Es ist eine seltsame Form der Aussage: Im sogenannten Reichsbürgerprozess gibt Heinrich XIII. Prinz Reuß in einer Art Frage-und-Antwort-Spiel mit seinem Anwalt Roman von Alvensleben Auskunft. Der Verteidiger stellt vorbereitete Fragen, der Angeklagte antwortet. So könne er sich besser konzentrieren, hatte Reuß argumentiert – das Gericht akzeptiert die ungewohnte Form.
Seit Mitte April spricht Reuß auf diese Weise über die gegen ihn erhobenen Tatvorwürfe. Vorgeworfen wird ihm in dem nun beinahe zwei Jahre dauernden Prozess, Rädelsführer einer Gruppe von Reichsbürgern gewesen zu sein, die einen gewaltsamen Umsturz plante. Schon mehrmals hat Reuß dem vor dem Frankfurter Oberlandesgericht widersprochen: „Putschpläne“ habe er niemals verfolgt, er sei „kein Terrorist“, beteuert der adlige Immobilienunternehmer.
Die „Erdallianz“ sollte entführte Kinder befreien
Am Dienstag spricht er jetzt noch einmal ausführlich über den „Tag X“, dem die Gruppe um ihn entgegenfieberte. Sie glaubten, dass eine Geheimarmee, die „Erdallianz“, einmarschieren würde, um in unterirdischen Tunneln gefangene Kinder zu befreien und die Regierung zu stürzen. Auf dem Messengerdienst Telegram sei der Einmarsch „seit Jahren schon“ Gesprächsstoff gewesen, im September 2022 sollte er kurz bevorstehen. Der Mitangeklagte Rüdiger von Pescatore, ein früherer Elitesoldat der Bundeswehr, hatte das der Gruppe mitgeteilt – er galt unter ihnen als „Verbindungsmann“ zu der obskuren Geheimarmee.
Prinz Reuß sagt, er habe sich nicht aktiv auf den „Tag X“ vorbereitet. Man habe ihm nur gesagt, er solle sich bereithalten – um nach dem Eingreifen der „Erdallianz“ Teil einer Übergangsregierung zu werden. In andere Pläne sei er nicht involviert gewesen. „Wir Zivilisten wussten ja von nichts.“

In seiner Aussage stellt Reuß die Gruppe, die nun vor Gericht steht, als eine lediglich „lose Struktur“ und eine Art „Thinktank“ dar. Immer wieder betont er seine Distanz zu den anderen Beteiligten. Man kannte sich, war aber nicht intensiv vernetzt, von vielem habe er überhaupt nichts mitbekommen: So beschreibt es der Angeklagte.
Ein Beispiel: Für diese Gruppe wurden auch zwölf Laptops gekauft. Die Ankläger gehen davon aus, dass sie verwendet werden sollten, um eine gruppeninterne IT-Struktur aufzubauen. Darin sei er „nicht eingebunden“ gewesen, sagt Reuß. „Das hat für mich keine Rolle gespielt, das war für mich eine andere Welt.“ Genauso bestreitet er etwa, von einer Chatgruppe gewusst zu haben, in der über die Bildung militanter „Heimatschutzgruppen“ diskutiert wurde.
Mit der Verschwörergruppe, deren Kopf er laut Anklage gewesen sein soll, will Prinz Reuß nicht viel zu tun gehabt haben: Das ist seine Verteidigungsstrategie. In einem Punkt stellt er sich am Dienstag sogar als ihr Opfer dar. Die Gruppe glaubte, dass in der Nähe von Basel Kinder unter der Erde gefangen gehalten und missbraucht würden. Dem Mitangeklagten Maximilian Eder gab Reuß 50.000 Euro, um eine Befreiungsaktion zu finanzieren. Ein Bruderpaar aus der Schweiz sollte sie vorbereiten – die beiden haben die Gruppe allerdings geprellt.
Als Reuß merkte, dass die Aktion nicht zustande kommen wird, traf er sich im November 2022 mit anderen frustrierten Geldgebern der Gruppe. Darunter war auch ein Ehepaar, das sein Haus verpfändet hatte. Ihnen allen sei es nur um das Wohl der Kinder gegangen, Geld für einen militärischen Umsturz habe keiner gegeben, sagt Reuß: „Da war nichts mit Waffen.“ An diesem Mittwoch will er seine Einlassung fortsetzen.
