Dieser Tage erinnert man sich in Spanien an eine Episode von Alt-König Juan Carlos aus dem Jahr 2011. „Schlecht“, polterte der Monarch gegenüber Journalisten auf die Frage, wie es ihm gehe: „Ihr wollt mich doch alle umbringen und mir eine Kiefer auf den Bauch pflanzen.“ In der vergangenen Woche waren in Madrid ganz ähnliche Worte zu hören. „Warum will man mich umbringen?“, fragte Florentino Pérez im Rahmen einer Pressekonferenz und warf den Journalisten im Raum „eine organisierte Kampagne“ vor, das falsche Gerücht zu streuen, er sei an Krebs erkrankt, alles nur mit einem Ziel: Dem „größten Verein der Welt“ zu schaden.
Juan Carlos ging nach seinem Wutausbruch auf Elefantenjagd, brach sich die Hüfte, wobei die Spanier von einer Geliebten erfuhren und von unversteuerten Schmiergeldern. Einige Jahre später musste Juan Carlos abdanken und seinen Wohnsitz nach Abu Dhabi verlegen. Ein ähnliches Verhalten ist von Florentino Pérez zwar nicht bekannt. Und doch sieht die spanische Tageszeitung „El País“ Parallelen: Wie Juan Carlos nimmt Pérez die Journalisten offensichtlich als feindlich gesinnt wahr und wittert Kampagnen gegen sich und seinen Verein.
Dünnhäutig auf der Pressekonferenz
Tatsächlich zeigte sich der Neunundsiebzigjährige, mächtige Bauunternehmer und Hauptaktionär des Konzerns ACS in seiner ersten Pressekonferenz seit mehr als zehn Jahren recht dünnhäutig. Er beklagte sich über einen Bericht in der Tageszeitung „ABC“, laut dem er im „intimsten Kreis“ gestanden habe: „Ich bin müde.“ „ABC“ bringe ständig solche Artikel, beschwerte sich der Präsident, und kündigte an, sein Abo zu kündigen.

„Ein anderer ist von einer Frau, von der ich nicht weiß, ob sie irgendwas von Fußball versteht, aber gut.“ Zu einer Journalistin im Saal sagte er: „Mal sehen, dieses Mädchen da, sie hat das Recht, zu sprechen, die Übrigen hier sind alle verdammt hässlich.“ „ABC“ kommentierte die Pressekonferenz später so: „Florentino und der Verdacht des Verrats.“ Schließlich habe er sich ja an einem Zitat aus engstem Kreis gerieben. Zudem habe er sich mehrmals auch darüber beschwert, dass es im Team zum ersten Mal einen Maulwurf gebe, der die Nachricht von einer Schlägerei zwischen Federico Valverde und Aurélien Tchouaméni in die Öffentlichkeit getragen habe. Pérez habe damit sein selbst erklärtes Ziel, den in den Medien angeblich vermittelten Eindruck von Unordnung im Verein aus der Welt zu räumen, nicht erreicht, sondern – ganz im Gegenteil – verstärkt.
Besser wurde es auch nicht mit einem langen Interview im Privatsender La Sexta. Dort griff Pérez abermals den Vorwurf auf, unter den Schiedsrichtern herrsche „seit zwei Jahrzehnten systemische Korruption“. In der Sendung erklärte er: „Ich habe sieben Mal die Champions League und sieben Mal die Liga gewonnen, und die übrigen nicht, weil sie uns gestohlen wurden.“ Und dann weiter: „Diese Saison haben sie uns 16 oder 18 Punkte gestohlen.“ Pérez bezieht sich damit auf den vor drei Jahren bekannt gewordenen „Fall Negreira“. Der FC Barcelona habe José María Enríquez Negreira, dem ehemaligen Vizepräsidenten des spanischen Schiedsrichterkomitees, zwischen 2001 und 2018 mindestens sieben Millionen Euro gezahlt. Der Klub erklärt, Negreira habe den Klub dafür beraten und Schiedsrichteranalysen erstellt, ein Gericht in Barcelona ermittelt in dem Fall.
Vorgezogene Vorstandswahlen
Auffällig war aber auch, wozu sich Pérez trotz hartnäckiger Fragen nicht äußern wollte: eigene Fehler im sportlichen Management. Real Madrid hatte nun in der zweiten Saison in Folge weder in der Champions League noch in der Liga Erfolg. Dabei hatte das Team im Oktober nach seinem Sieg im Clásico fünf Punkte Vorsprung vor dem FC Barcelona. Doch es kam zum Streit zwischen dem damaligen Trainer Xabi Alonso und Starspieler Vinícius Jr., bei dem der Verein dem Trainer nicht den Rücken stärkte und ihn stattdessen später entließ. Aber auch unter Nachfolger Álvaro Arbeloa fand das Team nicht in die Erfolgsspur zurück. „Wir hatten ein Spielkonzept“, sagte Mbappé kürzlich über jene Zeit, „das haben wir verloren“. Wie Pérez jetzt ein drittes Jahr ohne Titel verhindern will, sagte er nicht.
Stattdessen kündigte er eine vorgezogene Vorstandswahl an und forderte Gegner auf, eine eigene Kandidatur aufzustellen – obwohl die nächste reguläre Wahl erst in knapp drei Jahren ansteht. Ein möglicher Gegenkandidat könnte der Energie-Unternehmer Enrique Riquelme sein, doch die Unterlagen müssen bis zum 23. Mai vorliegen, weshalb der Siebenunddreißigjährige um Aufschub gebeten hat. Pérez hat dies bereits abgelehnt.
Auch die übrigen Hürden sind seit einer von Pérez im Jahr 2012 vorangetriebenen Reform der Statuten hoch. Ein Gegenkandidat müsste mindestens 20 Jahre Klubmitglied sein und mit 15 Prozent des Haushaltsvolumens von Real Madrid aus seinem Privatvermögen bürgen – also aktuell mit 187 Millionen Euro.
So gilt es als unwahrscheinlich, dass Pérez tatsächlich große Konkurrenz fürchten muss. Aber nach seiner Pressekonferenz gilt er dennoch als angezählt. Wie einst bei Juan Carlos ist in Spanien nun das Tabu gebrochen, den Bauunternehmer in der Öffentlichkeit zu kritisieren.
