Wenn das mal kein Versprechen ist. Vielleicht sogar die letzte Chance auf ein solides künstlerisches Coming-out. Und mithin die einmalige Gelegenheit für jeden Hobbymaler, es den Damen und Herren Künstlern mit den eigenen Aquarellen aus dem Sommerurlaub in Italien endlich mal zu zeigen: „Das, was ihr könnt, kann ich auch.“ „You bring it, we hang it“, hat das Frankfurter Künstlerinnenkollektiv héroine seinen etwas anderen Saisonstart im Nordend überschrieben, und wer das Ergebnis seiner eigenen künstlerischen Leidenschaft bis zum 3. September einreicht, hat die Chance, bei der Eröffnung am 4. September mit dabei zu sein.
Das ist als Konzept zunächst natürlich vor allem selbst Kunst. Doch so erfrischend, so unprätentiös und komisch wie im Nordend ist der gemeinsame Saisonstart der Frankfurter Galerien nicht eben oft. Der Kunst sollen Foodtrucks und Aperol Sprizz helfen, wie sie in den vergangenen Jahren schon mal an die Stelle von Wein und Salzbrezeln anlässlich der geballten Ausstellungseröffnungen getreten sind, ein neues Label wie „The Frankfurt Art Experience“ oder jetzt die drei „kuratierten Open-air-Konzerte“, die erstmals den Eröffnungsabend zum Start in den Kunstherbst im Westend, in der Petersstraße und der Fahrgasse begleiten. Doch Kunst, so mochte es dem Besucher nicht nur zahlreicher Museen, sondern auch so mancher gähnend leeren Galerie in diesem Sommer scheinen, Kunst ist offenbar zurzeit nicht wirklich sexy.
Dabei, so zeigt nicht nur die Ausstellung bei héroine, bleiben nicht wirklich viele Wünsche offen zu Beginn des Kunstherbstes. Wenn etwa die Galerie Hübner + Hübner unter dem Titel „Malum. Veritas“ eine Gruppenschau zum Thema Apfelweinkultur eingerichtet hat. Oder im Kunstraum Saasfee Anna Oppermanns „Das Blaue vom Himmel“ tatsächlich ein einziges Versprechen ist. War die 1993 verstorbene Künstlerin mit ihren raumsprengenden „Ensembles“ doch ihrer Zeit weit voraus. Vor drei Jahren mit einer großen Retrospektive in der Bundeskunsthalle geehrt, lässt sich das Werk der zweimaligen Documenta-Teilnehmerin nun endlich auch in Frankfurt wiederentdecken.

Überhaupt sind es in diesem Jahr immer wieder die freien Räume, die mit ihren Ausstellungen so kunstvolle wie unterhaltsame Akzente setzen, ob bei héroine, bei H8H oder bei mayer 49, wo unter dem Titel FFM Projektionen Arbeiten von Frankfurter Künstlern wie Nicole van den Plas, Gerald Domenig, Alfred 23 Harth oder Peter McClennan zu sehen sind. Langweilig also wird es auch dem geübten Kunstbetrachter kaum werden, wenn am traditionellen Vernissagenabend des 4. September die Galerien nach dem langen Sommer wieder ihre Türen öffnen. Hat sich der Trubel am nächsten Morgen dann ein klein wenig gelegt, kann man sich das Wochenende über vom Zufall oder den jeweiligen Vorlieben folgend treiben lassen, sich seinen eigenen Rundgang konzipieren oder aber sich dem einen oder anderen von den Organisatoren angebotenen Art Walks anschließen.

Geführte Rundgänge, die einen etwa auf den Spuren aktueller Malerei zum Familientreffen dreier Generationen zu Mühlfeld + Stohrer führen. Oder zu Jacky Strenz, wo Sophie Esslinger ein vielversprechendes Debüt als neue Galeriekünstlerin gibt, und endlich in die Ausstellungshalle nach Sachsenhausen, wo Wolfram Sachs wieder einmal den Beweis antritt, dass die Pleinair-Malerei auch nach Konzept und Bad Painting und mehr und mehr auch der KI noch immer eine Zukunft hat. Und: eine allemal aufregende Gegenwart. Und doch sind es diesem Jahr die fotokünstlerischen Positionen, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen.
Ob die PanGallery, die mit Lothar Wolleh einen vornehmlich für seine Künstlerporträts bekannten Fotografen in neuem Licht zu zeigen verspricht, die Galerie Hoffmann, die das dokumentarisch grundierte Schaffen Abisag Tüllmanns in einer durchaus eigenwilligen Gegenüberstellung mit dem Werk Anton Stankowskis konfrontiert, oder die Galerie Peter Sillem, die unter dem schlichten Titel „Selbst“ den Galeriekünstler Frank Mädler mit einer vielschichtigen, erstmals auch die Keramiken und eine Auswahl seiner Polaroids berücksichtigenden Ausstellung vorstellt: Die Bandbreite der fotokünstlerischen Positionen ist bei diesem 32. Saisonstart größer denn je. Und führt am Ende doch wieder zur Malerei zurück.

Denn es ist sicher richtig, dass das fotokünstlerische Schaffen Günther Förgs ein ganz eigenes Werk von durchaus eigenem Gewicht in seinem vor allem malerischen Lebenswerk darstellt. Und es ist alles andere als ein Zufall, wenn sich der 2013 verstorbene Künstler mit seiner Kleinbildkamera vom Haus Lange über den gleichfalls von Mies van der Rohe errichteten Barcelona Pavillon und das Haus Wittgenstein bis zum Poelzig-Bau und zur Bauhaus-Architektur in Tel Aviv und Jerusalem ausschließlich auf Ikonen der Architektur fokussiert. Und mithin auf das trotzige Versprechen der Moderne in prekären Zeiten.
Dass es ihm darüber hinaus immer auch um Malerei geht, daran lassen die vier gewaltigen, 1985 entstandenen Aufnahmen des Hauses Lange, die im Zentrum der Ausstellung bei Bärbel Grässlin stehen, keinen Zweifel. Das zeigt nicht nur das Motiv des Fensters, dem von nun an auch in seiner Malerei eine herausragende Bedeutung zukommt. Die hier zum Ausdruck kommende Beschäftigung mit dem Raum und der Architektur ist es auch, die Förg bald zu seinen gewaltigen Wandmalereien führen wird, wie er sie etwa im Frankfurter Museum für Moderne Kunst realisiert hat. Vier Bilder bloß, in den himmelhohen Räumen der Galerie. Und das lässt keine Wünsche offen.
