Im Friedwald Gelnhausen sitzt unter einem Holzkreuz ein lebensgroßes Skelett. Es trägt Zylinder und Fliege, um die Wirbelsäule ist ein Schal drapiert. Sein Arm ruht auf einem gerahmten Foto in Schwarz-Weiß: Eine kleine ältere Frau lächelt schelmisch über ihre Brille hinweg den Betrachter an. Hinter dem Skelett steht eine farbenfroh bemalte Urne: „Wir sehen uns wieder“, steht darauf in großen Druckbuchstaben.
„Zu ihren Lebzeiten hat die Dame ihr Skelett, je nach Stimmung, gerne angekleidet“, sagt Johannes Welbrink, während er auf seinem Handy konzentriert das Bild vom Traueraltar betrachtet und an die Fliege des Gerippes heranzoomt. Zwar hat der 59 Jahre alte Mann die Frau nie persönlich getroffen, trotzdem klingt es, als spreche er von einer alten Bekannten. Denn das ist Welbrinks Beruf: Als Trauerredner muss er Worte finden, um den Abschied von Menschen zu gestalten, die er – im Gegensatz zu seinem Publikum – nur von Fotos und aus Erzählungen kennt.
Die digitale Bildergalerie des Trauerredners ist voll von Aufnahmen rund um Urnen und Särge, die umgeben sind von Blumenarrangements, Kerzen und vor allem von Dingen, die an die Verstorbenen erinnern. Dingen, die ihnen etwas bedeutet haben. In diesem Fall sind das außer dem verkleideten Skelett auch ein Satz Spielkarten und eine Packung „Lord Extra“, nebst Feuerzeug, auf einem schlichten Glasaschenbecher.

Welbrink sitzt mit seiner Ehefrau Gudrun im „Trauerzentrum“, einem kleinen Anbau, der an das gemeinsame Wohnhaus in Limeshain im hessischen Wetteraukreis grenzt. Auf dem Tisch steht neben einem Kruzifix eine Schachtel Taschentücher, darauf sitzt ein kleiner Stoffbär – offenbar arg lädiert. Ein Arm liegt in der Schlinge, auf seinem Kopf klebt ein Pflaster.
Geschäftig wischt Johannes Welbrink durch seine Fotosammlung. An die Beisetzung im Gelnhäuser Friedwald erinnert er sich noch gut, denn das sei „schon einer der kurioseren Fälle“ gewesen. Auf einer Bank sieht man mehrere Flaschen und Gläser, im Hintergrund erkennt man den laubbedeckten Boden des Friedwalds. „Wissen Sie, was ein Hütchen ist?“, fragt der Trauerredner mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das sind vier Teile Cognac und ein Teil Cola.“ Das sei eines der Lieblingsgetränke der Verstorbenen gewesen, und zum Andenken habe es deshalb für jeden Anwesenden ein „Hütchen“ gegeben. Welbrink selbst trinkt keinen Alkohol. „Meine Frau muss dann immer ran.“ Die lächelt verlegen. „Mittlerweile bekomme ich es aber ganz gut hin, dass man nichts merkt.“
750 Euro für eine komplette Trauerfeier
Schon beim Übertreten der Türschwelle kommt man nicht umhin, zu bemerken, wie Welbrink zu seinem Beruf steht. Eine knallgelbe Fußmatte verkündet: „Freier Redner und Sprecher – Johannes Welbrink“. Seit sieben Jahren lebt der gebürtige Frankfurter ganz von seiner Arbeit als selbständiger Redner. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann studierte Welbrink Theologie und Management. Parallel zu seiner Karriere im Vertrieb sammelte er über mehrere Jahrzehnte Erfahrungen als Redner bei Veranstaltungen und bildete sich fort.
„Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Vollzeitjob nur zum Geldverdienen da ist, dass mir die Reden aber wirklich Freude machen“, erinnert sich Welbrink. Damit sei die Entscheidung aufzuhören getroffen gewesen. Heute spricht er gelegentlich auch auf Hochzeiten, hauptsächlich aber auf Beisetzungen. Viele seiner Klienten entscheiden sich gleich für „das Komplettpaket“. Dann plant Welbrink gemeinsam mit den Hinterbliebenen die gesamte Trauerfeier. Dazu zählt alles vom Ablauf der Zeremonie in der Trauerhalle und auf dem Friedhof über die Musikauswahl bis hin zu den Dekorationen. Das außergewöhnliche Arrangement im Gelnhäuser Friedwald hatte die Familie der Verstorbenen selbst geplant.
Zu den Beisetzungen bringt Welbrink meist seine eigene Soundanlage mit. Musiktrends gibt es auch im Bestattungswesen: Momentan seien vor allem die Songs „My Way“ und „Time To Say Goodbye“ sehr beliebt, sagt der Redner. Das Honorar, das Welbrink verlangt, liegt je nach Aufwand und Sonderwünschen zwischen 600 und 750 Euro für eine komplette Trauerfeier.
„Ich frage immer nach einem Foto“
Im „Trauerzentrum“ empfängt Welbrink nur einen kleinen Teil seiner Kundschaft. Die meisten besucht er zu Hause. Dort finden die Erstgespräche statt, bei denen er nicht nur den Hinterbliebenen, sondern auch den Verstorbenen begegnet, über die er seine Rede halten wird. Aber wie lernt man einen Menschen kennen, der nicht mehr am Leben ist? „Ich frage immer nach einem Foto“, sagt Welbrink. „Aber bitte nicht das vom Schwerbehindertenausweis.“

Besonders wichtig ist es, dass die Angehörigen im Gespräch Geschichten erzählen, die er in seiner Rede einarbeiten kann. Dabei müsse es auch nicht immer nur ernst und traurig zugehen, gerade lustige Anekdoten oder Details interessieren Welbrink, denn daran könnten sich die meisten Menschen am besten erinnern. „Ich schreibe immer ganz unleserlich auf meinem Stenoblock mit“, sagt der Trauerredner. „Und auf dem Heimweg im Auto plane ich die Rede dann schon vor.“
Zu Hause angekommen, arbeite er die Reden „in einer Sitzung“ am Computer aus, das könne auch mal sechs Stunden dauern. Oft sitzt Welbrink dann bis in die frühen Morgenstunden an seinem Schreibtisch.
„Viele Angehörige wundern sich, wie ich die Namen der Leute in meinem Redemanuskript schreibe“, sagt Welbrink. Denn der Trauerredner schreibt sie, wie er sie spricht. „Wenn einer englisch Michael heißt, dann schreibe ich auch ‚Meikel‘.“ Wenn er während der Rede einen Blick auf seine Blätter werfe, müsse er so nicht lange nachdenken.
Immer mehr Menschen lassen sich säkular bestatten. Seit Jahren geht der Trend weg von kirchlichen hin zu freien Trauerzeremonien. Im Jahr 2020 sank die Zahl der kirchlichen Bestattungen in Deutschland erstmals unter die 50-Prozent-Marke, im Jahr 2024 waren es nur noch 43 Prozent. Die Nachfrage nach freien Zeremonien wächst stetig. Da es sich nicht um eine geschützte Berufsbezeichnung handelt und viele freie Redner nebenberuflich tätig sind, lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, wie viele Trauerredner es mittlerweile in Deutschland gibt.
Was, wenn der Verstorbene ein schlechter Mensch war?
Einen Klienten abgelehnt hat Welbrink noch nie. Nur in zwei Fällen habe er zwar die Reden geschrieben, sie aber nicht selbst gehalten. „Das waren die für meine Eltern.“ Dafür habe ihm schlicht die nötige Distanz gefehlt.
Natürlich gebe es in seinem Beruf auch schwierige Situationen, sagt Welbrink; etwa wenn er mit Angehörigen spreche, die unter dem Verstorbenen gelitten hätten. „Manchmal erfährt man, dass jemand seiner Frau oder seinen Kindern Gewalt angetan hat“, berichtet er. In solchen Fällen sei es wie auch sonst immer sein Anspruch, den Hinterbliebenen den Abschied so gut wie möglich zu erleichtern und sie zu unterstützen – unabhängig von der Geschichte des Verstorbenen. In der Rede zeichne er das Bild der Person, die die Angehörigen gerne sehen wollten; ob dieses Bild den Verstorbenen so zeige, wie er zu Lebzeiten gewesen sei, das sei nebensächlich. Die Trauer der Angehörigen steht am Tag der Beisetzung im Fokus.
Auch für Kinder hat Welbrink schon Trauerfeiern abgehalten. Auf die Frage, ob ihm seine Arbeit schwerfalle, antwortet er: „Ich habe früher immer schon gesagt: Wenn ich irgendwann mal nichts mehr spüre, dann höre ich auf.“
Fast jedes Mal, wenn Johannes Welbrink bei einer Beisetzung spricht, begleitet ihn seine Frau. Sie und ihr Mann sind ein eingespieltes Team. Die gelernte Bankkauffrau übernimmt neben der Verwaltung der Finanzen und der Koordination auch praktische Aufgaben. Sie baut die Soundanlage nach den Trauerfeiern ab, leistet den Angehörigen bei Bedarf Beistand. „Ich habe öfter mit Witwen zu tun“, erzählt die Zweiundsiebzigjährige. „Die sind oft einfach dankbar, wenn sie auf der Beisetzung ihres Ehemanns eine Umarmung bekommen – so von Frau zu Frau.“ Außerdem sei Gudrun seine „beste und schärfste Kritikerin“, sagt Johannes Welbrink. Auch wenn „mir das manchmal nur sehr bedingt passt“.
Auch abseits des Arbeitsalltags beschäftigen sich die Eheleute mit Themen rund um den Tod. Davon zeugt auch ein besonderes Mitbringsel von der Bestattermesse. Auf einem Schrank im Trauerzentrum steht – ganz dekorativ – eine Schmuckurne, auf die in Handarbeit ein Waldmotiv gemalt ist. „Die wollte ich einfach haben“, sagt der Trauerredner achselzuckend. Auch eine Aschenkapsel mit passender Tragetasche hält er zur Ansicht im Trauerzentrum bereit. „Keine Clutch, aber tut, was sie soll“, bemerkt Welbrink trocken mit Blick auf die schwarze Tasche aus Funktionsstoff.
Selbst im Urlaub ist das Ehepaar auf Friedhöfen unterwegs. „Wenn wir irgendwo hinfahren, schauen wir erst mal nach, ob auf dem nächsten Friedhof ein Prominenter liegt, und das Grab gehen wir dann besuchen“, erzählt Welbrink. Beweisfotos für ihren Blog machen die beiden dann auch.
Zu manchen Zeiten wird weniger gestorben
Wirklich entspannen könne ihr Mann aber nie, sagt Gudrun Gimplinger-Welbrink, weil er immer an die Arbeit denke. „Er sagt: ‚Der Tod ist nicht planbar.‘“ Gewisse Faustregeln gibt es aber durchaus. „Vor Weihnachten wird zum Beispiel weniger gestorben“, konstatiert sie. Im neuen Jahr stiegen die Zahlen dann wieder an. Viele Menschen setzten sich auch private Meilensteine zum Weiterleben, etwa die Hochzeit der Enkelin oder eine Einschulung. „Und ein paar Wochen nach dem Ereignis sterben sie dann tatsächlich“, sagt sie schlicht. Aber auch auf Basis der Wettervorhersage kann das Ehepaar mittlerweile in etwa einschätzen, ob in nächster Zeit viel Arbeit ansteht. „Wenn das Wetter umschlägt, heißt das oft, dass mit etwas Zeitversetzung viele Anfragen kommen.“ An manchen Tagen hält Welbrink dann gleich mehrere Trauerfeiern hintereinander ab.
Johannes Welbrink ist Perfektionist: Seine Maßgabe lautet „Zero Defects“, also: keine Fehler. „Es mag sicher schon mal passiert sein, dass beim Tragen des Sargs ein Griff abgerissen ist“, sagt er bestimmt. „Aber bitte nicht auf unserer Trauerfeier.“ Sicherheitshalber geht er den Weg zwischen Trauerhalle und Grab vor der Zeremonie ab, prüft die Strecke auf Unebenheiten und mögliche Hindernisse. Dass eine seiner Trauerfeiern nicht nach Plan verlaufen sei, meint Welbrink, habe es bisher noch nicht gegeben.
„Jeder Mensch ist der Rede wert“, ist Welbrinks Devise. Siebzehnmal hat der Trauerredner aber auch schon an den Gräbern von Tieren gesprochen. „Ein ganz besonderer Fall war da wahrscheinlich die Eule Tristan“, erinnert er sich. Ein Nachbar hatte den Vogel 16 Jahre lang gehalten. „Das war sein Baby.“ Nach Tristans Tod ließ sich der Besitzer beim Schreiner einen passgenauen Sarg anfertigen. „Dann haben wir mit 15 Leuten in seinem Garten die Beerdigung gefeiert, ich habe die Rede gehalten, und vor dem Trauerkaffee lief ‚Großer Gott, wir loben dich‘.“
Zwar ist der Tod nicht planbar, aber vieles darum herum schon: 45 Bestattungsverfügungen liegen in Welbrinks Schrankwand im Trauerzentrum. „Wenn jemand klare Vorstellungen und Wünsche für seine Trauerfeier hat, dann kann er mit mir einen Termin ausmachen, und wir klären alles im Vorhinein ab“, sagt Welbrink. Dann wird festgelegt, wer kommen darf, welche Musik gespielt werden soll. Und natürlich auch, was in der Trauerrede zu sagen ist. Eine solche Verfügung könne enorm entlastend sein, sowohl für den Verfügenden als auch für die Angehörigen, die im Todesfall nicht noch zusätzlich die Planung übernehmen müssten.
„Ich gebe mein Bestes, damit auch wirklich alles eingehalten wird.“ Letztlich seien die Trauerfeiern dann aber doch mehr eine Abschiedszeremonie für die Hinterbliebenen. „Eigentlich sprechen wir auch nicht von Trauerfeiern“, merkt Gudrun Gimplinger-Welbrink an. „Eine Trauerfeier ist die letzte Lebensfeier eines Menschen.“ Genauso unterschiedlich wie die Menschen, derer Leben gedacht wird, so unterschiedlich sind auch die Feiern. Manchmal heißt das, dass statt der klassischen Blumenarrangements ein Plastikskelett den Traueraltar schmückt.
Auch Welbrink selbst hat eine Bestattungsverfügung ausgefüllt. Eine Liederauswahl für seine eigene Trauerfeier hat er schon getroffen. Die Playlist mit dem Titel „Akte Johannes“ ist auf seinem Smartphone abgespeichert. Das letzte Stück, das während Welbrinks Beisetzung gespielt werden wird, ist das Lied „Diamante“ des italienischen Sängers Zucchero.
