Vor achtzig Jahren, am 11. Mai 1946, wurde das Mailänder Opernhaus Teatro alla Scala mit einem Konzert feierlich wiedereröffnet; bei der Bombardierung der Stadt im August 1943 durch die Royal Airforce war das Theater schwer getroffen worden. Der knapp achtzig Jahre alte Arturo Toscanini leitete das Konzert mit Auszügen aus Werken von Rossini, Puccini, Arrigo Boito sowie der Ouvertüre und dem „Coro degli Schiavi“ (Chor der Sklaven) aus Giuseppe Verdis „Nabucco“ (uraufgeführt 1842 an der Scala unter dem Titel „Nabucodonosor“). Daran knüpfte jetzt der Chefdirigent der Scala, Riccardo Chailly, an, als er anlässlich der bevorstehenden Premiere einer Neuproduktion von „Nabucco“ ein Lunchkonzert zu Ehren der „wiedergeborenen Scala“ dirigierte.
In der Ouvertüre dieses ersten erfolgreichen „dramma lirico“ des gar nicht mehr so jungen Verdi erklingt bereits die Melodie des berühmten Chors der gefangenen Hebräerinnen und Hebräer, der am Ende des dritten Teils in betörendem Unisono singen wird: „Va’, pensiero sull’ale dorate“ – „Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln“. Ein musikalischer Gedanke, der in einer ausweglos niedergedrückten Situation die Erinnerung an eine verlorene Heimat wachzuhalten versucht: „Del Giordano le rive saluta, / di Sïonne le torri atterrate. / O mia Patria, sì bella e perduta! / O membranza sì cara e fatal!“ — der beflügelte Gedanke möge die Ufer des Jordan und die zerstörten Türme Zions grüßen, „o teure und schlimme Erinnerung!“. Von so alttestamentlicher Wucht waren die Verse von Temistocle Soleras Libretto, dass Verdis kompositorische Phantasie eine einzigartige Inspiration empfing, die er in seinen Erinnerungen eindrucksvoll beschrieb.
Otto Nicolai lehnte den Auftrag ab
In Gespräch mit Chailly und dem Chordirigenten der Scala, Alberto Malazzi, erläuterte Alessandro Roccatagliati, Direktor des nationalen wissenschaftlichen Instituts für Verdi-Forschung in Parma, dass der berühmte Chor erst im Zuge einer „Verdi-Mythisierung“ im Nachhinein zu einem patriotischen Chor umgedeutet wurde. Eigentlich ist „Nabucco“ ein sakrales Drama. Der Klagegesang „Va’, pensiero“ in Fis-Dur mit den unisono und sottovoce singenden Stimmen der von Assyrern unterworfenen Hebräer geht von der hochemotionalen Situation her zurück auf die Klage Israels in Psalm 137: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.“ Erst im Verlauf der Kämpfe um Unabhängigkeit und Einheit Italiens wurde aus dem emotionalen Inhalt der „patria perduta“ der neue emotionale Inhalt eines noch zu findenden und zu einenden Heimatlandes.

Der deutsche Opernkomponist Otto Nicolai, um 1840 erfolgreich in Turin und Mailand, lehnte das „Nabucco“-Libretto als „wüst“ ab. Verdi hingegen musste nach dem großen Misserfolg seiner Opera buffa „Un giorno di regno“ erst einmal wieder Fuß fassen und griff zu. Roccatagliati spricht von einem „vero debutto“, einem echten und ersten Debüt Verdis, aus rein musikalisch-dramatischen Gründen der klanglichen Farben und der Gestaltungskraft. So bestand Verdi gegenüber dem Operndichter darauf, dass nach dem Chor „Va’, pensiero“ kein konventionelles Liebesduett folgen solle, sondern eine vollmächtige „Prophezeiung“ des hebräischen Oberpriesters Zaccaria, der das weinende Volk rhetorisch aufpeitscht. Entsprechend ist dieser dritte Teil der Oper mit „La Profezia“ überschrieben. Jedem der vier Teile geht zudem ein Motto aus den biblischen Büchern Jeremiae voran.

Dem Musikdramatiker Verdi ging es darum, dass ein Liebesduett nach dem emotionsgeladenen Chor an dieser Stelle die Handlung „erkalten“ lassen würde und ihr „etwas von der biblischen Größe nehmen würde, die das Drama charakterisiert“. So verfuhr er nach der Devise „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, wie der große Verdi-Kenner Massimo Mila schrieb. Der britische Musikwissenschaftler Roger Parker, Herausgeber der kritischen Ausgabe der Oper, hatte 1997 für Wirbel gesorgt, als er in der Zeitschrift „Studi Verdiani“ belegen konnte, dass das zeitgenössische Mailänder Publikum wohl den ganzen „Nabucodonosor“ akklamierte, jedoch nicht speziell den Chor „Va’, pensiero“. Bei einer Aufführung in Neapel 1848 bedauerte die Presse sogar, dass das altorientalische Sujet die „italienischen Traditionen“ vernachlässige.
Wie die Kulturhistorikerin Francesca Sofia herausgearbeitet hat, wurde Risorgimento-Literatur von jüdischen Befreiungstopoi befeuert; sie nennt patriotische Oden von Alessandro Manzoni und Goffredo Mameli, dem Textdichter der italienischen Nationalhymne. Dass Verdis „Va’, pensiero“ wiederholt als Hymne vorgeschlagen wurde, bis „Il canto degli italiani“ mit dem Anfangsvers „Fratelli d’Italia“, von Mameli 1847 gedichtet und von Michele Novaro im gleichen Jahr vertont, 2017 gesetzlich festgeschrieben wurde, spricht für die vielseitige und emotionsweckende Qualität der Musik Verdis. Ganz und gar als Zukunftsvision wird der Chor vom Energieunternehmen ENEL begriffen, das im italienischen Fernsehen mit einer gekürzten, aber original eingespielten Fassung sowie schönen Bildergeschichten überzeugend für Sonnenenergie wirbt.
