Fährt man in Frankfurt auf der Wittelsbacherallee nach Norden, ändert sich der Charakter der Straße. Die gründerzeitlichen Häuser mit ihren Sandsteinornamenten werden jenseits der Saalburgallee abgelöst von nüchternen, weiß gestrichenen Bauten aus den Zwanzigerjahren. Am Ende der Allee steht die monumentale Heilig-Kreuz-Kirche, die das Zentrum der Siedlung Bornheimer Hang markiert.
Mit rund 1500 Wohnungen ist die westlich der Eissporthalle gelegene Siedlung die größte, die in der Ära des Stadtbaurats Ernst May vor rund 100 Jahren entstanden ist. Es sei ein Projekt gewesen, mit dem die Demokratie habe gestärkt werden sollen, sagt Kay-Hermann Hörster, der sich als Projektleiter der regionalen Route der Industriekultur mit dem Bauen der Zwanzigerjahre befasst. „Das Gemeinschaftliche wurde neu gedacht.“

„Wir haben festgestellt, dass es heute nicht mehr so viel soziale Gemeinschaft gibt wie ursprünglich“, sagt Ute Streit. Sie engagiert sich in einer Nachbarschaftsinitiative, die sich aus Anlass des Lampionfestes gegründet hat, mit dem die Stadt an die Tradition der Nachbarschaftstreffen in den frühen Jahren der Siedlungen anknüpft. Zum Fest am Samstag haben die Anwohner unter den Bäumen in der Nähe des nach Ernst May benannten Platzes eine kleine Ausstellung aufgebaut. Sie wollten herausfinden, was von den ursprünglichen Ideen geblieben ist, und haben mit Nachbarn über Stärken und Schwächen der Siedlung gesprochen.
Viele wohnen schon seit Jahrzehnten in den Häusern zwischen Wittelsbacher- und Kettelerallee, schätzen die gute Nachbarschaft und die kurzen Wege zum Zentrum Bornheims. In der kleinen Ausstellung sind aber auch Defizite dokumentiert: Die kleinen Läden am Ernst-May-Platz seien verschwunden, es fehlten Treffpunkte und ein Café, der öffentliche Raum werde unzureichend genutzt. Ein öffentliches Obst- und Gemüsebeet, das Anwohner dort angelegt haben, ist nur schwer zu bewirtschaften, weil kein Wasser verfügbar ist. Manche Bewohner der Siedlung wünschen sich einen Flohmarkt auf der Allee; andere würden gerne auf den Grünflächen zelten – oder einfach die Bänke so aufstellen, dass mehr als zwei Personen miteinander reden können.
Sorge um die Zukunft der Heilig-Kreuz-Kirche
Immer wieder kommt auf dem Lampionfest die Zukunft der Kirche Heilig Kreuz zur Sprache. Sie rückt in den Mittelpunkt, als am Nachmittag das Theaterhaus-Ensemble auf den Stufen vor dem Eingang das Stück „Licht, Luft, Sonne“ aufführt, in dem es um die Ideen des Neuen Frankfurts geht. Sonst ist die Kirche weitgehend ungenutzt. Gottesdienste gibt es dort kaum noch, Ende vergangenen Jahres wurde ein Meditationszentrum der katholischen Kirche geschlossen.
Jetzt will das Bistum Limburg das Gotteshaus verkaufen. Nachbarn fürchten, dass eine freikirchliche Gemeinde einzieht, deren konservative Positionen nicht in die weltoffene Atmosphäre der Siedlung passen. Von Jugendlichen kam schon die Idee, die Kirche als Kletterhalle zu nutzen – ein Vorbild dafür gibt es in Bad Orb. Frankfurts Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) hält die Kirche für einen wichtigen sozialen Ort im Quartier und will das Gespräch mit dem Bistum Limburg suchen. „Wir brauchen mehr Orte, an denen sich Menschen kostenfrei treffen können“, sagt er.
In der kleinen Ausstellung der Nachbarschaftsinitiative zeigen KI-generierte Bilder, wie die Zukunft der Siedlung aussehen könnte. Da wird die Allee mit einem Wochenmarkt belebt, ein trister Parkplatz hinter der Kirche wird zu einer Streuobstwiese, die Fassaden der Wohnblöcke werden begrünt. Und vor der Kirche entsteht ein Schwimmbecken. Es sind Beispiele, die zeigen, wie sich die soziale Utopie des Neuen Frankfurts in die heutige Zeit übersetzen lässt. Die Nachbarschaftsinitiative will dranbleiben.
