Die Deutsche Lufthansa hat am Mittwoch ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert, inmitten einer Streikwoche, die den Konzern und seine Passagiere spürbar belastet. Die Jubiläumsfeier im Besucherzentrum Hangar One am Frankfurter Flughafen stand damit im Spannungsfeld zwischen Rückschau, einem Blick in die Zukunft und akutem Tarifkonflikt.
Während Konzernchef Carsten Spohr, Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der größten europäischen Airline würdigten, demonstrierten die Vereinigung Cockpit (VC) und die Flugbegleitergewerkschaft UFO unmittelbar vor dem Hangar One. Das stieß bei einigen Jubiläumsgästen auf Unmut.
Exzellenz reicht nicht, man muss groß sein
Spohr zeichnete die Entwicklung der Lufthansa seit ihrer Gründung 1926 nach: von den frühen Jahren mit dichtem europäischem Netz über die NS-Zeit, in der die damalige Luft Hansa (die erst seit 1933 zusammengeschrieben wird) Teil des Regimes gewesen war und die NS-Luftwaffe mit aufbaute, bis zur bewussten Aufarbeitung dieser Vergangenheit in der Gegenwart.
Nach 1945 ermöglichten Spohrs Worten nach die Vereinigten Staaten die Rückkehr in den zivilen Luftverkehr. Die Lockheed Super Star, die auch im Hangar One steht, symbolisiert diesen Neustart. 1955 hob der erste Transatlantikflug LH400 nach New York ab. Das Jet-Zeitalter folgte, Lufthansa wurde Erstkunde bei neuen Flugzeugen, prägte Entwicklungen bei Boeing und Airbus und ist heute größter Airbus-Betreiber. Die Siebzigerjahre verbanden laut Spohr technischen Fortschritt und Terror: Die Boeing 747-100 läutete die Zeit der Großraumflugzeuge ein – und es kam zur Entführung des Passagierflugzeuges Landshut, dem Mord an ihrem Piloten Jürgen Schumann und ihrer Befreiung in Mogadischu.

In den Neunzigerjahren sei dann klar geworden, dass Exzellenz allein nicht reiche, man müsse groß sein, sagte Spohr. Lufthansa baute München als zweites Drehkreuz aus, gliederte Cargo und Technik aus und gründete die Star Alliance. Eine europäische Unternehmensgruppe wurde gebildet mit Swiss, Austrian, Brussels, Eurowings, City Airlines, jüngst kam ITA dazu. Zudem entwickelte man die Multi-Hub-Strategie für Widerstandsfähigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Merz: „Weniger Fliegen ist keine Option für Deutschland“
Dass sich die beiden Spartengewerkschaften UFO und Vereinigung Cockpit mit dieser Strategie schwertun, sei bekannt, sagte Spohr. „Dennoch gibt es keine Alternative.“ Die Lufthansa trage Verantwortung für Passagiere, mehr als 100.000 Beschäftigte, Millionen Tonnen Fracht und habe zudem volkswirtschaftlichen Einfluss. Das Ziel müsse sein, ihre Stellung im internationalen Wettbewerb zu sichern. Dafür müsse man profitabel arbeiten können, so Spohr.
Bundeskanzler Merz gratulierte Lufthansa und stellte das Fliegen als Erfüllung eines Menschheitstraums dar, mit Referenzen von Ikarus bis da Vinci. Die Lufthansa habe Deutschland geprägt und sei als Schlüsselunternehmen strategisch bedeutend für den Standort. Er würdigte die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und erinnerte an den Landshut-Piloten Jürgen Schumann, dessen Pflichtbewusstsein Vorbild sei, und begrüßte Gabriele von Lutzau, die Teil der Crew des entführten und in Mogadischu befreiten Flugzeugs gewesen war. Merz hob zudem die Rolle von Lufthansa-Technik bei der Unterstützung der Bundeswehr hervor.

Lufthansa und der deutsche Staat hätten in der Vergangenheit gut kooperiert, ob bei der Rückholung von Staatsbürgern aus Krisengebieten oder den schnell zurückgezahlten Corona-Hilfen. Die Bundesregierung verbessere zudem die Standortbedingungen für die Luftfahrt in Deutschland: Die Flugsicherungsgebühren seien gesenkt, die Erhöhung der Luftverkehrssteuer zurückgenommen worden, und an Regionalflughäfen werde die Flugsicherung finanziert. Auch sei die Kerosinbeimischungsquote gestrichen worden. „Ein Paket, das jährlich 500 Millionen Euro kostet“, so Merz weiter. Der Luftverkehr werde bis 2050 stark wachsen, Deutschland müsse daran teilhaben: „Weniger Fliegen ist keine Option für den Wirtschaftsstandort“, sagte Merz.
Streik in aller Munde
Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley spannte den Bogen über ein Jahrhundert Luftfahrt, einschließlich der „dunklen Kapitel“ der ersten Lufthansa im Nationalsozialismus. Es sei im Jubiläumsjahr wichtig, hierfür Verantwortung zu übernehmen. Zugleich gelte es jedoch, die Pionierleistungen der Vorgänger zu würdigen. Kley kritisierte die Spartengewerkschaften scharf: Die Eskalation lasse die Kunden auf der Strecke. Er dankte jenen Mitarbeitern, die den Betrieb aufrechterhalten, und warb beim Kanzler für eine Debatte über eine Veränderung des Streikrechts, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Derzeit seien Arbeitgeber „nur Zuschauer am Spielfeldrand“. Deutschland müsse im Luftverkehr Kosten senken. Europäische Airlines litten unter einseitiger Regulierung, während außereuropäische Wettbewerbsvorteile hätten.

So war also auch die Streikwoche am Festakt in aller Munde. Am Mittwoch kristallisierte sich ein Bild von Arbeitskampforganisationen heraus, die um ihre Rolle im Konzern kämpfen. Lufthansa hatte sich vor Kurzem mit Verdi für die junge und wachsende Tochter City Airlines geeinigt. Die Spartengewerkschaften UFO und VC, die in dieser Woche streiken, wurden dort nicht beachtet.
Die verhärteten Positionen zwischen den Gewerkschaften und der Lufthansa können dem Vernehmen nach als Überlebenskampf der Spartenorganisationen gedeutet werden, die zum Großteil die ohnehin nicht profitable Lufthansa-Kernmarke vertreten. Um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern, sei daher der Ansatz von Verdi, Einigungen zu erzielen, wie Marvin Reschinsky, Gewerkschaftssekretär bei Verdi für Lufthansa, im Gespräch mit der F.A.Z. sagte.
VC-Präsident Andreas Pinheiro schlug auch am Mittwoch beim Jubiläum abermals ein Schlichtungsverfahren durch einen unabhängigen Dritten vor. Er kündigte zudem an, dass zumindest für nächsten Montag keine weiteren Streiks geplant seien. Eine Einigung mit der Lufthansa sei aber derzeit nicht absehbar. Dass Verdi und der Konzern übereingekommen sind, wird von VC und UFO derweil kritisch beäugt.
