Verena Stauffer, 1978 in Oberösterreich geboren und heute in Wien lebend, veröffentlichte im Jahr 2014 ihren ersten Gedichtband, „Zitronen der Macht“. Mit „Strahlen“ hat sie nun ihren zweiten Roman vorgelegt. Dass Lyrik ihre Prosa beeinflusst, spürt der Leser schnell.
Durch ihre Texte weht ein aufgeregter Wind, es stürmt in jede Richtung. Geographisch ist der Bogen weit gespannt von Wien über New York, den Gardasee, Teheran, wieder Wien und schließlich nach Rumänien. Und dies, obwohl Orte, wie die Autorin bei einer Lesung bemerkte, ihr gar nichts bedeuten. Wien bleibt denn auch ebenso farblos wie New York, selbst Teheran bekommt nur einen zarten exotischen Anstrich. Die Farbe tobt sich woanders aus, in der Malerei der Hauptfigur des Romans. Diese Künstlerin namens Ava steckt in einer Krise und nimmt deshalb eine Dozentur in den USA wahr, zumal ihre bisherige Beziehung in Wien in die Brüche gegangen ist. Also auf zu neuen Ufern.
Gleiche Koffer, tiefe Blicke, da muss doch Liebe sein!
So stürzt sich die Ich-Erzählerin Ava auf den ersten Mann, der ihr in New York auf einem Parkplatz über den Weg läuft. Beide haben das gleiche Koffermodell, sie schauen sich bedeutungsvoll an, aber dabei bleibt es zunächst, der Faden wird erst später wieder angeknüpft. Bei den Freunden, bei denen die Malerin in New York einkehrt, lernt sie einen zupackenden Professor kennen, es kommt zum gemeinsamen Sommerurlaub am Gardasee, zu gewalttätigen Übergriffen des Akademikers und zur Trennung. Aber in Italien bietet sich schon ein anderes Glück: Stefan, der angeblich nur Japanerinnen liebt, sich aber flugs in Ava verguckt. Eine Weile geht es gut, dann ist’s vorbei.
Zurück in Wien, begibt sich Ava wieder auf die Dating-App und lernt E kennen, ein neues, mehr virtuelles Abenteuer. Damit nicht genug: Der Unbekannte vom New Yorker Parkplatz lebt zufällig auch in Wien, hatte Ava in New York seine Telefonnummer an die Windschutzscheibe geklemmt und wird nun von ihr angerufen. Und wo es so heftig zugeht, da ist eine Schwangerschaft keine Überraschung. Wer aber ist der Vater: E oder der Unbekannte aus New York, der sich als Nuklearmediziner iranischer Abstammung herausstellt? Avas Lösung: Sie lehnt es ab, schwanger zu sein, dies sei nur Fiktion.

Die Männerwelt, ob realiter oder virtuell, ist der eine Strang des Romans, darüber legt sich als magischer Film Avas künstlerisches Schaffen, ein Strang, der interessantere Einblicke in Lebens- und Gedankenwelt der Künstlerin gewährt.
Auf Leinwand will sie nicht mehr malen, sondern hat Jute zu ihrem neuen Material gewählt; statt Ölfarben verwendet sie Acryl und Erden. Ein großes Projekt soll entstehen, das zunächst nicht recht gelingen will. Die vier von Ava vernaschten und gleichzeitig mehr oder weniger gewalttätigen Männer werden ihr Material, nach einer Skizzenvorlage beginnt sie ihr Werk: „Ich übertrug die vier Skizzen proportional vergrößert, verband sie. Zuerst Tiams Kopf und Torso mit rechtem und linkem Arm, danach kam E, vom Becken abwärts bis zu den Knien, die Unterschenkel von Stefan und Kyles Füße. Es passierte wie im Traum. Die vier Skizzen waren jetzt ein einziger Körper in zarten Strichen auf fester Jute. Ein einziger Körper war entstanden. Er schwebte . . . Ich hatte sie befreit. Sie waren jetzt frei von mir, und ich war frei von ihnen. Und doch spürte ich sie in diesem Augenblick anwesend, zu einem Leib geworden, vor mir.“
So, wie Ava durch Knopfdruck aus der realen Welt in die fiktive Welt von E wandert und wieder zurück, Wirklichkeit und Fiktion miteinander verschmelzen, so vermischen sich auch ihre Liebhaber zu einem Gesamtkörper. Avas Galerist ist hingerissen von der Komposition, in seinen Augen ist das Bild ein einzigartiges Meisterwerk. Auch wenn es überzeugende und geistreiche Passagen in diesem Roman gibt, die Autorin sich sprachlich gewandt durch ihr Labyrinth bewegt, ein literarisches Meisterwerk ist hier nicht entstanden.
Verena Stauffer: „Strahlen“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2026. 316 S., geb., 26,– €.
