauern. Über den konkreten Anlass hinaus liegt darin der Wert seines fesselnd gestalteten Films.
Der Film Der Goldman-Prozess läuft am Mittwoch um 23.30 Uhr bei Arte und bis 18. Juni in der Mediathek.
