Tschernobyl bleibt unfassbar. Welche Wissenschaft ist dieser Katastrophe angemessen? Atomphysik? Naturkunde? Anthropologie? Wie soll man sich erklären, dass das ukrainische Wort „Tschernobyl“ Wermut bedeutet und der Fall des Sterns Wermut bereits in der Apokalypse prophezeit wurde?
Wenn ich über Tschernobyl nachdenke, sind meine Gedanken zersplittert, als wären auch sie Teil einer außer Kontrolle geratenen Kettenreaktion. Tschernobyls Geschichte ist in Millionen Partikel von Menschenschicksalen zersprengt. Diese Katastrophe mag heute als Feld der Archäologie erscheinen, überlagert und zugeschüttet durch den Krieg in der Ukraine, ist sie jedoch nur noch aktiver und bedrohlicher geworden. Im Frühling 2022 war das Atomkraftwerk Tschernobyl mehrere Wochen von russischen Truppen besetzt, die dort wie Neandertaler herumirrten. Nun terrorisiert Russland die Ukraine (und die Welt) unaufhörlich mit dem besetzten Atomkraftwerk Saporischschja.
Vor Kurzem hat mich die Erinnerung eingeholt
40 Jahre sind vergangen. Ich vergesse Tschernobyl oft und gerne, besonders jetzt, wenn man keine Speicher mehr für Tragödien hat. Wie soll man diese Katastrophe, die nicht vergeht, wahrnehmen, vor dem Hintergrund des Krieges, der nicht enden will? Vor Kurzem hat mich die Erinnerung eingeholt. Ich habe einen jungen, aus Belarus stammenden Star-Musiker kennengelernt. Ein schönes, berührendes Treffen. Zufällig habe ich erfahren, dass seine Frau an Krebs erkrankt ist.

Mir lief ein Schauder über den Rücken. Durch alle politischen Dramen des von Lukaschenkos Diktatur unterdrückten Landes sickerte das Vergessene: die nachgeborene Tschernobyl-Generation, enorme Krebsstatistiken, Kinder der Menschen, die damals der nuklearen Gefahr ausgeliefert waren. Es war plötzlich alles da: auch der unheimliche Begriff „Tschernobyl-Herz“.
Ich habe meine eigene kleine Tschernobyl-Geschichte am Rande des Geschehens mehrmals aufgeschrieben: wie der Staat schwieg und die Menschen sich mit Gerüchten und Witzen behalfen, von ungewöhnlich warmen Tagen in Kiew, die man im Freien verbrachte, von der 1.-Mai-Demo. Meine Heimatstadt bereitete sich auf die Tour de France der sozialistischen Länder am 6. Mai vor. Kein Wort über die Katastrophe. Viel später brach die Panik aus, die Eltern „warfen“ ihre Kinder in die Züge. Wochen „danach“ wurde auch meine Schule aus Kiew „evakuiert“. Im Sommer 1986 waren keine Kinder in der Drei-Millionen-Stadt zu sehen.
Ich denke an meinen toten „Zwilling“
Ich messe mein Alter an Prypjat, der Satellitenstadt von Tschernobyl, wo Mitarbeiter des Kraftwerks lebten. Sie wurde am 2. Februar 1970 gegründet, wenige Stunden vor meiner Geburt. Ich denke an meinen toten „Zwilling“. An Milch, an Pilze und Beeren, an die schöne Natur, an die unsichtbare Gefahr, die von überall kommen konnte. Die „strahlende Zukunft“ mit dem friedlichen Atom ist zur Bestrahlung von Millionen Menschen geworden.
Es war das Ende des Imperiums, in dem das Leben nichts kostete. In den Tschernobyl-Tagen wurde das klar wie nie. Der Staat schwieg, deswegen agierten Menschen: Es war ein unglaublicher Ausbruch der Menschlichkeit und Selbstbestimmung – Vorposten von Perestroika.

Freunde aus Moskau und Leningrad riefen uns an, sie hörten BBC oder Voice of America und wussten Bescheid, dass man Kiew (90 km Luftlinie von Tschernobyl) verlassen musste. Auch mein Onkel, der die nuklearen sowjetischen U-Boote nicht weit von Moskau konstruierte und mit meinem „dissidentischen“ Vater jahrzehntelang aus politischen Gründen nicht sprach, rief uns an und bot Aufenthalt an. Einen Arzt werde ich nie vergessen. Er war ein Hämatologe in einem berühmten Kiewer Kinderkrankenhaus, Ochmatdyt.
Wie viele Menschen hatte er gewarnt?
Er holte Krankenakten seiner Patienten hervor (meistens von an Leukämie Erkrankten) und rief deren Eltern an, um ihnen zu erklären, was gerade in Tschernobyl passierte. Ich war in seinem Klinikum vier Jahre vor der Katastrophe. Er rief auch uns an. Wie viele Menschen hatte er gewarnt? Er hieß Doktor Babeschko. Jetzt findet man ihn nicht einmal mehr im Internet. Ich möchte nicht, dass er vergessen wird. Auch nicht, dass genau diese Abteilung, die Hämatologie, im Sommer 2024 von einer russischen Rakete getroffen wurde.
Ich denke an erzwungene Abtreibungen von 1986, an Liquidatoren, die fast ungeschützt den radioaktiven Graphit entfernen sollten, an 800.000 Soldaten, die in Tschernobyl kaum ausgerüstet gegen Radioaktivität eingesetzt wurden. Wo sind sie jetzt, 40 Jahre danach? Ich denke an Hunderttausende Umgesiedelte, an verlassene und begrabene Dörfer. Ich denke an alle, die krank geworden sind, an Gestorbene und an ein Monument in Prypjat mit der Inschrift: „1970 – 26 April 1986. Prypjat, verzeih uns Lebenden“.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ich denke an die wenigen Babuschkas in der Zone, an ein Experiment mit Przewalski-Pferden, die in der Zone angesiedelt wurden. Ihr historisches Alter gleicht der Halbwertzeit von Plutonium: etwa 30.000 Jahre. Prometheus wurde auch für 30.000 Jahre an den Felsen gefesselt, dafür, dass er den Menschen Feuer brachte. Sein Monument war ein wichtiges Symbol von Prypjat. Die Stadt ist zum Jurassic Park der Sowjetunion geworden.
Ich denke an das erschütternde Buch „Tschernobyl. Ein Gebet“ von Svetlana Aleksijewitsch und auch an einen Freund, der vor dem Krieg sein Geld mit der Entwicklung des an Tschernobyl angelehnten Computerspiels „S.T.A.L.K.E.R“ verdiente und jetzt an der Front ist. An die Menschen in Deutschland, die der Ukraine zum Überleben helfen – durch die Kanäle, die damals als Tschernobyl-Hilfe entstanden sind.
