Fragt man die Deutschen, warum sie sich nicht stärker ehrenamtlich engagieren, antworten zwei Drittel der nicht Engagierten: keine Zeit. Nichts als ein Vorwand, könnte man meinen. Doch andere Studien belegen, dass sich tatsächlich vor allem diejenigen engagieren, die keine kleinen Kinder versorgen müssen, die nicht in Vollzeit arbeiten oder die zumindest ihre Arbeitszeit flexibel gestalten können. Von einer „Zeitelite“ aus Rentnern, Teilzeiterwerbstätigen und Selbständigen spricht die Heinrich-Böll-Stiftung mit Blick auf die beruflichen Hintergründe von Kommunalpolitikern.
Welche Folgen hat es für eine Demokratie, wenn die zeitlichen Ressourcen ihrer Bürger so ungleich verteilt sind? Und was kann die Politik womöglich dagegen tun? In München lud die Althistorikerin Tabea Meurer nun dazu ein, diese seit einigen Jahren verstärkt diskutierten Fragen in den Anfängen der westlichen Geschichte zu spiegeln. Am Historischen Kolleg, wo Meurer ein Jahr als Fellow verbringt, stellte sie Teilergebnisse ihres Habilitationsvorhabens zu „Zeit und Politik im demokratischen Athen“ vor.
Als ob Müßiggang jedermanns Sache hätte sein können
Die zeitliche Ungleichheit war im Athen des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus ebenso groß wie die ökonomische. Während wenige Wohlhabende sich ganz dem von Philosophen gepriesenen Müßiggang hingeben konnten, mussten die meisten Bürger einen Großteil ihres Lebens der Erwerbsarbeit widmen, von den politisch rechtlosen Frauen und Sklaven ganz zu schweigen. Debatten um eine „Vierzigstunden-“ oder gar eine „Viertagewoche“, Debatten also um die Regulierung der Arbeitszeit, kamen damals gleichwohl nicht auf. Das Verständnis von einer politischen Steuerbarkeit der Wirtschaft war schließlich nur rudimentär ausgeprägt, und in private Arbeitsbeziehungen wollte ohnehin niemand eingreifen.

Die politischen Folgen dieser zeitlichen Ungleichgewichte beschäftigten die Zeitgenossen jedoch sehr wohl, wie Meurer zeigte. Denn die athenische Demokratie beruhte nicht nur auf dem Grundsatz der Gleichheit aller Bürger. Sie war für ihr Funktionieren auch auf ein außergewöhnlich hohes Engagement des Einzelnen angewiesen. Mehrmals im Monat sollten die athenischen Männer in der Volksversammlung erscheinen und darüber hinaus die per Los bestimmten Mitglieder von Beratungsgremien und Gerichtsjurys stellen. Wer für das eigene Auskommen auf Erwerbsarbeit angewiesen war, hatte dafür jedoch schlicht keine Zeit. Deswegen führten die Athener Mitte des fünften Jahrhunderts Tagegelder für den Besuch von Gerichtsverfahren, später auch von Volksversammlungen ein, die den Verdienstausfall kompensieren sollten.
Wer in der attischen Demokratie Inspiration für die Gegenwart sucht, wird am ehesten hier fündig. Auch heute gehören berufliche und familiäre Verpflichtungen zu den wesentlichen Gründen, warum sich Menschen von der Politik fernhalten. Dass deutlich mehr Männer als Frauen in Parteien aktiv sind, lässt sich unter anderem mit dem gender leisure gap erklären: Männer haben durchschnittlich zwanzig bis vierzig Minuten mehr Freizeit pro Tag als Frauen, deren Sorgearbeit zudem selten am späten Nachmittag endet, wenn die Ortsvereinssitzungen beginnen. Und die Anliegen von älteren Menschen dürften politisch auch deshalb so präsent sein, weil Rentner die Kapazitäten haben, Bürgerinitiativen zu gründen und Diskussionsveranstaltungen zu besuchen. Zeitliche Ungleichgewichte bedingen politische Ungleichgewichte.
Manche fordern deswegen staatlich geförderte Sabbaticals für zivilgesellschaftliches Engagement, etwa die Feministin Teresa Bücker in ihrem Bestseller „Alle_Zeit“ von 2022. Jeder Bürger könnte sich dann für ein paar Stunden im Monat oder für ein ganzes Jahr von seinem Beruf freistellen lassen, um politisch aktiv zu werden, zum Beispiel in Parteien oder in Bürgerräten. Analog zum bestehenden Elternzeitmodell würde der Staat einen Teil des Verdienstausfalls kompensieren. Den athenischen Tagegeldern für den Besuch politischer Versammlungen käme das erstaunlich nahe.
Stetes Wasser kühlt den Streit
Im Zentrum von Meurers Vortrag stand freilich ein weiterer Mechanismus der Zeitgerechtigkeit. Aus dem späten fünften Jahrhundert präsentierte sie den Fund einer klepsydra, einer Uhr, die Zeit anhand des Ablaufs von Wasser aus einem Behälter in einen anderen maß, vergleichbar etwa modernen Sanduhren. Vor allem vor Gericht kamen solche Wasseruhren laut Meurer zum Einsatz und dienten dazu, die Redezeit verschiedener Parteien aufeinander abzustimmen. Dass klepsydrai im Laufe des vierten Jahrhunderts immer wichtiger wurden und den Prozessablauf immer stärker normierten, brachte Meurer mit dem gestiegenen Bewusstsein für soziale Ungleichheiten in Verbindung. So beklagte der berühmte Gerichtsredner Demosthenes, selbst ein Mitglied der Elite, dass „den Reichen nach eigenem Gutdünken Zeit für die Prozessführung“ zur Verfügung stehe, was die nominelle Gleichberechtigung aller Bürger unterlaufe. Zeitliche Standardisierung diente der Herstellung von politischer wie rechtlicher Gleichheit.

Obgleich die Athener also Zeitfragen immer wieder mit Gerechtigkeitsfragen verbanden, hatte die antike Debatte aus heutiger Sicht einen wenig überraschenden, aber folgenreichen blinden Fleck. Denn so häufig auch der Gegensatz zwischen Arm und Reich zur Sprache kam und so sehr man auch bemüht war, dessen zeitlichen und politischen Folgen abzumildern, so auffällig ist, dass es stets nur um Ungleichheiten zwischen politisch mündigen Vollbürgern ging. Dass Sklaven und Frauen ebenso wenig frei über ihre Zeit wie über die meisten anderen Dinge in ihrem Leben verfügen konnten, spielte hingegen keine Rolle.
Für die Frage der Anwendbarkeit der antiken Ansätze auf moderne Gesellschaften hat dieser Unterschied gewichtige Konsequenzen. Denn wenn der Staat seinen erwerbstätigen Bürgern mehr Zeit für Politik gibt, muss das heute wie damals zulasten der Erwerbsarbeit gehen. Anders als im demokratischen Athen müssten solche staatlich geförderte Auszeiten heute aber nicht nur für männliche Vollbürger, also lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Einwohner, sondern für alle Erwachsenen gelten. Die wirtschaftlichen Folgen wären also ungleich gravierender. Sie ließen sich auch nicht auf eine Masse von Sklavenarbeitern abwälzen.
Fördert der Staat das Engagement seiner Bürger also auf athenische Weise, könnte einer regeren Demokratie eine schrumpfende Wirtschaft gegenüberstehen. Schon die Frage, wie viel Zeit ein jeder für die Politik haben sollte, ist somit eine Frage der politischen Prioritätensetzung.
