Wien: Bei Oma schmeckt’s am besten
Kunstvolle Patisserie und vielschichtige Torten in allen Ehren. Aber, sind wir mal ehrlich: Wo schmeckt’s am besten? Bei Oma. Diese Erkenntnis gab den Anstoß zur Wiener Vollpension. In dem Café im Stadtteil Wieden, einen Tortenwurf vom Naschmarkt entfernt, stehen Seniorinnen am Ofen. Auch ein paar Senioren, aber die backenden Damen sind eindeutig in der Überzahl. Was 2012 mit einem Pop-up in einer Schneiderei begann, ist heute eine generationenübergreifend beliebte Institution mit zwei Standorten und einem Team von über 60 Seniorinnen und Senioren.
Das Café entstand nicht nur aus Lust auf gute Kuchen, sondern auch als Beitrag gegen Altersarmut und Einsamkeit. An Bewerbungen mangelt es nicht. Die dienstälteste Bäckerin, „Frau Marianne“, ist heute 81 und dabei, seit das Stammhaus im 4. Bezirk vor elf Jahren eröffnet wurde. Die Lage im Souterrain tut der Gemütlichkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil, es passt zu Omas Stube, wo es dank gardinenverhangener Fenster stets ein wenig schummrig war. Die Einrichtung mit ihren Stehlampen, Familienfotos und wolkenweichen Sofagarnituren sieht aus wie geerbt, und auch im Schanigarten dominiert Retro-Charme.
Das Gründungsteam ist jung, das merkt man an den unverputzten Wänden und den mit Neonröhren beleuchteten Öfen. Hier wird laufend und vor aller Augen frisch gebacken. „Frau Susi“ macht ihren Eierlikör-Guglhupf, „Frau Maria“ rollt Topfenstrudel. Im Ofen backen Zupfkuchen und Zwetschkenfleck. Jeder und jede darf Lieblingsrezepte mitbringen: meist Backwerk ohne Schischi. Glutenfreie Mohn- und vegane Ribiseltorte sind vielleicht keine Oma-Klassiker, im angesagten 4. Bezirk aber unverzichtbar und ebenso gut. Auch die Wiener Klassiker fehlen nicht: Sachertorte, Kardinalschnitte, Buchteln.
Die reiche österreichische Backkultur ist ein Erbe der Donaumonarchie. Wie stilprägend die Wiener Backstuben waren, zeigt der Begriff Viennoiserie: das klassisch französische Gebäck – Croissant, Pain au Chocolat, Brioche – hat seinen Ursprung in Wien (französisch: Vienne). Ersteres wurde der Legende nach 1683 während der Wiener Türkenbelagerung kreiert, als Symbol des osmanischen Halbmondes. Das Kipferl gibt es in Wien bis heute, allerdings nicht aus blättrigem Plunder-, sondern aus kompakterem Mürbe- oder Hefeteig. Mit dem Hofstab von Maria Antonia und später reiselustigen Bäckern kamen die österreichischen Backwaren nach Paris, wo sie auf Pâtisserie-Kunst trafen. Prägend war vor allem die Boulangerie Viennoise, die der österreichische Offizier (und findige Geschäftsmann) August Zang in den 1830er-Jahren in Paris eröffnete. Die dort verkauften „Dinge aus Wien“ waren bald weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt.

Zur Besonderheit des Wiener Backwerks gehört auch das Ambiente, in dem es serviert wird. 2011 wurde die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Zuletzt aber haben es viele Betriebe, vor allem abseits der Innenstadt, schwer (zu viel moderne Konkurrenz, zu wenig Qualität). Und auch jene in Bestlage werden den Erwartungen, die durch Tradition und Besucherschlangen geweckt werden, nicht immer gerecht. Und damit sind wir wieder in der Vollpension. Nicht nur die Süßspeisen, auch der Service ist hier deutlich besser als in manch traditionellem Kaffeehaus. Denn die Senioren sind auch für die Betreuung der Gäste zuständig, und das tun sie so zupackend und charmant, dass man am liebsten ein paar Stunden im Sessel versinken möchte, für ein Kuchenstück und noch eines. Verena C. Mayer
Das Stammhaus in der Schleifmühlgasse 16, 1040 Wien, ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Der zweite Standort befindet sich in der Musik und Kunst Privatuniversität MUK, Johannesgasse 4A, 1010 Wien.
Mallorca: Biss in die Vergangenheit
Ein Biss in ein Cuarto – dieses rechteckige Etwas aus Zucker, Ei und Mehl, so groß und federleicht wie ein herkömmlicher Küchenschwamm – katapultiert Generationen von Mallorquinern in ihre Kindheit zurück. Wo bei Prousts berühmten Roman „In Swanns Welt“ der Biss in eine Madeleine einen Strudel von Erinnerungen wachruft, löst das Cuarto bei Menschen, die auf Mallorca groß wurden, ein unerklärlich wohliges Gefühl aus – vielleicht sind es auch hier die Erinnerungen daran, wie es war, mit den Eltern oder Großeltern im Ca’n Joan de s’Aigo zu sitzen und dort den Geburtstag, den Ferienbeginn oder einfach nur den Moment zu feiern.

Begleitet wird so ein „Cuarto“ auch heute noch von einer Tasse heißer, zähflüssiger Schokolade, besonders zur Weihnachtszeit; im Sommer steht dagegen eher ein Eis im Glas neben dem gepuderzuckerten Bisquitrechteck.
Mit dem Eis begann auch die Geschichte von Ca’n Joan de s’Aigo – vor über 300 Jahren, als gefrorenes Wasser nicht aus dem Kühlschrank, sondern nur aus den Bergen kam. In der Serra de Tramuntana im Nordwesten der Mittelmeerinsel wurde, so legen es Quellen nahe, seit dem 16. Jahrhundert Eis abgebaut und gelagert, in sogenannten „Cases de Neu“, Schneehäusern, das waren Verschläge aus Trockensteinmauern, von denen einige mittlerweile restauriert sind und die man beim Bergwandern entdecken kann.
Ein gewisser Joan verkaufte 1700 bereits Eis an alle Haushalte, die sich die Abkühlung leisten konnten. Und bald schon kam er auf die phantastische Idee, das Eis zu schreddern und mit Obstsaft oder mit Mandelmilch zu verrühren, was noch heute der Klassiker in den drei Filialen von Ca’n Joan de s’Aigo ist – neben dem Schokoladen- und dem Aprikoseneis, das es aber nur gibt, wenn die Früchte dafür reif sind.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Während die einen das Cuarto bevorzugen, kommen die anderen wegen der berühmten Ensaïmada. Das sei ein bisschen wie Barça oder Madrid, hat Leonor Vich Martorell, die Geschäftsführerin des Familienunternehmens, einmal erklärt: grundsätzlich unterschiedliche Lager. Die Ensaïmada de Mallorca ist seit nunmehr 30 Jahren als Herkunftsbezeichnung geschützt und für viele von der Insel ein so unverzichtbares Gebäck, dass sie es in runden Kartons in die Welt tragen: Es gibt die Ensaïmada entweder pur oder mit Engelshaar gefüllt, die Form ist in jedem Fall eine im Uhrzeigersinn gedrehte Spirale, die meist goldig glänzt und von fester und gleichzeitig brüchiger Beschaffenheit ist. In der Unterseite der Schnecke sammelt sich das Schweineschmalz, weshalb man bei guten Ensaïmadas schmierige Finger bekommt.
Ca’n Joan de s’Aigo ist eine der ältesten Chocolaterías Europas, und sie geht nur dort mit der Zeit, wo sie unbedingt muss. Der Gast wird am Tisch bedient, nur zum Bezahlen muss er sich erheben und zum halbautomatischen Kassenautomat gehen, ein Gerät, der das Personal entlastet, außerdem kann man beim Warten an der Vitrine noch einen Gebäckvorrat für zu Hause mitnehmen.
Einigen Kellnern merkt man an, wie sehr sie selbst zu Mitgliedern der Familien ihrer Stammgäste geworden sind, in einer Umgebung, in der die Preise am Boden bleiben – der Espresso kostet 1,70 Euro, das Cuarto zwei und die Ensaïmada 1,90 Euro. Das ist fast wie eine Zeitreise in frühere, günstigere Tage auf dieser Insel, auf der ansonsten allen Normalverdienern schon länger die Ohren schlackern, so abgehoben sind die Preise nicht nur in Palma.
Mag sein, dass dort die gerade angesagtesten Croissants in irgendeiner neu eröffneten Frühstücks-Bar zu finden sind, und es gibt auch opulentere Bäckereien, etwa die verspielte und theatralische Fornet de la Soca, aber dafür ist und bleibt Ca’n Joan de s’Aigo echtes Mallorca. Der unvermeidliche Tourist, vor allem der besser informierte, sitzt selbstverständlich ebenfalls gern im Ca’n Joan de s’Aigo herum, vor allem in der ältesten Filiale im Zentrum zwischen Plaça Major und Plaça Santa Eulàlia, die jeder gute Stadtführer empfiehlt.

Die jüngste Dependance hat 2018 eröffnet. Sie liegt verkehrsgünstig an einer großen Avenida, gegenüber dem Corte Inglés, noch so einer Institution in Palma: ein Kaufhaus, in dem es fast alles gibt, auch für Touristen ist es die beste Anlaufstelle, wenn der Koffer mal wieder irgendwo in den chaotischen Untiefen internationaler Flughäfen hängengeblieben ist. In den Räumen der ehemaligen Bar Triquet, in einem denkmalgeschützten Gebäude von Gaspar Bennàssar, ist die modernste Filiale eingezogen; hier erfrischen sich Angestellte und Arbeiter der umliegenden Blocks, genauso wie Touristen oder mallorquinische Studenten, die zurück in ihre Universitätsstädte fliegen und sich das Heimweh mit ein paar Ensaïmada für den Tiefkühler versüßen wollen. In dem muss zum vollkommenen Glück dann nur noch zerstoßenes Eis mit Mandelmilch zu finden sein. Barbara Liepert
Seit über 200 Jahren besuchen Studierende, Forscher und Literaten die Osloer Bibliothek am Solli plass. Neuerdings gibt es im Haus des Wissens Überraschendes zu entdecken. Heidi Bjerkan startete genau hier ihr nächstes Abenteuer, wie sie es nennt, und eröffnete unter anderem eine Bäckerei. Die Norwegerin gilt als eine der berühmtesten Spitzenköchinnen Nordeuropas. 1998 gründete sie in Trondheim ihr Restaurant Credo, das später mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Eines Tages kam dann das Kooperationsangebot der Nationalbibliothek.
Die „Bakeriet ved Credo“ befindet sich nun in einem ehemaligen Meetingraum des modernen Anbaus. Durch die Panoramafenster strahlt die Sonne hinein, im Inneren sitzen die Gäste an den hellen Holztischen. In der Vitrine präsentiert der Laden seine norwegischen Spezialitäten: sveler, fluffige Pfannkuchen oder lefser, Fladenbrote, die aktuell mit einer Creme aus Butter und Misokaramell gefüllt und Preiselbeerpulver garniert werden, und natürlich die klassischen Zimtschnecken.

„Noch bevor ich das Kochen für mich entdeckte“, erzählt Bjerkan, „hatte ich Freude am Backen.“ Ihr Vater liebte berlinerboller, die sie jetzt inklusive Vanillecremefüllung anbietet. Die Pfannkuchen sind ein traditionelles Festtagsgebäck zur Fastenzeit, in Tromsø kennt man sie als solboller – die Nordnorweger feiern so nach den langen, dunklen Wintern die Rückkehr der Sonne. Hinter jeder Kreation von Bjerkans Bäckerei steckt eine eigene Geschichte – und Teil dieser Story sind für sie die einzelnen Zutaten. Die Köchin arbeitet ausschließlich mit Produzenten zusammen, die sie persönlich kennt. Die Sahne kommt von Freunden aus Røros, und die alten Weizensorten kommen von Holli Mølle. Die Osloer stehen Schlange für die täglich frisch gebackenen Brote aus Dinkel, Roggen oder Sauerteig.
Heidi Bjerkan betreibt in der Nationalbibliothek auch die Kantine im Atrium, die Bibliotheksbar neben dem Lesesaal und, etwas versteckt hinter der Bäckerei, das neue Credo. Im Restaurant erlebt man in 21 Tastings eine kulinarische Reise durch Norwegen, bei der ihr beliebtes Sauerteigbrot und die reichhaltige Røros-Butter ebenso ein fester Bestandteil des Menüs sind wie eine Minivariante der berlinerboller.
Auch Bjerkan profitierte bereits vom Schatz der Nationalbibliothek. Angestellte zeigten ihr Bücher aus dem Mittelalter, die etwa eine Rentierpastete beschrieben. Zwar gab es kein Rezept, aber es inspirierte sie für ein Tasting im Restaurant. „Ich würde mich gerne intensiver mit historischen Rezepten beschäftigen, nun, da uns so viel umfassenderes Wissen direkt zur Verfügung steht“, sagt sie. „Ich freue mich schon darauf, künftig mehr Zeit dafür zu finden.“ Es bleibt also spannend, was die Sterneköchin als Nächstes kreiert, um das kulturelle Erbe Norwegens an die nächsten Generationen weiterzugeben. Alva Gehrmann
Vergesst Soho, wo sich Menschentrauben vor den Cafés mit koreanischen Croffles, Bubble Teas, Cupcakes und Matcha-Cheesecakes drängeln. Wer dieser Tage im Vereinigten Königreich einen süßen Zahn mit sich herumträgt, darf sich auf eine Reise in die Vergangenheit freuen, zumindest wenn es nach dem neuesten Trend geht: traditionell britische Backwaren, die aussehen wie früher aus dem Supermarkt, aber schmecken, als wäre man gerade versehentlich im Patisserie-Himmel gelandet.
Man muss sie nur finden, die Bäckerei auf der rückwärtigen Seite des legendären Claridge’s Hotel in Mayfair in der Stichstraße Brook’s Mews. Und da liegen sie dann. Der Jammie Dodger, ein lachender Keks aus aromatischer Himbeermarmelade und zartem Mürbeteig, die dunkelroten, weißen, braunen French Fancies, quaderförmige Törtchen, innendrin so luftig und leicht, dass man schon beim Reinbeißen meinen möchte, man hebt ab. Die Iced Fingers – rosa und weiße Würste, die so aussehen wie die süße Schwester einer Bratwurst, aber glasiertes Hefeteig-Gebäck sind.

Eröffnet hat die Bäckerei der Bäcker und Buchautor Richard Hart, bekannt durch sein Herrschaftswissen über Sauerteig, die Arbeit mit Gordon Ramsay und René Redzepi. Monate lang feilte er mit seinem Team um Chefbäcker Fred Doncel-Latorre an den Rezepten für die neuen Versionen alter britischer Supermarktklassiker. Seit Februar hat die Bäckerei geöffnet. Sitzen kann man hier nicht, nur einkaufen, doch bereits jetzt reisen manche Kunden aus Sussex an, um ein Walnut-Whip-Konfekt, ein Schokotörtchen, gefüllt mit Vanille-Zuckermasse, oder eine Bakewell Tart, ein Mürbeteigtörtchen mit Marmelade und Mandelcreme, zu probieren.
Die ursprüngliche Idee für die Bäckerei war die Kernkompetenz von Bäcker Hart: Brot. „Es gibt kaum Bäckereien in der Gegend, und schon gar keine, die gutes Sauerteigbrot anbieten“, sagt Fiona hinter dem Tresen. Verkaufsschlager seien die Jammie Dodgers, dicht gefolgt vom Sauerteigbrot, das für den Stadtteil Mayfair mit sieben Pfund pro großem Laib Landbrot fast erschwinglich ist.
Links neben dem Verkaufstresen sieht man die Öfen, die Arbeitstische. Gerade schneidet Bäckerin Barbara Pinto die nächste Charge, formt Laibe und legt sie in die Backkörbchen. Sie steht morgens um 2.30 Uhr auf, um hier um 4.30 Uhr mit dem Backen anzufangen. So gibt es neben Broten und Süßem auch Herzhaftes, ideal für Elevenses, das traditionelle zweite Frühstück um 11 Uhr: etwa Hampshire Scotch Eggs, halb weich gekochte Eier im panierten Mettmantel, Sausage Rolls, Ham & Cheddar Cheese Swirls, Marmite Cheese Straws oder Bloomer-Brot im Leopardenlook.
Geschmacklich in der Mitte zwischen Brot und Süßkram liegt Harts Lieblingsbrot, das dunkle, handgroße Malzbrot, ein feuchter Laib dunklen Kuchenbrotes mit getrockneten Früchten, dessen Aroma ein bisschen an Melasse erinnert und das „am besten schmeckt, wenn man es noch mal in den Ofen schiebt, aufwärmt und dann mit guter Butter bestreicht“. Arezu Weitholz
Berlin: Die Wende überlebt
Vor einigen Jahren gab es an der Ecke, gleich neben der Bäckerei Siebert, noch eine zweite Bäckerei. Die war eigentlich ganz ordentlich, aber an Samstagvormittagen konnte man beobachten, wie die Siebert-Warteschlange immer länger wurde und um ebenjene Ecke an dieser zweiten Bäckerei vorbeiführte. Irgendwann hat die dann dicht gemacht, für immer.
Bäckerei Siebert dagegen gibt es noch immer, und das seit nun 120 Jahren. Damit ist der kleine Betrieb im Prenzlauer Berg eine Institution und „die älteste familiengeführte Bäckerei Berlins“, er hat zwei Kriege, den Sozialismus und die Gentrifizierung überdauert. „Mein Ururgroßvater hat sie 1906 eröffnet“, erzählt Anke Siebert, die das Unternehmen nun in fünfter Generation leitet, in den immer noch gleichen Räumlichkeiten am Arnimpark. Im Erdgeschoss des gelben Gründerzeithauses befindet sich die sehr überschaubare Ladenfläche, es gibt den L-förmigen Tresen und ein paar Kaffeetische, die Kunden drängen sich dicht aneinander, und auch hinterm Tresen ist wenig Platz für die Mitarbeiter. Die haben zu tun, quetschen sich aneinander vorbei, von der Auslage mit den Pfannkuchen (in Westdeutschland heißen sie „Berliner“, in Bayern „Krapfen“) zu den Erdbeerkuchen, von den Pflaumenstreuselschnitten und Obstplundern zu den Splitter- und Käsebrötchen, von den Roggenmischbroten zu den Schrippen – und dazwischen immer wieder zurück zur Kasse. Über dem quirligen Treiben liegt wie zur Beruhigung der Duft von frisch gebackenem Brot.

„Unser Sortiment ist riesig, und alles wird aus regionalen Produkten hier vor Ort hergestellt“, sagt Anke Siebert. Wir sitzen in ihrem kleinen Büro, einer Art Verschlag zwischen Verkaufsraum und Backstube, wo um Mitternacht die erste Schicht beginnt. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen, an der Wand hängen Auszeichnungen und ein aus der Zeit gefallenes kleines Waschbecken. Alles hier wirkt so sympathisch improvisiert und authentisch, so als hätte sich, seit ihre Ururgroßeltern noch in dem Raum wohnten, wo heute die Konditorei ist, nicht viel verändert.
Aber es hat sich viel verändert. Die Bevölkerung im Prenzlauer Berg wurde nach der Wende mehr oder weniger komplett ausgetauscht, der Kiez gentrifiziert, es gibt mittlerweile eine italienische vegane Bäckerei und eine neuseeländische Eisdiele, eine L’Epicerie verkauft Macarons – viel kleines Gebäck zum großen Preis. In der Bäckerei Siebert dagegen kostet die Schrippe 45 Cent, der Pfannkuchen 1,90 Euro, Kuchenstücke 1,50 Euro und der Kaffee zwei Euro.

„Unsere Kunden sind sehr preissensibel“, weiß Anke Siebert, die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist und den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann vor fünf Jahren von ihren Eltern übernommen hat. „Wir haben viele Stammkunden, und die wissen genau, wie viel die Schrippe vor 20 Jahren gekostet hat. 1906 waren es übrigens fünf Pfennig.“ Als Bäckerei betrachteten sie sich immer noch als Anbieter von Grundnahrungsmitteln – und die dürften nicht zu experimentell und müssten erschwinglich sein. Und das definiere am Ende auch die Kundschaft.
Was sie meint, weiß jeder, der bei Bäckerei Siebert einmal in der Warteschlange stand. Da sind all jene, die seit 30 Jahren aus dem Rest Deutschlands und ganz Europa hierhergezogen sind, da sind aber auch berlinernde Handwerker und die Müllfahrer der BSR, die Mettbrötchen für die Pause holen; da sind die alteingesessenen Kiezbewohner, die vermutlich schon zu DDR-Zeiten hier eingekauft haben, und auch die, die schon wieder weggezogen sind aus diesem Kiez, wegen zu vieler Kinder und zu hoher Mieten. „Wir kennen unsere Stammkunden gut“, erzählt Anke Siebert, „und viele wohnen mittlerweile nicht mehr hier und kaufen dann auf Vorrat und für die ganze Nachbarschaft ein.“ Und dann verlassen diese vielen verschiedenen Menschen diese wuselige Bäckerei wieder, mit den Backwaren in den Händen, liebevoll eingepackt in knisterndes rot-weiß gestreiftes Papier – und mit einem Lächeln im Gesicht. Andreas Lesti
www.baeckerei-siebert.de
Rom: La dolce vita
Einen ungünstigeren Zeitpunkt zur Verwirklichung ihres Lebenstraums hätten sich Luigi Della Maggiore und seine Ehefrau Eva nicht aussuchen können. 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, kamen sie aus der Toskana nach Rom, um in der Hauptstadt ein Lokal für toskanische Spezialitäten zu eröffnen, für süße wie für deftige. Als Startkapital brachten sie nur hundert Lire mit, das wären heute rund siebzig Euro.
Nachdem Freunde und Verwandte weiteres Geld zugeschossen hatten, eröffneten Luigi, genannt „Marino“, und seine Eva im Arbeiterviertel Garbatella dann doch ihre Fraschetta. So heißen im Hügelland der Castelli Romani südöstlich von Rom einfache Schankwirtschaften, in welchen die Winzer eigenen Wein und lokale Kost anbieten.

Luigi und Eva nannten ihre Fraschetta ordnungsgemäß „La Fiorentina“ (Die Florentinerin). Der Name war Programm und Erfolgsrezept: toskanische Lebensart für das erst 1920 gegründete Stadtviertel Garbatella, das in den Dreißigerjahren ein rasantes Bevölkerungswachstum erlebt hatte. Aus Garbatella stammt auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen in der Hauptstadt erweist die erste Frau im höchsten Regierungsamt mit ihrem kräftigen Römer Dialekt selbstbewusst Reverenz.
In der Nachkriegszeit und namentlich im italienischen Wirtschaftswunder der Fünfziger- und Sechzigerjahre wuchs auch „La Fiorentina“ von einer Fraschetta zu einem großen Restaurant mit noch größerer Konditorei. 1970 erfolgte der Umzug von Garbatella nach Prati. Das neue Heimatviertel der Florentiner liegt auf dem rechten Tiberufer, in unmittelbarer Nachbarschaft des Vatikans und der Engelsburg. In den Mittelpunkt des gastronomischen Angebots traten nun die Caffetteria und die Pasticceria. Aber auch der Mittags- und Abendtisch von „La Fiorentina 1942“ – die Jahreszahl gehört seit dem Umzug nach Prati offiziell zum Namen – blieben ein kulinarischer Referenzpunkt für die Leute aus dem Viertel und für die Touristen, die in stetig wachsender Zahl in die Ewige Stadt strömen.
Inzwischen wird „La Fiorentina 1942“ in dritter Generation von der Familie geführt. 2003 verlieh Rom dem Gastronomiebetrieb die Auszeichnung „Bottega Storica dei Rioni e Quartieri“. Mit dem Preis würdigt die Hauptstadt Unternehmen mit einer Geschichte von mindestens einem halben Jahrhundert und starker Verbindung zur Region. Die hat die Familie Della Maggiore aus der Toskana nach 84 Jahren Geschäftstätigkeit in der Hauptstadtregion Latium fraglos geknüpft. Doch auch das toskanische Erbe von Nonno Marino und Nonna Eva (Opa Marino und Oma Eva) haben deren Nachfahren fortentwickelt.
In der Pasticceria gibt es das klassische Frühstücksgebäck – den Cornetto (Croissant) entweder „semplice“ (einfach) oder gefüllt mit Cremepudding, Marmelade und Pistaziencreme – sowie eine täglich wechselnde große Auswahl an Torten und Kleingebäck: von der Amaretto-Torte „Eva“ und Obsttörtchen über den Florentiner Zuccotto und die Profiteroles „Fiorentina 1942“ bis zu warmen Brownies mit Eis, Sachertorte und Babà mit Rum aus Kampanien. Matthias Rüb
„La Fiorentina 1942“ befindet sich in der Via Andrea Doria, 20–22 in Rom. Mehr unter www.fiorentina1942.com/pasticceria/
Lissabon: Und sie verfällt ihm doch
Was verbinden Sie mit dem Begriff Pastel de Nata? Gammelige Kuchenauslagen, in denen gummiartige Puddingtörtchen in der Geschmacksrichtung „Langeweile“ oder „Ekel“ überdauern, so wie ich? Dann empfehle ich einen Besuch in Portugal. In der dortigen Süßkramszene ist das Gebäck eine Art Nationalheiligtum, es gilt als Königin der Doçaria Conventual, der klösterlichen Süßigkeiten.

200 verschiedene Törtchen und Teilchen gehören dazu, und ihrem natürlichen Habitat Lissabon sind sie alles andere als labbrig. Sie sind schön, zuckrig, cremig. Wer in Lissabon keine Zeit hat, nach Belém hinauszufahren – aus dem dortigen Welterbe-Kloster Mosteiro dos Jerónimo soll das Originalrezept stammen –, sollte eine der zwei Filialen der Pastelaria Santo António besuchen. Sie sind weder besonders gemütlich noch schick, aber immerhin grüßt der Heilige Antonius von blauweißen Kacheln. Wer dann in ein Pastel beißt, wird mit göttlichem Genuss belohnt: kein Gummi, kein Pudding, sondern knuspriger Teig, aus dem sich eine süße, warme Creme ergießt. Überall auf der Welt sind Pastel de Nata verzichtbar – nur hier sind sie ein Muss! Pia Heinemann
Rua do Milagre de Santo António 10, Lissabon und Rua Paiva De Andrada 8, Lissabon
