Zwei Männer kommen aus einem Versteck gekrochen. Sie tragen weiße Schneeanzüge und grün-braune Schutzwesten. Um sie herum liegen Trümmer. Ängstlich schauen sie sich um, heben ihre Hände über den Kopf. Alles aufgenommen von einer Kamera. Während sich die ersten beiden Männer hinknien, kommt ein Dritter hinzu. Auf seinem weißen Anzug ist etwas Rotes zu sehen, offenbar blutet er. Alle drei legen ihre Schutzwesten und Waffen ab, blicken sich immer wieder nervös um.
Das Video, das Ende Januar von dem ukrainischen Roboterhersteller Devdroid veröffentlicht wurde, soll zeigen, wie drei russische Soldaten gefangen genommen werden. Dabei ergeben sie sich nicht einer ukrainischen Einheit, sondern einem sogenannten unbemannten Bodenfahrzeug. „So sieht moderne Kriegsführung aus. Die Roboter stehen an der Front. Die Menschen sind sicher“, heißt es dazu vom Unternehmen. Das Video ist die erste Aufzeichnung einer solchen Gefangennahme.
Es war aber nicht der erste erfolgreiche Einsatz dieser Art. Schon im vergangenen Sommer nahm eine ukrainische Brigade eine russische Stellung ein und zwei Soldaten gefangen – nur mit Drohnen und Bodenrobotern. In der modernen Kriegsführung der Ukraine werden solche unbemannten Bodenfahrzeuge, auf Englisch „unmanned ground vehicle“ (UGV), immer wichtiger.
Zahl der Einsätze hat sich mehr als verdreifacht
Das ist eine relativ neue Entwicklung. Bodenroboter werden im Gegensatz zu fliegenden Drohnen erst seit einigen Monaten verstärkt eingesetzt. Seit dem vergangenen Herbst hat sich die Zahl der Einsätze mehr als verdreifacht. Waren es im November laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium mehr als 2900 Einsätze, stieg die Zahl im März auf mehr als 9000. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Einheiten, die Bodenroboter nutzen, demnach von 67 auf 167.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach Anfang dieser Woche von 10.200 Logistik- und Evakuierungsmissionen, die Bodenroboter im April durchgeführt hätten. Er kündigte an, ihren Einsatz deutlich auszuweiten. „Wir werden die Produktion aller Arten von Drohnen und robotergestützten Systemen weiter steigern.“
Dazu hat das Verteidigungsministerium eine Investitionsoffensive angekündigt. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres will es 25.000 Bodenroboter für Logistikeinsätze einkaufen. Bereits 19 Verträge im Wert von elf Milliarden Hrywna (213 Millionen Euro) seien geschlossen worden, teilte Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow im April mit. „Unser Ziel ist es, dass 100 Prozent der Logistik an vorderster Front von Robotersystemen übernommen werden“, äußerte er.
Einer, der davon profitiert, heißt Taras Ostaptschuk. Er ist Geschäftsführer und Mitgründer von Ratel Robotics, einem Unternehmen, das Bodenroboter für die Armee herstellt. „Das Verteidigungsministerium hat schon 3000 Roboter bei uns bestellt“, sagt er. Ostaptschuk hofft, dass noch ein- oder zweitausend weitere in diesem Jahr hinzukommen.
Anfang Mai steht der 39 Jahre alte Unternehmer auf einem Testgelände etwas außerhalb von Kiew. Die Sonne brennt, auf dem trockenen Sandboden sind die Reifenspuren der Roboter deutlich zu sehen. Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte Ostaptschuk eine Firma für Straßenbeleuchtung und arbeitete in einem Architekturbüro. 2022 ging er zur Armee. Bis zu seiner Verwundung arbeitete er als Drohnenpilot.
Danach begann er, Bodenroboter herzustellen. Vor allem logistische Probleme trieben ihn um. „Als ich an der Front war, konnten wir oft keine Drohnen einsetzen, weil die Lasten zu groß waren“, erzählt er. Auch das Verlegen von Minen war eine Herausforderung. „Es ist gefährlich, wenn Menschen das tun.“ Deshalb war das Erste, was Ratel entwickelte, ein kleines Fahrzeug, das Antipanzerminen verlegen kann.
„Damit waren wir auch im Gebiet Kursk in Russland im Einsatz“, erzählt Ostaptschuk stolz. 2024 hatte die ukrainische Armee einen Teil des Gebiets erobert, das im Norden an die Ukraine grenzt. Nach dem Kamikaze- und Minenroboter „Ratel S“ wurden die Modelle größer. Der „Ratel M“ etwa kann bis zu 400 Kilogramm transportieren und hat eine Reichweite von bis zu 75 Kilometern. „Danach haben wir entschieden, Roboter für Evakuierungen zu bauen“, erzählt Ostaptschuk weiter. „Die sind super für verwundete Soldaten.“
Das jüngste Modell „Ratel X“ kann mit einer Batterieladung gut 100 Kilometer zurücklegen und mehr als 600 Kilogramm Last tragen. Wie die anderen größeren Modelle kann es über ein Starlinkmodul oder per Funk gesteuert werden. Das ist wichtig, da der Empfang in manchen Gebieten gestört ist. Zum Beispiel funktioniert Starlink laut Ostaptschuk nur im offenen Gelände einwandfrei, hat aber Probleme, sobald Bäume auftauchen.

KI für mehr Sicherheit
Derzeit harren die Soldaten auf beiden Seiten monatelang in ihren Positionen aus. Sie erzielen kaum Geländegewinne. Die Roboter verschaffen den Ukrainern nun einen großen Vorteil: Sie können damit risikoarm in der sogenannten Todeszone operieren. Dieser 15 bis 20 Kilometer breite Frontabschnitt wird so intensiv mit Drohnen überwacht, dass Truppenbewegungen fast unmöglich sind, da die Soldaten sofort angegriffen werden würden.
Das macht es auch schwieriger, sie abzulösen und in ihren Unterständen an der Front zu versorgen. Der Feind registriert sofort, wenn sich irgendwo etwas tut – und attackiert. Dementsprechend ist es von Vorteil, wenn Roboter statt Menschen Nachschub liefern. Und auch bei einer Rotation können die Bodenfahrzeuge von Nutzen sein.
Aktuell arbeitet Ratel Robotics an Künstlicher Intelligenz für seine Plattformen. Dazu gehört etwa ein Autopilot, der den Roboter von allein zu seinem Piloten zurückführt, sollte einmal das Empfangssignal verloren gehen. Eine andere Funktion heißt „Folg mir“. Wenn Soldaten ihre Stellungen verlassen, zum Beispiel für eine Rotation, soll der Roboter mit ihrem Gepäck automatisch folgen, indem er sie per Kamera erfasst hält. So haben die Soldaten ihre Hände frei und können ihre Umgebung besser im Blick behalten, auf Drohnen in der Luft und Minen am Boden achten, erklärt Ostaptschuk.
Das Wichtigste für ihn ist der Schutz von Mensch und Maschine, wie er mehrmals betont. Es sollte lieber ein Roboter als ein Soldat vom Gegner getroffen werden. Doch versucht Ostaptschuk, ebenso die Gefahren für die Roboter zu minimieren. So sind die Bodenfahrzeuge nicht nur gepanzert, sondern können auch Drohnen in der Luft erkennen und mit einem Netz abfangen. Der Unternehmer zeigt auf seinem Handy, wie ein Roboter beschossen wird und trotzdem weiterfährt. Außerdem soll den Robotern demnächst ein Maschinengewehr aufgesetzt werden.
Das entwickelt Ratel selbst. Auf seinem Telefon zeigt Ostaptschuk ein 3D-Modell. Das Gewehr soll möglichst breit streuen können, um anfliegende Drohnen abschießen zu können, betont er. Ein so ausgestatteter Roboter könne auch für den Schutz kritischer Infrastruktur eingesetzt werden, meint der Unternehmer. Und natürlich Aufgaben übernehmen, für die es bisher Infanteriesoldaten gebraucht habe. So wie in dem Video von Devdroid.
Ziel: 50.000 tote russische Soldaten jeden Monat
Roboter schonen die ukrainischen Ressourcen und treiben die Kosten für Russland in die Höhe. Verteidigungsminister Fedorow gab im Januar das Ziel aus, dass jeden Monat mindestens 50.000 russische Soldaten getötet werden müssen. Das würde die Zahl der von ukrainischen Strategen auf 30.000 geschätzten Neurekrutierungen monatlich deutlich übersteigen.
Um die Drohnenoperateure besser zu schützen, hat Ratel noch ein System entwickelt: Größere Modelle können als Startplattform für Glasfaserdrohnen dienen. So kann etwa ein „Ratel M“ 30 Kilometer ins Feld fahren, der Pilot die Drohnen starten, die dann noch einmal bis zu zwölf Kilometer weit fliegen können. So sind Kontroll- und Startpunkt der Drohnen räumlich getrennt – und der Pilot ist einem deutlich geringeren Risiko ausgesetzt.

Russland kopiert die ukrainische Technologie
Natürlich kann Russland nachziehen, selbst entsprechende Systeme entwickeln. Doch für den Moment hat die Ukraine einen technologischen Vorsprung, glaubt Ostaptschuk. Militärfachleute bestätigen, dass die Ukraine derzeit deutlich mehr Roboter einsetzt. Allerdings war es bisher oft so, dass die Ukraine eine neue Technik entwickelt und Russland irgendwann aufgeholt hat. Weil Russland mehr Ressourcen hat, kann es oft in größerem Maßstab produzieren.
Der Erfolg der Bodenroboter hängt jedoch von den Personen ab, die sie steuern. Weil die Armee nicht dazu in der Lage ist, Soldaten für mehrere Tage oder sogar Wochen für Lehrgänge ins Hinterland zu schicken, bildet Ratel die Operateure für seine Bodenroboter selbst aus. Mehr als hundert waren es im vergangenen Jahr. Dafür hat Ostaptschuk vier Männer, die den Soldaten zeigen, wie sie die Fahrzeuge steuern. Die Ausbildung findet nur wenige Dutzend Kilometer hinter der Frontlinie statt. Wie lange sie dauert, hängt vom Alter und der Erfahrung mit Videospielen ab.
Vor allem das langsame Steuern ist für viele eine Herausforderung, sagen die Ausbilder. Die Roboter sind empfindlich. Eine kleine Bewegung mit einem der beiden Steuerhebel, und schon reagiert das Fahrzeug. Insbesondere, wenn Verwundete transportiert werden sollen, muss jede Bewegung akkurat sein. Kein Vollgas, keine abrupten Bewegungen.
Es dauert eine Weile, bis man herausgefunden hat, wie sich der Roboter bewegt, dass lieber während der Fahrt die Richtung gewechselt werden sollte, nicht im Stehen.
Dabei wird es immer schwieriger, geeignete Operateure zu finden. Die Jungen, Fitten und Motivierten hätten sich schon 2022 für die Front gemeldet, sagt Ostaptschuk. So wie er selbst. Diejenigen, die jetzt zur Armee eingezogen werden, hätten immer größere Schwierigkeiten, mit den modernen Systemen umzugehen. „Mit jedem Monat werden die Roboter intelligenter, aber die Leute demotivierter.“
Mittlerweile gibt es Dutzende Unternehmen in der Ukraine, die Bodenroboter entwickeln und herstellen. Ratel ist eines der größten. 350 Menschen arbeiten dort, Ostaptschuk will hundert weitere einstellen, die Hälfte davon Veteranen. Doch wie das Militär haben auch Rüstungsunternehmen Probleme, gute Leute zu finden. IT-Spezialisten könnten bei anderen Unternehmen deutlich mehr Geld zu besseren Bedingungen verdienen, sagt Ostaptschuk.
Trotz aller Schwierigkeiten: Nach der Drohnenrevolution verändern die Roboter den Krieg zwischen Russland und der Ukraine abermals. Und das weckt auch das Interesse der Europäer. Deutschland und Spanien hätten schon Interesse an den Robotern gezeigt, sagt Ostaptschuk.
