
Zwischen 1977 und 1985 wurden in Monte Verde westlich der Stadt Puerto Montt im Süden Chiles prähistorische Siedlungsspuren ausgegraben, derentwegen man Geschichtsbücher umschrieb.
Der Fundplatz war schon dadurch etwas Besonderes, dass er nicht in einer Höhle oder unter einem Felsüberhang lag, sondern auf offener Fläche am Ufer eines kleinen Flüsschens, 58 Kilometer von der Küste des Pazifischen Ozeans entfernt. Dort hatten Menschen Holzbalken zu Rahmen gefügt und daraus zeltähnliche Behausungen geschaffen. Ein späterer Anstieg des Wassers hatte die Siedlung überschwemmt und das Areal in sumpfiges Gelände verwandelt, in dem das Holz erhalten blieb.
Die wahre Sensation aber war das Alter. Datierungen durch Bestimmung des Gehaltes an radioaktivem Kohlenstoff in den Hölzern sprachen für die Anwesenheit von Menschen in Monte Verde vor etwa 14.500 Jahren. Dies ist der Wert aus den jüngsten Analysen von insgesamt 43 Messungen, welche die Ausgräber – Mario Pino von der Universidad Austral de Chile in Valdivia und Tom Dillehay, der heute an der Vanderbilt University in Nashville in den USA lehrt – im Jahr 2023 in der Fachzeitschrift Antiquity veröffentlichten. Demnach ist der Fundhorizont Monte Verde II fast anderthalbtausend Jahre älter als die Hinterlassenschaften der Clovis-Kultur in Nordamerika, die bis dahin als die frühesten Spuren menschlicher Anwesenheit in der sogenannten Neuen Welt galten.
Vulkanasche passt nicht ins Bild
Doch nun ist Monte Verde II seinen Rang als Kronzeuge für eine frühere, Prä-Clovis-Ausbreitung des Homo sapiens über den amerikanischen Doppelkontinent möglicherweise wieder los. Ein Team amerikanischer und chilenischer Forscher um Todd Surovell von der University of Wyoming hat die Stätte neu untersucht und festgestellt, dass die Sedimente, auf der die prähistorischen Spuren gefunden wurden, deutlich jünger sind und das seinerzeit datierte Holz aus älteren Schichten in das ausgewaschene Tal hineingeschwemmt worden sein musste.
Obendrein identifizierten Surovell und Kollegen unterhalb des archäologischen Fundhorizonts eine Schicht Vulkanasche aus einer Eruption vor rund 11.000 Jahren. Wie die Forscher nun in einer Veröffentlichung ihrer Befunde in Science schreiben, ist die Siedlung nach ihren Erkenntnissen nur zwischen 8200 und 4200 Jahren alt.
Nun gibt es noch eine ganze Reihe anderer potentieller Prä-Clovis-Fundstätten, bei denen aber bisher entweder die Interpretation als menschliche Hinterlassenschaft oder aber die Korrektheit der Datierung im Zweifel stand. Letzteres gilt auch für die nur hundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Flüsschens gelegene Fundstelle Monte Verde I, wo zumindest Mario Pino Anhaltspunkte für ein sogar noch höheres Alter sah. Für Monte Verde II aber ist der Status als menschlicher Siedlungsplatz aufgrund der Funde sicher, und die Datierungen haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer mehr Forscher überzeugt.
Algenprodukte im Inland
Das hatte nun erhebliche Auswirkungen auf das Verständnis der Erstbesiedelung der beiden Amerikas. Mit den Clovis-Leuten als den frühesten Ankömmlingen konnte man davon ausgehen, dass die Menschen aus Asien und über das damals noch über dem Meeresspiegel liegende Gebiet der heutigen Beringstraße durch einen eisfreien Korridor im Westen des heutigen Kanada kamen, um sich anschließend über Nord- und bald auch Südamerika auszubreiten. Doch dieser Korridor hatte sich im Abklingen der jüngsten Eiszeit erst kurz zuvor geöffnet. Wenn es deutlich ältere Prä-Clovis-Fundstätten gab, dann mussten die ersten Amerikaner auf einem anderen Weg gekommen sein.
Mit Monte Verde II gab es nun Anhaltspunkte für eine Ausbreitung per Boot entlang der Westküsten der beiden Teilkontinente. Für eine marine Orientierung der Menschen in Monte Verde sprechen etwa Funde von Seetangresten in der Siedlung. Trotz der erheblichen Entfernung ihres Siedlungsplatzes vom Meer scheinen sie das Produkt als Nahrungsbestandteil oder zu medizinischen Zwecken herangeschafft zu haben. Die neue Datierung von Surovell und Kollegen stellt diesen Bezug der Monte-Verde-Leute zum Meer nicht infrage – wohl aber, dass er irgendetwas über den Weg der ersten menschlichen Bewohner des Landes sagt.
Natürlich nur dann, wenn sich die Ergebnisse des Surovell-Teams erhärten lassen. Mit Widerspruch, zumindest aber sehr kritischen Blicken auf ihre Analysen werden sie nun rechnen müssen, zu stimmig war bisher das Bild, in das sich die frühe Datierung einfügte. Zumal immer mehr andere Fundstätten die Clovis-zuerst-Hypothese infrage stellen. Die Datierung menschlicher Fußspuren im White Sands-Nationalpark im amerikanischen Bundesstaat New Mexiko auf ein Alter von 21.000 bis 23.000 Jahren wurde jüngst erst von einer unabhängigen Überprüfung bestätigt.
Es mag sich dabei um Zeugnisse vorübergehender Vorstöße des Menschen nach Amerika handeln, denen zunächst keine bleibende Präsenz folgte. Die Frage ist aber, ob es wirklich erst die Clovis-Leute waren, die in die Neue Welt kamen und dort blieben – und sie wird die Prähistoriker wohl auch unabhängig von der Debatte um die Datierung des Lagers von Monte Verde II in Zukunft immer wieder beschäftigen.
