Deutsche Forscher sind von der Wirtschaft zu weit weg – diese Erkenntnis ging der Gründung der TransMIT Gesellschaft für Technologietransfer voraus. 30 Jahre liegt das Ereignis zurück. Mittlerweile lässt sich in Hessen nicht mehr so leicht darüber klagen, dass Forscher viel Steuergeld verbrauchen und sich kaum für die wirtschaftlichen Folgen ihrer Arbeit interessieren. Das liegt auch und gerade an der von drei regionalen Hochschulen, Kreditinstituten und der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg ins Leben gerufenen TransMIT GmbH.
Im Laufe der Zeit hat sie immer mehr Professoren für sogenannte TransMIT-Zentren gewonnen. In diesen 185 Einheiten bieten die Wissenschaftler sowohl Unternehmen als auch öffentlichen Einrichtungen ihr Wissen und Können an. Diese Spanne reicht von Abfallmanagement und Architektur über Materialforschung und Hämotherapie bis hin zu IP-basierter Kommunikation, Quantencomputing und Schallschutz bei Veranstaltungen. Ein weiterer Zweck sei, junge Wissenschaftler und ihre Entwicklungen zumindest eine Zeitlang im Raum zwischen Friedberg und Marburg, Gießen und Wetzlar zu binden.
„Hessen will mehr Start-ups – wir sind ein Prä-Inkubator“
Das habe auch geklappt: Rund 1700 Forscher haben diese Zentren in den vergangenen drei Jahrzehnten durchlaufen. Auf diese Weise habe die TransMIT viel Wissen in Mittelhessen halten können. „Die wären ohne uns sicher nicht alle in der Region geblieben“, sagt er. Derzeit seien 140 der alles in allem 170 Beschäftigten der TransMIT in den Zentren und in Projekten tätig. Vor fünf Jahren zählte die Gesellschaft noch 160 Mitarbeiter.
Zudem sind aus diesen Zentren im Laufe der Zeit zwölf als GmbH organisierte Betriebe hervorgegangen, wie Geschäftsführer Peter Stumpf berichtet. „Hessen will mehr Start-ups – dazu können wir viel beitragen“, hebt der promovierte Physiker hervor, der sich seit 2008 auch European Patent Attorney nennen darf. Das fügt sich. Kümmert sich die TransMIT doch auch um die Verwertung von Patenten aus einer Reihe von Hochschulen nicht nur in Mittelhessen. Auf diesem Feld war die in Gießen ansässige Gesellschaft zweimal die Nummer eins hierzulande in einem Ranking. Das Spektrum der Patente reicht von neuen Wirkstoffkandidaten über neue Materialien bis hin etwa zu Elektromotoren.
TransMIT: EU befürwortet europäische Innovationsnetzwerke
Mit 30 Jahren Erfahrungen in der Gesellschaft im Rücken denkt Stumpf nun deutlich über Hessen hinaus. „Wir wollen in Zukunft europäisch werden“, sagt Stumpf. Er arbeitet seit 1998 für die TransMIT und führt seit 2002 ihre Geschäfte. Er kann sich ein Innovationsnetzwerk vorstellen, zumal die Europäische Union solche Zusammenschlüsse befürworte. Nach eigenen Angaben hat er deshalb bereits mit der Universität Oxford gesprochen, die eine auf Innovationen spezialisierte Tochtergesellschaft unterhält. „Die finden die Idee gut.“
Auch in Frankreich sieht er mögliche Ansprechpartner. Dort sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Gesellschaften entstanden, die den Technologietransfer aus Hochschulen fördern. Die massive Kritik des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (2007 bis 2012) ging der Gründung voraus: Er bemängelte, dass Frankreichs Hochschulen zu wenige Innovationen hervorbrächten und dies dem nationalen Arbeitsmarkt schade. Mit Hochschulen etwa in Polen will Stumpf ebenfalls sprechen.

Dessen ungeachtet könnte die TransMIT in absehbarer Zeit in Mittelhessen eine weitere Aufgabe übernehmen. Aus der Belegschaft der CSL Innovation in Marburg, die von der schrittweisen Schließung ihres Unternehmens betroffenen ist, ist sie angesprochen worden, ob sie das Gebäude nicht als Start-up-Zentrum betreiben wolle, sagt Stumpf. Wie in der Vergangenheit auch solle es dort um neue Entwicklungen aus dem weiten Feld der Lebenswissenschaften gehen. Wann eine Entscheidung darüber fällt, ist allerdings noch offen. Immerhin habe die TransMIT wohlwollende Signale aus der Philipps-Universität und der Stadtverwaltung erhalten.
Auch die Technische Hochschule Mittelhessen denkt – wie die Justus-Liebig-Universität Gießen – über die eigene Hochschule hinaus: Die TransMIT markiere den Beginn der Zusammenarbeit der drei mittelhessischen Hochschulen, die jüngst zur Exzellenzinitiative der beiden Universitäten über den Forschungscampus Mittelhessen geführt habe, bei der die THM assoziierter Partner sei. Die TransMIT sei eine der ältesten Transfergesellschaften überhaupt.
Noch ist offen, ob die TransMIT mit ihren angegliederten Zentren in ihrer jetzigen Form fortbesteht. Aus Marburg heißt es, die Gründung habe 1996 für die mittelhessischen Hochschulen ein neues Kapitel eröffnet. Die Gesellschaft habe die Universität Marburg maßgeblich bei der Entwicklung des Wissenstransfers unterstützt. In den vergangenen Jahren habe sich der Transfer rasant weiterentwickelt.
Damit die Erfolgsgeschichte der TransMIT weitergeschrieben werde, laufe ein Prüfprozess, um die Gesellschaft für die nächsten Jahre als Teil eines schlagkräftigen mittelhessischen Innovations- und Transferökosystems optimal aufzustellen. Die Universität Gießen verweist mit einer ähnlichen Begründung ebenfalls auf die laufende Prüfung. Dem Vernehmen nach geht es dabei auch um die Frage, wie Umsätze der TransMIT den drei Partnerhochschulen zuzurechnen sein könnten.
