Dem Architekten der Mathildenhöhe in Darmstadt hat es an Selbstbewusstsein nicht gefehlt. „Eine Stadt müssen wir bauen, eine ganze Stadt!“: Damit umschrieb Joseph Maria Olbrich, Architekt der Bauten auf dem Hügel östlich der Innenstadt, was er sich für Darmstadt vorgenommen hatte. Seine neue Stadt sollte sich nach neuen Ideen richten, der Lebensreformbewegung und der Vereinigung von Kunst und Handwerk. Mit seinen Entwürfen setzte sich der Gestalter vom Historismus des 19. Jahrhunderts ab und schuf ein Ensemble der frühen Moderne.
Keimzelle der neuen Stadt Olbrichs wurde das Ateliergebäude, das er für die Künstlerkolonie schuf, zu dessen Hauptfigur er aufstieg. Das heute Ernst-Ludwig-Haus genannte Gebäude macht an seiner Südfassade den Übergang vom ornamentreichen Stil des 19. Jahrhunderts zum sachlichen 20. Jahrhundert augenfällig. Das in der Mitte gelegene Portal mit einem Omegabogen ist reich verziert und wird von den beiden überlebensgroßen Skulpturen „Kraft“ und „Schönheit“ des Darmstädter Bildhauers Ludwig Habich flankiert. Die glatte, weiße Wand wird von einem Pultdach überragt.

Gebaut wurde das Ateliergebäude für die Bauausstellung im Jahr 1901, die erste von vier Ausstellungen bis 1914, für die nach und nach das Ensemble auf der Mathildenhöhe entstand. Zusammen mit dem Ernst-Ludwig-Haus wurden damals Villen am Südhang der Mathildenhöhe präsentiert, die Mitglieder der Künstlerkolonie als Wohnhäuser für sich selbst oder ihre Kollegen entworfen hatten. Heute ist im Ateliergebäude das Museum Künstlerkolonie eingerichtet, in dem Möbel und Gebrauchsgegenstände aus der Zeit des Jugendstils gezeigt werden.
Künstlervillen können besichtigt werden
Die Stadt feiert das Jubiläum, den 125. Jahrestag der ersten Bauausstellung, am Wochenende mit einem „Welterbefest“. Am Samstag, 6. Juni, sind von 11 Uhr bis Mitternacht das Museum Künstlerkolonie, das Ausstellungsgebäude von 1908 und drei Künstlervillen, das Große Haus Glückert, das Haus Deiters und das Haus Olbrich, geöffnet. Der Hochzeitsturm kann von 15.30 Uhr an besichtigt werden. Um 18 Uhr wird im Ausstellungsgebäude die Schau „A Step Ahead“ eröffnet, die anhand von Designentwicklungen darauf aufmerksam machen soll, wie aktuell die Ansätze der Künstlerkolonie bis heute geblieben sind.

Am Abend beginnt dann die Illumination der Mathildenhöhe mit Lampions, Teelichtern und angeleuchteten Gebäuden. Am Sonntag öffnen die Ausstellungen und der Hochzeitsturm von 11 bis 18 Uhr. „Welterbefest“ heißt die Veranstaltung, weil die UNESCO der Mathildenhöhe 2021 den Status als Weltkulturerbe der Menschheit zugebilligt hat.
Initiator und Förderer der Künstlerkolonie und der Bauausstellungen war der 1868 geborene Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein. Der Regent des Staates Hessen-Darmstadt, ein Enkel der britischen Königin Victoria, hatte in England die Arts-and-Crafts-Bewegung kennengelernt und war der Kunst zugetan. Den erfolgreichen Wiener Architekten Olbrich holte er nach Darmstadt, weil der Monarch mit dem avantgardistischen Stil der Zeit das Renommee seiner Residenzstadt verbessern wollte. Der Großherzog verfolgte damit auch handfeste wirtschaftliche Interessen: Mit den Bauausstellungen wollte er Handel und Handwerk in seinem Staat anregen.

Für die Bauausstellungen im Jahr 1908 entwarf Olbrich das asymmetrisch angelegte Ausstellungsgebäude, das 2024 nach einer jahrelangen Sanierung für mehr als 30 Millionen Euro wieder eröffnet worden ist. Ebenfalls von Olbrich stammt der Entwurf für den im Jahr 1908 fertiggestellten, 48 Meter hohen Hochzeitsturm, der mit seiner Klinkerfassade und den über Eck verlaufenden Fensterbändern stilistisch auf den Backsteinexpressionismus der Zwanzigerjahre verweist.
Warum der Begriff „Darmstädter Jugendstil“ irreführend ist
Um die Besonderheiten des Ensembles zu erläutern, will die Stadt ein Besucherzentrum auf dem Osthang der Mathildenhöhe bauen. Darin wird eine Ausstellung die Bauten stilistisch einordnen. Dabei wird nach Angaben der Stadt auch dargestellt, dass die Bezeichnung „Darmstädter Jugendstil“, die sich als Umschreibung für die Mathildenhöhe durchgesetzt hat, eigentlich irreführend ist, weil die Gestaltung der Bauten nicht einer einheitlichen Stilrichtung folgt. Vielmehr sehen die Fachleute die Mathildenhöhe als Stätte nicht nur des Jugendstils, sondern der Frühmoderne, die in dieser Form entstanden ist, weil der Großherzog den Mitgliedern der Künstlerkolonie eine große künstlerische Freiheit ließ.

Als Besucherzentrum geplant ist ein Glaspavillon mit drei Ebenen auf einer Grundfläche von etwa 20 mal 20 Metern, der mehr als 20 Millionen Euro kosten wird. Im Erdgeschoss sind ein Café und die Empfangstheke vorgesehen, während der erste Stock die Ausstellung über die Mathildenhöhe aufnehmen soll. Der zweite Stock ist für Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche vorgesehen.
Doch um diese Ergänzung des Welterbe-Ensembles gibt es in Darmstadt einen erbitterten Streit. Kritiker wollen das Vorhaben nicht akzeptieren, obwohl es mit breiter Mehrheit im Stadtparlament demokratisch beschlossen worden ist. Den Gegnern ist ein Dorn im Auge, dass für den Neubau ein provisorischer Holzbau weichen musste, der 2014 auf dem verwilderten Osthang neben dem Olbrichweg errichtet worden war. Diese „Main Hall“ hatte sich als Veranstaltungsort für Alternativkultur etabliert.
Allerdings war von Anfang an nur eine Interimsnutzung bis zum Bau des Besucherzentrums vorgesehen. Die Stadtverwaltung hat ein Grundstück im Westen des Stadtgebiets angeboten, auf dem die „Main Hall“ wiederaufgebaut werden kann. Dennoch geben die Kritiker keine Ruhe und haben für den Samstag des Welterbewochenendes eine Protestveranstaltung von 16 bis 22 Uhr am Olbrichweg angekündigt. So haben die Besucher des Festes eine Wahl zwischen verschiedenen Sichtweisen auf die Welterbestätte.
