
Die Blockade der iranischen Häfen durch die USA macht Donald Trump nach eigenem Bekunden Hoffnung auf ein baldiges Einlenken der iranischen Führung: Der Iran könne erstens – wegen der Blockade der USA – nicht das Öl aus seinen Quellen mit Tankschiffen abtransportieren. Zweitens sei es unmöglich, an den Ölquellen einfach den Hahn abzudrehen, so der US-Präsident. Die Begründung lautete, dass eine Absperrung der Ölquellen im Untergrund Schäden anrichten würde, weshalb danach nie mehr die gesamten Ölvorkommen gefördert werden könnten, sondern vielleicht noch 60 Prozent. Trump soll auch gesagt haben, die Ölquellen könnten explodieren.
Die Konsequenz wäre nach Trumps Darstellung, dass dem Iran nicht mehr viel Zeit bliebe für das Management der Ölquellen. Denn die wenigen Lagermöglichkeiten seien inzwischen gefüllt. Damit bliebe dem Iran innerhalb der nächsten Tage nur die Wahl zwischen einem Deal mit den USA und dem Kollaps seiner Ölproduktion.
Trumps Darstellungen von Explosionen werden belächelt
Die Ankündigung von Explosionen wird von Fachleuten belächelt. Ansonsten findet man Trumps Theorie nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber dennoch wirkt sie an manchen Stellen fragwürdig. Die Ölkonzerne selbst, die auf dem Gebiet über umfangreiche Expertise verfügen, zeigten sich wortkarg. Von Chevron, Exxon Mobil, Shell und Eni kamen keine oder knappe einzeilige Antworten. Fest steht, dass derzeit weiter kaum Schiffe die Straße von Hormus passieren. Amerikanische Kriegsschiffe hatten vor mehreren Tagen einen iranischen Tanker mit einem Schuss in den Maschinenraum gestoppt.
Ist damit die Zukunft der iranischen Ölförderung gefährdet? Martin Pein, Experte der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, sieht einen technischen Grund in der Spekulation Trumps: „In der Tat trifft es zu, dass eine Erdölförderbohrung nicht einfach auf- und zugedreht werden sollte. Dabei kann es – und die Betonung liegt auf „kann“ – zu einem sogenannten Formation Damage kommen.“
Diese Schädigung der Öllagerstätten entsteht nach Beschreibung Peins gegenüber der F.A.Z. möglicherweise auf zweierlei Arten: Erstens geht es um Wasser in den Förderstätten, das entweder ganz natürlich unter den Ölvorkommen liegt oder in älteren Lagerstätten gezielt eingespritzt wird, um den Druck für den Austritt des Öls zu verbessern. Werde die Ölförderung unterbrochen, könne es zum Eintritt von Wasser direkt in die Lagerstätten und zu einer Vermischung kommen. Am Ende könne bei der Wiederaufnahme der Ölförderung der Wasseranteil am geförderten Flüssigkeitsgemisch größer sein, was den Rohölanteil verringere, eine Abscheidung nötig mache und die Förderkosten erhöhe.
Irans Förderanlagen durch den Krieg beschädigt
Zu den etwaigen Problemen eines abrupten Förderstopps gehöre zweitens die Möglichkeit, dass die schwersten Bestandteile von Erdöl, Wachse und Asphalte, aus dem Rohöl in der Lagerstätte ausfallen. Damit werde die künftige Fähigkeit zur Ölförderung der betreffenden Lagerstätte herabgesetzt. Insgesamt lautet die Schlussfolgerung von Pein: „Ein ungeplanter und andauernder Produktionsstopp kann negative Effekte auf die Lagerstätte haben.“
Normalerweise werde versucht, die Förderung auf geregelte Weise zu drosseln, um die negativen Effekte zu minimieren. Vieles hänge von den Eigenschaften der Lagerstätte ab. „Unbrauchbar werden die Lagerstätten wohl nicht, aber einige können geschädigt werden“, sagt Pein. Sicher sei, dass manche Förderanlagen im Iran ohnehin durch den Krieg beschädigt worden seien. Die Probleme auf der anderen Seite des Persischen Golfs, etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten, seien ganz ähnlich.
Iran hat womöglich mehr Lagerstätten für Öl als gedacht
Diskutiert wird die Frage auch im Center on Global Energy Policy der New Yorker Columbia University. Antoine Halff, Dozent, Energieanalyst in verschiedenen Positionen und nun Chefanalyst des Geoanalytik-Unternehmens Kayrros, befasst sich mit den Möglichkeiten des Iran für die Lagerung von Öl. Vor der Blockade der iranischen Öltransporte durch die USA vom 23. April an, habe der amerikanische Finanzminister Scott Bessent geschrieben, Irans Lager würden in wenigen Tagen voll sein, und dann müsse das Land zwangsweise die Ölförderung stoppen. Dagegen meint Halff, die Lager am Ölterminal der iranischen Insel Kharg stellten nur etwa ein Viertel der Kapazitäten dar. Iran habe seit 2016 und seit der Covid-Krise mit dem damaligen Absturz der Nachfrage seine Lagermöglichkeiten erweitert. Es gebe keine unmittelbare Gefahr für die Ölförderung und keine Notwendigkeit, die gesamte Ölproduktion sofort abzudrehen. Falls das gemacht werde, dann weniger aus Notwendigkeit, sondern als aktiv gewähltes Mittel.
Irans Ölbranche könne mit der amerikanischen Exportblockade eher zurechtkommen als die Gassparte, argumentiert Robin Mills, Experte für Öl und Gas am Persischen Golf und Chef des Beratungsunternehmens Qamar Energy. Vor dem Irankrieg habe die Ölproduktion des Landes bei 3,2 bis 3,3 Millionen Barrel am Tag (1 Barrel = 159 Liter) gelegen. Die iranischen Ölfelder seien nicht so empfindlich gegenüber Unterbrechungen der Förderung wie etwa die in Sibirien, die einfrieren könnten.
Lagerstätten am Persischen Golf sind einfacher zu handhaben
Zu Trumps Gedanken, dass bei Absperrung der Bohrlöcher das Rohöllager unter der Erde geschädigt wird, meint Fachmann Christof Rühl: „So etwas kann passieren, muss aber nicht. Das hängt von der Instandhaltung ab und von der Dauer der Absperrung. Eine Öffnung der Produktionsanlagen nach zwei Monaten ist etwas anderes als im anderen Extrem nach 20 Jahren.“ Rühl war früher Chefökonom bei BP, dann als globaler Verantwortlicher für Forschung bei der Abu Dhabi Investment Authority und arbeitet nun als Berater beim Energiespezialisten Crystol Energy.
Womöglich ist Trumps Problem mit dem Ölmarkt drängender
Der Iran habe schon im Iran-Irak-Krieg (1980 bis 1988) gelernt, mit schwankenden Liefermöglichkeiten umzugehen und die Produktion flexibel gehandhabt. „Falsch ist die Darstellung von Trump, dass womöglich schon in wenigen Tagen alle Öllager voll sind und dann unter der Erde alles Mögliche passiert und vielleicht sogar alles in die Luft fliegt. Nichts davon wird passieren. Dafür hat der Iran zu gute Techniker für Fragen der Ölförderung“, sagt Rühl. Zudem gebe es eine gewisse Flexibilität der Lagerhaltung. Bevor der Krieg begonnen habe und während der ersten Kriegstage sei alles getan worden, die Öllager erst einmal so weit wie möglich zu leeren. Daher gebe es nun Flexibilität.
Aus der Perspektive des Ölmarktexperten Rühl ist die doppelte Blockade der Straße von Hormus – durch den Iran und weiter außerhalb für iranische Schiffe durch die USA – nicht nur ein Problem von Ölförderländern, die nicht wüssten, wohin mit ihrem Öl. „Wahrscheinlich läuft eher Donald Trump die Zeit davon, mit mehr Problemen auf der Nachfrageseite als bei den Anbietern von Rohöl aus dem Persischen Golf.“ Trumps Drohungen mit neuen Bombenangriffen verraten womöglich auch seine Ungeduld.
Öl ist weniger wichtig für die Weltwirtschaft als vor 50 Jahren
Auch auf der Nachfrageseite ergebe es vorerst keinen Sinn, wegen der mangelnden Öllieferungen vom Persischen Golf die Lage zu dramatisieren, sagt Rühl. Die Bedeutung der Ölversorgung habe sich während der vergangenen 50 Jahre geändert. „Weltweit ist der Anteil von Rohöl am BIP seit den Siebzigerjahren um mehr als 60 Prozent gefallen, in den westlichen Industriestaaten der OECD sogar um fast 70 Prozent.“ Es gebe nun viel weniger Elektrizitätskraftwerke, die mit Öl betrieben würden, aber mehr Elektroautos. Nur wenn eine verringerte Versorgung mit Ölprodukten auf die wenigen Teile der Wirtschaft treffe, die immer noch allein auf Öl angewiesen seien, könne die Lage kritisch werden – wenn also das Öl für Schiffsmotoren oder Kerosin für Flugzeuge zu teuer werde. Oder wenn beides nicht mehr verfügbar sei. Dann könnten Transportketten und große Teile der Volkswirtschaften zum Erliegen kommen.
Zu wenig beachtet wird aus der Sicht des Ölmarktexperten Rühl, dass zwei Pipelines für den Öltransport aus Saudi-Arabien und aus den Emiraten existierten, mit denen die Straße von Hormus umgangen werden könne. Die saudische Pipeline ans Rote Meer könne etwa sieben Millionen Barrel am Tag transportieren, die Pipeline der Emirate an den Indischen Ozean etwa 900.000 Barrel. „Wenn man diese Transportmöglichkeiten berücksichtigt, verliert der Weltmarkt durch die Schließung der Straße von Hormus vielleicht 12 bis 15 Prozent der Rohöllieferungen, nicht 20“, sagt Rühl.
Er glaubt nicht, dass sich so schnell – wie auch von Trump erwartet – etwas an den Möglichkeiten des Öltransports am Persischen Golf ändern wird. Iraner, aber auch Chinesen könnten auf Zeit spielen und zeigten dies. „Mit der Zeit wird sich der Ist-Zustand zunehmend normalisieren – mit fallender Nachfrage, zunehmenden Öltransporten über Land sowie der Anpassung von Raffineriekapazitäten an die diversen Produktengpässe.“
