Zuletzt wirkte es, als habe sich Alfred Gislason eine Sprechpause verordnet. Ungewohnt wortkarg antwortete er dem Reporter, doch bitte den Zuständigen zu fragen. Zuvor hatte der 66 Jahre Isländer seit Jahresbeginn geschätzte 87-Mal gesagt, wie gerne er mit dieser deutschen Handball-Nationalmannschaft arbeite, wie gerne er mit ihr weiterarbeiten würde.
Ein klareres Bekenntnis zum Deutschen Handballbund (DHB) ist kaum vorstellbar. Nur: Es ist nicht seine Entscheidung. Die trifft das DHB-Präsidium. Oder besser: sie wird dem Vorschlag des Vorstandes um Ingo Meckes folgen. Er ist für den Sport zuständig. Ihn meinte Gislason auch, als er darum bat, bezüglich seiner Zukunft jemand anderen zu fragen.
Die Trainerwahl ist das erste ganz große Ding für Meckes
Meckes ist seit zwei Jahren Sportvorstand. Er hat mit seiner ruhigen, durchsetzungsfähigen Art einiges bewegt; vor allem den Weg vom Talent zum Profi will er mit den bald startenden Akademien ebnen. Ein kritischer Geist, der alles rund um das deutsche Flaggschiff im Auge hat – die Männer-Nationalmannschaft. Der Bundestrainer ab Februar 2027 ist sein erstes, ganz großes Ding beim DHB.
An dieser Stelle gerät Meckes in Bedrängnis: weiter mit Gislason, dessen Vertrag nach der Heim-WM im Januar ausläuft – das wäre die bequeme Lösung. Man weiß, was man bekommt: Einen erfahrenen Coach ohne Schnickschnack. Einen, der diese Mannschaft aufgebaut hat. Einen Kerl, der im Gegenwind eines Großturniers nicht zuckt, sondern es so souverän wie zugewandt durchquert. Die zweiten Plätze bei den Olympischen Spielen und der Europameisterschaft sprechen für ihn.

Doch gibt es bei Meckes und dem DHB-Führungszirkel Zweifel. Wäre nicht ein jüngerer Trainer angezeigt? Mit einer jüngeren Ansprache, mehr taktischer Variabilität? Mehr Kommunikation? Wunschkandidat Bennet Wiegert wird die nächsten zwei, drei Jahre beim SC Magdeburg bleiben. Er kann warten, ehe er dem zehrenden Vereinshandball den Rücken kehrt. Die Welle an attraktiven Großturnieren hierzulande ebbt nicht ab.
Kehrmanns Arbeit in Lemgo beeindruckt
Bleiben Andy Schmid, Jaron Siewert und Florian Kehrmann. Gerade letzterer hat seine Bereitschaft kundgetan, Lemgo zu verlassen und in die Dienste des DHB zurückzukehren. Beeindruckend, wie er beim TBV aus jungen Spielern gestandene Kräfte gemacht hat. Passenderweise läuft sein Vertrag am 30. Juni 2027 aus.
Für den Moment stehen sich Meckes und der DHB selbst im Weg – und geben mit jeder weiteren Woche eine schlechte Figur ab. Der Prozess laufe, hatte Meckes gesagt: „Wir warten ab, bis die Saison vorbei ist.“ Mit den Niederlagen gegen Dänemark endete die Nationalmannschafts-Saison am Sonntag.
Was sprach dagegen, nach der EM in Dänemark mit der Wahrheit rauszurücken? Wie kompliziert kann es sein, einen Handball-Bundestrainer zu finden? Niemand muss befürchten, dass sich Gislason hängen ließe, sollte sein Vertrag unverlängert bleiben. Das verhindert sein Arbeits-Ethos. Die Mannschaft folgt ihm, es wird eine Heim-WM vor 20.000 Menschen in Köln. Warum also zögert der DHB?
Dieses Procedere hat Gislason nicht verdient. Man sollte ihm schnell reinen Wein einschenken. Schon jetzt muss er häufig gute Miene zum bösen Spiel machen. Das Thema nervt – auch die Mannschaft.
